Gespräch mit den Spitzen der Karnevalsvereine zum 11.11.
Die verlorene Session

Everswinkel -

Die „11“ ist für den närrischen Teil der Bevölkerung eine eminent wichtige Zahl. Am heutigen Tag, dem 11.11., bricht jährlich – ganz genau um 11.11 Uhr – mit schöner Regelmäßigkeit schon mal für einen Tag „die Hölle los“. Die Karnevalisten feiern lautstark den Beginn der neuen Session. Diesmal nicht. Die närrische Session ist gelaufen, bevor sie überhaupt begonnen hat. Ein Gespräch mit den Spitzen der Everswinkeler Karnevalsvereine.

Mittwoch, 11.11.2020, 08:10 Uhr aktualisiert: 11.11.2020, 12:54 Uhr
Am heutigen Mittwoch beginnt die Karnevalssession 2020/21 – und sie ist auch gleich mehr oder weniger beendet.
Am heutigen Mittwoch beginnt die Karnevalssession 2020/21 – und sie ist auch gleich mehr oder weniger beendet. Foto: Klaus Meyer

Der Sessionsstart ist ein alter Brauch mit historischen Wurzeln. Karneval wird vor der Fastenzeit, sprich vor Ostern gefeiert. Da diese Fastenzeit früher mal mit dem Martinstag begann und bis Weihnachten dauerte, wurde vorher noch mal richtig auf den Putz gehauen und es wurden alle Lebensmittel verzehrt, auf die es in der Fastenzeit zu verzichten galt – in der „Fastnacht“. So richtig beginnt der Karneval dann aber erst im neuen Jahr, der mit den Karnevalssitzungen und dem Karnevalsumzug – alles meist elf Minuten von der vollen Stunde entfernt – seine Höhepunkte hat. Diesmal nicht. WN-Redakteur Klaus Meyer sprach mit Lars Thiemann (Kolping-Karnevalspräsident), Christian Meierhoff (Karnevalspräsident BSHV/MGV), Sandra Jurdeczka (Möhnen) und Marcel Veltmann (Vorsitzender Everswinkeler Karnevalsgesellschaft „Fünfte Jahreszeit“) über Karneval und Corona.

 

Am 11.11. ist traditionell Start in die närrische Session. Diesmal ist durch Corona alles anders. Die Corona-Schutzmaßnahmen machen einen bunten Auftakt unmöglich. Was machen Sie an dem Tag?

 

Veltmann: Am 11.11. habe ich immer mein Karnevalsoutfit aus dem Schrank hervorgeholt und überprüft, ob noch alles beisammen ist. Der eigentliche Karnevalsauftakt in Everswinkel ist traditionell am Samstag nach dem 11.11. Es wäre also der 14.11 gewesen. Wir sagen in diesem Jahr nicht das Brauchtum Karneval ab. Dieser Festkomplex ist wie Weihnachten, Ostern und Pfingsten im christlichen Kalendarium verankert. Was wir leider absagen müssen, sind die geselligen Zusammenkünfte. Wir müssen alle versuchen, das Kulturgut Karneval in dieser Session anders zu leben. Mit Kreativität, Mut und Ideenreichtum müssen wir den Karneval und das Vereinsleben aufrechterhalten.

 

Die Hoffnungen auf einen baldigen Impfstoff sind groß, aber die Verteilung wird dauern. Der Sitzungskarneval dürfte damit wohl nicht möglich sein . . .

 

Meierhoff: Nein, eine Karnevalssitzung wird nicht stattfinden können. Das geht dem Elferrat schwer ab, da es des karnevalistische Highlight für alle Rotjacken und die Besucher unserer Karnevals-Parade ist.

 

Thiemann: Uns vom Kolping V-Team geht es leider genauso. Wir werden in dieser Session keine Karnevalssitzung veranstalten. Diese Entscheidung ist uns sehr schwer gefallen, aber in diesen Zeiten ist das die einzige richtige Entscheidung.

 

Wann hat man über die Absage entschieden?

 

Meierhoff: Wir haben uns sämtliche Optionen möglichst lange offen gehalten und abgewogen. Die Absage kam kurz vor dem zweiten Lockdown.

