Gespräch mit Bürgermeister Sebastian Seidel über die Corona-Situation
„Dafür gibt‘s kein Drehbuch“

Everswinkel -

Die fast schon unbeschwerten Sommermonate sind vorbei. Jene Zeit, als die Infektionszahlen der Corona-Pandemie stark zurückgegangen waren, der Alltag wieder etwas Normalität erreicht hatte. Doch schon seinerzeit gab es warnende Stimmen, die eine zweite Infektionswelle prophezeiten. Jetzt ist sie da. WN-Redakteur Klaus Meyer sprach mit Bürgermeister Sebastian Seidel über Fallzahlen, Konsequenzen, Regeln, ausgefallene und mögliche Veranstaltungen, Karneval und mehr.

Samstag, 24.10.2020, 09:15 Uhr aktualisiert: 28.10.2020, 20:35 Uhr
Mund-Nase-Masken sind – neben der Abstandswahrung und der Hygiene – die wesentlichen Mittel, um die Ausbreitung der Corona-Infektion zu minimieren.
Mund-Nase-Masken sind – neben der Abstandswahrung und der Hygiene – die wesentlichen Mittel, um die Ausbreitung der Corona-Infektion zu minimieren. Foto: Klaus Meyer

Das Infektionsgeschehen nimmt ein Ausmaß an, das jenes vom Frühjahr noch übertrifft – ein Corona-Tsunami, der übers Land rollt. Der Kreis Warendorf ist Risikogebiet, weil in Ahlen die Infektionszahlen explodiert sind. Die Folgen der Welle sind auch in der Vitus-Gemeinde zu spüren.

 

Herr Seidel , auf der interaktiven Corona-Karte des Kreises liegt Everswinkel in einem „roten Streifen“ bei den Fallzahlen. Der Eindruck: die Gemeinde ist ein Hotspot. Dem ist aber ja wohl nicht so . . .

 

Seidel: Derzeit, Stand Freitag, gibt es in unserer Gemeinde sechs Infizierte. Die 7-Tage-Inzidenz berechnet sich immer für den gesamten Kreis und liegt zurzeit bei 79,2. Hätten wir nicht die große Anzahl an Fällen im Kreis Warendorf und die Tatsache, dass viele Menschen die Zahlen schnell auf ihre Heimatgemeinde runterbrechen, um einen lokalen Inzidenzwert zu ermitteln, würde über fünf Fälle in der Gemeinde Everswinkel wahrscheinlich niemand sprechen. Damit möchte ich aber das Corona-Virus keineswegs verharmlosen.

 

Somit kann der Inzidenzwert heruntergebrochen auf eine kleinere Kommune einen falschen Eindruck erwecken?

 

Seidel: Die ,Macht der kleinen Zahlen‘ führt zu einem verzerrten Bild. Weil der Inzidenzwert auf 100 000 Einwohner bezogen wird, reichen bei 10 000 Einwohnern bereits sechs Infizierte, damit der Inzidenzwert von 50 überschritten wird. Wenn wir diese Zahlen beispielsweise auf Ortsteile oder Baugebiete herunterbrächen, dann würden noch weniger Fälle ausreichen. Das hat so kleinräumig wenig Aussagekraft. Man muss es im Gesamtkontext sehen. Und da ist der Kreis derzeit in einem kritischen Bereich.

 

Über viele Wochen im Sommer hatte die Gemeinde keinen einzigen neuen Infektionsfall. Jetzt sind es fünf in sieben Tagen. Beunruhigt Sie das schon?

 

Seidel: Das allein beunruhigt mich noch nicht, weil es sich noch immer um vereinzelte Fälle handelt. Ebenso weiß ich aus einem Videotelefonat mit einer in Quarantäne befindlichen Person, dass die Mechanismen von Corona-Warn-App über telefonische Info durch das Kreisgesundheitsamt bis hin zur Zustellung des Quarantänebescheids durch das gemeindliche Ordnungsamt gut und schnell gegriffen haben. Aber dennoch müssen wir alle weiterhin diszipliniert die Corona-Regeln beachten. Im Übrigen muss ich auch noch einmal ein großes Lob an alle meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aussprechen, die seit Monaten ,quasi über Nacht‘ eine neue Aufgabe dazu bekommen haben und diese à la bonne heure bewältigen. Und das betrifft die gesamte Mannschaft, für die die  Pandemie Veränderungen und geänderte Aufgabenstellungen mit sich gebracht hat.

