Interview statt Neujahrs-Empfang mit dem Bürgermeister
Selbst die Welt besser machen

Everswinkel -

Früher lange Zeit am Neujahrstag, dann mit Bürgermeister Sebastian Seidel fortan am dritten Sonntag im Januar. Der Neujahrs-Empfang der Gemeinde hat eine lange Tradition. In diesem Jahr kann sie erstmals nicht fortgeführt werden. Corona macht das Treffen mit bilanzierenden Betrachtungen, aufrüttelnden Worten und guten Wünschen unmöglich. Im Gespräch mit den WN macht Bürgermeister Seidel das, was er sonst beim Empfang macht: Eine Bewertung des vergangenen Jahres und einen Ausblick auf die Ziele des neuen Jahres. Und er macht Musik. Zumindest gedanklich.

Samstag, 09.01.2021, 07:59 Uhr
2020 ist überstanden, 2021 mit Lockdown gestartet: Bürgermeister Sebastian Seidel zieht eine Bilanz des Corona-Jahres und blickt auf die Ziele der kommenden Monate.
2020 ist überstanden, 2021 mit Lockdown gestartet: Bürgermeister Sebastian Seidel zieht eine Bilanz des Corona-Jahres und blickt auf die Ziele der kommenden Monate. Foto: Klaus Meyer

Winfried Richter – seinerzeit stellvertretender Bürgermeister und in Vertretung für den verhinderten Bürgermeister Ludger Banken – bezeichnete die Veranstaltung 2013 mal als „schwer zu fassende Mischung aus Rückschau und Wehmut, Befürchtung und Optimismus, Freude und guten Wünschen“. In diesem Jahr reißt die Serie. Der Empfang ist abgesagt. Corona hat das Jahr 2020 in vielerlei Hinsicht in ein Trümmerfeld verwandelt und arbeitet sich nun weiter an 2021 ab. WN-Redakteur Klaus Meyer sprach mit Bürgermeister Seidel über das, was vom vergangenen Jahr in Erinnerung bleibt und was vom neuen Jahr zu erwarten ist.

 

Herr Seidel, statt vor rund 100 Zuhörern im Ratssaal zu stehen, das vergangene Jahr aus Ihrer Sicht zusammenzufassen und einen Blick auf 2021 zu werfen, erzählen Sie mir, was Sie bewegt hat. So hatten Sie sich das sicher nicht vorgestellt….

 

Seidel: Wahrscheinlich hatte sich das Jahr 2020 niemand so vorgestellt, wie es letztendlich gelaufen ist. Bewegt hat mich seit dem Beginn der Corona-Pandemie, wie wir als gesamte Gemeinde bisher durch die Situation gekommen sind. Alles war bisher sehr stark geprägt von Vernunft, Tatkraft und Zusammenhalt. Ich hoffe sehr, dass uns das auch mit den neuerlichen – noch stärkeren Einschränkungen – weiterhin gelingt. Mich persönlich hat natürlich im positiven Sinne sehr bewegt, dass mir der Großteil der Wählerinnen und Wähler erneut das Vertrauen ausgesprochen hat, für die nächsten Jahre Bürgermeister unserer Gemeinde zu sein.

 

Ich vermute mal, den Sekt hat die Gemeinde diesmal gar nicht erst eingekauft. Hatte man denn schon einen Gastredner im Auge oder gar eingeladen?

 

Seidel: Als Sie mich das letzte Mal im Oktober dazu befragt hatten, wollte ich den Neujahrs-Empfang noch nicht abschreiben und die Vorbereitungen sollten starten. Allerdings kam dann zunächst der sogenannte ,Lockdown light‘ sowie dessen Verlängerung und dann der ,harte Lockdown‘ inklusive der in dieser Woche beschlossenen Verschärfungen. Daher wurde mir leider sehr schnell vor Augen geführt, dass da eher der Wunsch Vater des Gedankens war.

 

Wenn Sie sich als „Wunschkonzert“ einfach mal einen Referenten frei aussuchen könnten: Wer wäre das und zu welchem Thema?

 

Seidel: Mich persönlich interessiert Geschichte sehr, denn das hilft, Zusammenhänge besser zu verstehen. Deswegen sind solche Vorträge für mich immer total spannend. Die Gemeinde Everswinkel ist im Zuge der kommunalen Neuordnung in den 1970er Jahren selbstständig geblieben. Das ist das Fundament, auf dem die Bürgermeister und Räte unsere Gemeinde über Jahrzehnte so gut gestalten konnten. Jemand, der über diese Zeit viel erzählen könnte, wäre Günter Homann gewesen, der mit anderen Personen maßgeblich zum Erhalt der Selbstständigkeit beigetragen hat. Leider ist er 2019 verstorben.

 

Was hat Sie denn am meisten geschmerzt im Corona-Jahr 2020?