 

Veltmann: Wir haben die Absage für den Karnevalsauftakt am 14.11 bereits bei der Jahreshauptversammlung der EKG am 11. September bekannt gegeben. Bei dem Rest schließe ich mich Christian an: kurz vor dem zweiten Lockdown.

 

Thiemann: Wir Präsidenten standen so gut wie täglich in Kontakt miteinander und haben geplant, wie wir es vielleicht doch schaffen, eine Karnevalsveranstaltung zu organisieren. Die Entscheidung der kompletten Absage fiel kurz vor dem zweiten ,Lockdown light‘.

 

Hat man zwischendurch überlegt, eine kleinere Veranstaltung zu planen?

 

Veltmann: Es gab ein Gespräch mit dem Bürgermeister und Herrn Welzel vom Ordnungsamt. Es ging um die Idee, ein Outdoor-Bühnenprogramm mit allen Karnevalsvereinen am Rosensonntag zu organisieren. Leider mussten wir aufgrund der jetzigen Lage davon wieder Abstand nehmen. Vielleicht besteht bis Mitte Februar noch die Möglichkeit, kurzfristig eine kreative Aktion im überschaubaren Rahmen unter den aktuellen Auflagen auf die Beine zustellen.

 

Was passiert mit den ganzen karnevalistischen Gruppen, von den Möhnen über die Blau-Weißen Funken und Präsidentengarde bis zu den Tanzgruppen? Lassen die alle ihre Narrenkleidung im Schrank?

 

Jurdeczka: Wir hoffen, uns nach dem 2. Lockdown wieder regelmäßig treffen zu können; denn das ist für die Gemeinschaft und den Zusammenhalt noch wichtiger als das Einstudieren eines Tanzes: Und das muss auch mal ohne Narrenkleidung gehen.

 

Für die großen Karnevalssitzungen werden oft auch auswärtige Bühnengäste eingeladen. Hatte man für 2021 schon „Einkäufe“ getätigt? Kommt man aus den Verträgen wieder schadlos heraus?

 

Meierhoff: Ein im Sommer geschlossener Vertrag konnte sehr partnerschaftlich aufgelöst werden. Hier gibt es keine kaufmännischen Verpflichtungen und dennoch ein karnevalistisches Versprechen, dass wir die Künstler in der folgenden Session sehen werden.

 

Thiemann: Bei uns wurden keine Einkäufe getätigt. Wir versuchen zu unserem Fest auch immer regionale Akteure zu zeigen. In diesem Jahr konnten wir den geplanten Akteuren aufgrund der Corona-Krise sehr spontan absagen. Wir hoffen natürlich, dass die bei unserem nächsten Fest wieder mit vollem Elan dabei sind.

 

Thema Finanzen: Es entstehen praktisch keine Kosten, aber es gibt auch keine Einnahmen. Wie wirkt sich Corona auf die Kassenlage der Vereine aus?

 

Veltmann: Die Fixkosten wie Versicherung etc. laufen bei uns weiter. Wobei es schon gute Gespräche mit unserer Versicherungsagentur gab, die darauf schließen lassen, dass die einen oder anderen Kosten noch eingespart werden können.

 

Meierhoff: Als Verein haben wir weiter laufende Kosten. Die können wir in diesem Jahr nicht durch Einnahmen aus unseren Veranstaltungen refinanzieren. Kritisch ist dieses bisher nicht zu bewerten, aber schön ist selbstverständlich auch nicht.

 

Hatte der Kolping schon einen Kandidaten für die Prinzen-Rolle? Proklamieren wird man ihn vermutlich nicht . . .

 

Thiemann: Wir hatten in der Tat ein super Prinzenpaar mit Elferrat für die neue Session. Allerdings, und diese Meinung teile ich sehr, möchte man als Prinz eine komplette Session mit allem, was dazu gehört, feiern. Also vom 11.11. bis Aschermittwoch. Und so haben wir uns darauf geeinigt, dass wir dieses Prinzenpaar diese Session nicht vorstellen und proklamieren. Jetzt bei der Komplettabsage der Veranstaltungen war das auch die richtige Entscheidung. Es gilt die Regel: Aufgeschoben ist nicht aufgehoben.

 

Es soll dennoch einen Karnevals-Pin geben. Was hat es damit auf sich?