 

Welchen Eindruck haben Sie, wie umsichtig die Bürger mit der Corona-Situation und den Regeln der Schutzverordnung umgehen? Sehen Sie Unterschiede zwischen der Frühphase März/April zum Herbst?

 

Seidel: Ich habe den Eindruck, dass die Menschen in unserer Gemeinde sehr verantwortungsvoll mit den Regeln umgehen. In der Frühphase waren alle geschockt von den Bildern aus der Lombardei oder Nord-Frankreich. Die Kontakte hatte jeder von uns damals auf ein absolutes Minimum reduziert. Es hat lange gedauert, bis die Maskenpflicht kam. Jetzt haben die Menschen eine gewisse Routine im Umgang mit dem Virus gelernt. Allerdings darf ein routinierter Umgang nicht zu mangelnder Umsicht führen. Wie schnell sich das Virus verbreiten kann, zeigen uns die allgemein ansteigenden Zahlen. Gerade jetzt ist es wieder angezeigt, die Kontakte auf das Notwendigste zu reduzieren.

 

Was kann die Gemeindeverwaltung noch pro-aktiv tun, um das Infektionsgeschehen in der Gemeinde auf kleinster „Flamme“ zu halten?

Bürgermeister Sebastian Seidel: „Wir können immer nur an die Vernunft der Bürgerinnen und Bürger appellieren.“

Bürgermeister Sebastian Seidel: „Wir können immer nur an die Vernunft der Bürgerinnen und Bürger appellieren.“ Foto: Klaus Meyer

 

Seidel: Wir können immer nur an die Vernunft der Bürgerinnen und Bürger appellieren. Möglicherweise bieten die Corona-Regeln hier und da noch ein rechtliches Schlupfloch. Das kommt dann daher, dass auch für die Juristen im Gesundheitsministerium, die die Regeln erstellen, die Situation neu ist. Für eine solche Pandemie gibt es eben kein Drehbuch. Nicht alles, was man rechtlich darf, muss man vor dem Hintergrund einer solchen Pandemie auch tun. Denn das Virus ,denkt‘ nicht in den Kategorien rechtlicher Zulässigkeit oder Unzulässigkeit. Weiterhin können wir immer nur an die Menschen appellieren, die fünf Bausteine gegen die Ausbreitung umzusetzen: Abstand, Hygieneregeln, Alltagsmasken, Corona-Warn-App und Lüften.

 

Wäre ein erneuter Lockdown für Everswinkel und Alverskirchen bei steigenden Zahlen denkbar?

 

Seidel: Einen Lockdown allein für Everswinkel und Alverskirchen sehe ich nicht. Es gibt auch Stimmen renommierter Verfassungsrechtlicher wie Ferdinand Kirchhof und Gertrude Lübbe-Wolf, die rechtliche Bedenken an einem zweiten generellen Lockdown äußern. Dass diese Diskussion eine theoretische bleibt, liegt aber einzig und allein an uns. Wir haben es alle in der Hand, dass sich das Virus nicht weiter ausbreitet und niemand der Regierenden eine solche Entscheidung treffen müsste, die erhebliche negative Folgen für die Wirtschaft mit sich brächte.

 

In der Gemeinde sind in den vergangenen Monaten zahlreiche Veranstaltungen ausgefallen bzw. abgesagt worden. Die Fassung der Corona-Schutzverordnung vom 19. Oktober enthält neue Festsetzungen. Was ist denn derzeit vor Ort noch möglich beispielsweise im Hinblick auf die Bereiche Kultur und Feste?

 

Seidel: Es ist sehr bedauerlich, dass viele Veranstaltungen ausgefallen sind. Denn zum einen fehlt da ein ganz wichtiger Teil in unserem gesellschaftlichen Leben, zum anderen aber hängen gerade an der Gastro- und Veranstaltungsbranche – und da beziehe ich die vielen Künstler ausdrücklich mit ein – auch viele Existenzen. Über die psychischen Auswirkungen für die Betroffenen, die einerseits um die Existenz bangen, andererseits aber ihren Beruf, der zumeist Berufung ist, nicht mehr ausüben können, möchte ich gar nicht nachdenken. In unserem Kreis ist seit einigen Tagen die Gefährdungsstufe II festgestellt. Das bedeutet, dass auf Veranstaltungen, also Konzerten, Vortragsabenden, Versammlungen oder ähnlichem maximal 100 Personen anwesend sein dürfen. Selbst bei Einhaltung des Mindestabstands von 1,5 Metern gilt in geschlossenen Räumlichkeiten zudem nun eine Maskenpflicht; das war bisher nicht so. Ausgenommen sind Moderatoren oder Vortragende. Bei Feiern aufgrund eines herausragenden Anlasses (etwa Hochzeit, Ehejubiläum, runder Geburtstag) kann auf das Tragen einer Maske verzichtet werden. Die Personenzahl ist dabei allerdings auf zehn beschränkt. In der Öffentlichkeit dürfen sich maximal fünf statt bisher zehn Personen aus verschiedenen Haushalten zusammen aufhalten.