 

Seidel: Mitte März hatten wir mit einigen Vereinen bereits gesprochen, dass sie auf ihre geplanten Veranstaltungen verzichten müssten. Am 12. März saß ich abends noch an meinem Schreibtisch im Rathaus und habe ein Posting bei Instagram und Facebook dazu abgesetzt. Dabei wurde mir erstmalig wirklich bewusst, dass das Corona-Virus auf nicht absehbare Zeit dazu führen würde, unser Leben komplett durcheinander zu bringen. Das hat mich in dem Moment sehr traurig gemacht. Es bedrückt mich auch sehr, dass viele Menschen durch die Corona-Pandemie in ihrem Wirken eingeschränkt sind und dadurch leider auch finanzielle Einbußen haben. Wenn ich dann – bei allem Verständnis für den Wunsch nach Ablenkung und Tapetenwechsel – sehe, dass Menschen in die Schneegebiete fahren und sich von allen Appellen der Verantwortungsträger nicht aufhalten lassen, dann ringe ich nach Worten.

 

Und was war die größte Freude trotz aller Rahmenbedingungen?

 

Seidel: Die größte Freude habe ich persönlich empfunden, als ich am 13. September erneut zum Bürgermeister meiner Heimatgemeinde gewählt worden bin und das bei drei Mitbewerbern im ersten Wahlgang. Ebenso bin ich froh, dass meine Freunde und vor allem meine Familie bisher gut durch die Corona-Pandemie gekommen sind.

 

Sie haben in Ihrem Weihnachtsgruß insbesondere die Solidarität unter den Bürgern hervorgehoben. Was ist Ihnen da besonders ins Auge gestochen?

 

Seidel: Zu Beginn der Corona-Pandemie haben wir den Service ,8004 – wir helfen Dir‘ ins Leben gerufen. Zwei oder drei Familien, die Unterstützung benötigten, standen mehr als 40 Freiwillige gegenüber, die Hilfe angeboten haben. Auch diejenigen Betriebe, die coronabedingt ihre Geschäfte schließen mussten und auf Liefer- oder Abholdienste umgeschwenkt haben, bekamen von den Bürgerinnen und Bürgern guten Zuspruch. Das zeigt einen großen Zusammenhalt, der in unserer Gemeinde existiert und den wir uns unbedingt bewahren müssen.

 

Auch mit Corona hat sich die Welt weitergedreht. Welche durch Gemeindeverwaltung und Kommunalpolitik erreichten Ziele gehören für Sie in die Jahres-Chronik?

 

Seidel: Die unbefristete Genehmigung zur Fortführung unserer Verbundschule, der Satzungsbeschluss zum ,Bergkamp III‘ und auch der einstimmige Beschluss zum Gemeindeentwicklungskonzept sowie die Resolution zur Festigung der Zusammenarbeit der Feuerwehren von Telgte, Everswinkel und Ostbevern gehören zweifellos dazu.

 

Ein Highlight sollte die Erarbeitung des Gemeinde-Entwicklungskonzeptes sein. Letztendlich fehlte auf der Zielgeraden das Publikum durch die Corona-Beschränkungen. Wie wollen Sie das Konzept für die nächsten Jahre, den Bürgern noch näherbringen?

 

Seidel: In der Tat war es geplant, im Rahmen einer Abschlussveranstaltung die Inhalte des Gemeindeentwicklungs-Konzeptes den Bürgerinnen und Bürgern noch einmal vorzustellen. Allerdings war das in der Form aufgrund der Corona-Lage leider nicht möglich. Dennoch dürfen wir stolz darauf sein, dass uns mit dem Zutun vieler Beteiligter aus der Bürgerschaft ein inhaltlich tolles GEK gelungen ist, das wir in den nächsten Jahren gemeinsam umzusetzen versuchen. Der Presse bin ich dankbar, dass sie über die öffentliche Ausschuss- und Ratssitzung, in der die Ergebnisse vorgestellt worden sind, gut berichtet hat. Zusätzlich haben wir in einem Flyer die Bürgerinnen und Bürger auch in der gebotenen Kürze über die Inhalte unterrichtet. Das GEK ist auch auf unserer Homepage nachzulesen. Die ersten größeren Maßnahmen sind angestoßen: Einen Tag nach der Kommunalwahl haben meine Mitarbeiter und ich mit Bewohnern des Hauses St. Vitus und des St. Magnus-Hauses verschiedene Modelle von Sitzbänken getestet und sind den Weg zum St. Magnus-Haus noch einmal abgeschritten. Der Bebauungsplan für den Ortskern sowie für den Bereich ,Alverskirchen Süd‘ soll geändert werden, um das Planungsrecht dort an die Bedarfe der Zukunft anzupassen. Dazu hat der Rat im Dezember die Aufstellungsbeschlüsse gefasst.