 

Veltmann: Wir Karnevalsvereine haben uns für diese besondere Session zusammengetan und einen gemeinschaftlichen Everswinkeler Karnevals-Pandemie- Pin gestaltet. Wir möchten hiermit ein Zeichen setzen, dass das Brauchtum Karneval trotz Pandemie weitergelebt wird. Wir würden uns freuen, wenn die Karnevalisten – und damit sind nicht nur die Aktiven gemeint – bei den kommenden Karnevalsfesten in der Session 21/22 alle diesen Pin an ihrem Kostüm tragen.

So soll er aussehen, der Everswinkeler Karnevals-Pin 2021. Der Vitus-Eber mit Narrenkappe und vier bunten Corona-Masken.

So soll er aussehen, der Everswinkeler Karnevals-Pin 2021. Der Vitus-Eber mit Narrenkappe und vier bunten Corona-Masken. Foto: privat

 

Ist sonst noch irgendetwas als Ersatz oder Trost geplant? Vielleicht eine Online-Polonäse oder Videos von Gardetänzen mit Maske und Abstand?

 

Jurdeczka: Von der ursprünglichen Idee müssen wir ja auch leider absehen, aber ich bin mir sicher, dass wir uns gemeinsam mit den Präsidenten noch etwas einfallen lassen.

 

Die Möhnen erobern mit Gefolge Jahr für Jahr das Rathaus. Den Schlüssel muss der Bürgermeister am Weiberfastnachtstag 2021 erstmals seit Jahrzehnten nicht herausrücken. Bleiben die „wilden Weiber“ an dem Tag brav zu Hause?

 

Jurdeczka: Unser Ziel am Altweibertag ist es nicht nur, den Rathausschlüssel zu erobern, sondern auch mit allen Vereinen und Bürgern diesen Tag in großer Geselligkeit und Ausgelassenheit zu feiern. All das ist in der Pandemie leider nicht denkbar, und so müssen wir schweren Herzens darauf verzichten und hoffen, durch den Impfstoff in der Session 21/22 es wieder richtig krachen zu lassen.

 

Die Straßenkarnevalisten sind ja besonders gebeutelt, weil der Zug schon in diesem Jahr wetterbedingt ausfiel. Für 2021 ist das Thema auch durch?

 

Veltmann: Ja, leider müssen wir auch für 2021 den Karnevalsumzug am Rosensonntag absagen. Für 9 000 bis 10 000 Zuschauer an der Straße und gut 2 000 aktive Karnevalisten auf den Wagen und bei den Fußgruppen können wir kein Hygienekonzept erstellen und es auch noch kontrollieren.

 

Wie frustrierend ist es für so aktive Karnevalisten, auf den ganzen fröhlich-bunten Spaß zu verzichten?

 

Meierhoff: Der Artikel 7 des kölschen Grundgesetzes besagt ,Wat wells de maaache?‘, was so viel bedeutet wie ,füge dich deinem Schicksal‘. Für die Mitglieder des Elferrats ist der Karneval zwar die wichtigsten Nebensache der Welt, aber dennoch ist keiner frustriert ob der Situation. Wir sind eine Truppe von positiver Energie geladener Vollblutkarnevalisten und denken nach vorne. 2022 setzen wir auf die vergangenen Karnevalsfeste noch einen drauf, das steht schon jetzt für alle fest.

 

Veltmann: Geduld und Ausdauer ist das was zählt in diesen Tagen. Die Jecken der EKG haben sich dies auf die Fahne geschrieben. Vorfreude ist bekanntlich die größte Freude, und somit freuen wir uns jetzt schon riesig. wenn es am 13. November 2021 pünktlich um 20.11 Uhr heißt: ,Ein dreifaches Everswinkel Helau‘.

 

Gibt‘s auch Tröstendes?

 

Veltmann: Der Zusammenhalt ist da und muss aufrechterhalten werden, dann steht einer Session 21/22 hoffentlich nichts im Wege.

 

Thiemann: In dieser Krise hat sich gezeigt, wie gut wir Vereine zusammenarbeiten können. Ich habe wieder mal gemerkt, wie viele gute Leute wir in unseren Reihen haben, die so viel Fleiß und Energie in den Karneval stecken. Das steigert die Freude auf die nächste Session.

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