 

Die Corona-Schutzverordnung gilt zunächst bis Ende Oktober, aber es ist zu vermuten, dass sich die Infektionsproblematik durch den gesamten Herbst und Winter ziehen wird. Wäre beispielsweise ein Weihnachtsmarkt aus derzeitiger Sicht denkbar?

 

Seidel: Die von mir skizzierten Regeln greifen derzeit im Kreis Warendorf, weil die Gefährdungsstufe II festgestellt worden ist. Sofern sich etwas ändert, werden wir das auf unserer Homepage, über die Everswinkel-App und ich persönlich über meine Social-Media-Kanäle kommunizieren. Die Landjugend Alverskirchen, die den Alverskirchener Adventsmarkt alle zwei Jahre mit großem Engagement organisiert, hat diesen bereits abgesagt.

 

Wie sieht es für die neue Karnevalssession aus? Es war ein Gespräch zwischen Ihnen und den Vertretern der Karnevalsvereine geplant. Zu welchem Ergebnis ist man da gekommen? Kann es eine Form des Sitzungskarnevals in 2021 geben? Ist der Straßenkarneval vorstellbar?

 

Seidel: Wir haben gemeinsam mit den Karnevalisten verschiedene Optionen durchgespielt. Für die Gemeindeverwaltung wie auch die Karnevalisten haben das Wohl und die Gesundheit der Beteiligten und Zuschauer oberste Priorität. Die Karnevalisten werden jetzt überlegen, inwieweit ihre Ideen mit vertretbarem Aufwand vor dem Hintergrund der Corona-Regeln – damit meine ich nicht die Regeln der Gefährdungsstufe II, sondern die ,normalen‘ Regeln – umsetzbar sind. Alles wird natürlich in enger Abstimmung mit uns laufen.

 

Für die Gastronomie gilt ab 23 Uhr die Sperrstunde, in den Geschäften sind maximale Personenzahlen zu beachten, beim Sport sind Vorkehrungen zu treffen und Regeln zu beachten – wird dies alles von der Gemeinde überwacht? Ist das überhaupt möglich?

 

Seidel: Wir haben in unserer Gemeinde insgesamt eine relativ übersichtliche Situation und einen sehr guten Draht zu den Akteuren. Bei jeder wesentlichen Änderung der rechtlichen Situation sprechen wir mit allen Gastwirten, allen Mietsaal-Anbietern, allen Sportvereinen etc. Tatsächlich trafen wir in der Vergangenheit immer auf offene Ohren und Verständnis. In der Regel waren es sogar die Gastronomen, die um Vor-Ort-Termine gebeten haben, ,um sich das mal zusammen anzusehen‘. Wir waren – zum Teil mehrmals – bei Friseuren, Kosmetikern, Gastwirten, Einzelhändlern und sportlichen Einrichtungen. Kontrollen finden dann anlassbezogen statt.

 

Im Frühjahr wurde von der Gemeinde auch ein Sicherheitsdienst engagiert, um die  Einhaltung der Regelungen  zu überwachen. Wird so eine Unterstützung wieder ins Auge gefasst?

 

Seidel: Wenn wir dafür einen Bedarf sehen, könnten wir uns das vorstellen.

 

Es sind keine 70 Tage mehr bis zum Jahr 2021. Ist es denkbar, dass dieses Jahr – auf dem sicherlich viele Hoffnungen in puncto Pandemie-Bekämpfung und Normalisierung des Lebens ruhen – erstmals ohne den traditionellen Neujahrsempfang starten muss?

 

Seidel: Noch liegt die Betonung auf ,traditionell‘ und nicht auf ,Neujahrsempfang‘. Ich möchte nämlich noch nicht ausschließen, dass es einen Neujahrsempfang in irgendeiner Form geben wird. Wenn es diesen allerdings geben sollte, dann wird er sich sicherlich von den bisherigen Neujahrsempfängen unterscheiden.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7645985?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F106%2F128%2F
Nachrichten-Ticker