 

Beim Neujahrs-Empfang wäre jetzt Zeit für eine musikalische Einlage. Wenn wir uns vorstellen, Sie würden stattdessen nun virtuell Ihren persönlichen Lieblings-Hit abspielen – welcher wäre das?

 

Seidel: Einen richtigen Lieblingssong habe ich nicht. Das variiert immer je nach Stimmung und Anlass. Ein toller Song, der eine einfache, aber tiefgreifende Botschaft hat, ist ,We are the world‘. Wenn wir die Welt verändern oder gar besser machen wollen, dann müssen wir bei uns anfangen. Es schadet nie, sich das immer wieder vor Augen zu führen.

 

Die Klima-Diskussion – Stichwort „Fridays for Future“ – war 2019 das prägende Thema, das 2020 vom Corona-Thema verdrängt oder zumindest überlagert wurde. Rechnen Sie damit, dass die Klima-Debatte 2021 wieder in den Mittelpunkt zurückkehrt?

 

Seidel: Wenn wir ein solches Thema – egal auf welcher Ebene – diskutieren, dann sollten wir vor allem eines beherzigen: Es geht nur mit Kompromissen – Extrempositionen sind nicht zielführend und spalten. Der Umgang mit dem Klimawandel ist aber eine große gesellschaftliche Aufgabe. Das geht nur gemeinsam. Und eines finde ich persönlich auch ganz wichtig: Es hilft immer weiter, wenn wir konkrete Ideen besprechen, statt abstrakt zu bleiben und nur ,Notstände‘ auszurufen.

 

Ein Blick nach vorn: Welche kommunalen Aufgaben und Projekte stehen in Everswinkel und Alverskirchen konkret für 2021 ganz oben auf der Agenda?

 

Seidel: Die bereits benannten Bebauungspläne ,Ortskern Everswinkel‘ und ,Alverskirchen Süd‘, die Vorbereitung des Förderantrags für den Anbau eines Multifunktionstraktes und der Verlagerung der Tennisplätze am Vitus-Sportcenter, die Planungen für die OGS-Erweiterung in Everswinkel, die Umsetzung des zum Jahresende gestellten Antrags zum Digitalpakt Schule für unsere drei gemeindlichen Schulen, Lösungsansätze für die Raumbedarfe der Feuerwehr, die Digitalisierung der Verwaltung, Erschließung und anschließende Vermarktung des Baugebiets ,Bergkamp III‘ sowie viele weitere Projekte. Und natürlich wird uns als Verwaltung auch die Corona-Pandemie weiterhin stark fordern.

 

Die Menschen sehnen sich nach Monaten der Einschränkungen und Entbehrungen sowie der der permanenten latenten Gefahr, sich mit COVID-19 anzustecken, nach Normalität. Nun wird die Durchimpfung der Bevölkerung sicher noch Monate dauern. Wie wird das Leben in der Gemeinde in der ersten Jahreshälfte aussehen?

 

Seidel: Uns wird gerade durch die Bund-Länder-Beschlüsse dieser Woche vor Augen geführt, dass das Corona-Virus uns noch lange sehr stark beeinträchtigen wird. Daher kann ich nur noch einmal an alle appellieren, weiterhin besonnen zu bleiben. Auch wenn das sicher nach einer so langen Zeit, dem einen oder anderen sehr, sehr schwer fallen dürfte. Aber es ist zwingend notwendig, dass wir durchhalten: Wir haben in den letzten Tagen mehr als 1000 Tote täglich im Zusammenhang mit Corona zu beklagen. Hinzu kommt die Überlastung unserer Krankenhäuser. Die könnte dazu führen, dass auch Menschen, die keiner Risikogruppe angehören, wenn sie nach einer OP oder aufgrund eines Unfalls auf der Intensivstation behandelt werden müssen, gefährdet sein könnten, weil vielleicht keine ausreichenden Behandlungskapazitäten zur Verfügung stehen.

 

Sind Ihrer augenblicklichen Einschätzung nach Veranstaltungen denkbar wie Frühlings-, Vitus- und Schützenfest, MGV-, BOE- oder Musica-Viva-Konzerte, Plattdeutsches Theater oder Kulturabende a la „Bühne frei!“?

 

Seidel: Ich hoffe, dass wir mit den bisher bekannten Abstandsregeln zumindest Kulturveranstaltungen zeitnah wieder stattfinden lassen können. Bei allen Festen, die auch zwingend viele Menschen auf engem Raum nah zusammenführen, bin ich für die erste Jahreshälfte – auch vor dem Hintergrund der in dieser Woche getroffenen Bund-Länder-Beschlüsse – eher skeptisch, dass es funktionieren kann.

 

Beim Neujahrs-Empfang wären Sie jetzt durch, die vielen kleinen Tischgespräche nähmen ihren Lauf. Was wäre Ihr Schlusssatz des offiziellen Teils?

 

Seidel: Ich wünsche Ihnen allen ein frohes neues Jahr. Mögen Glück, Zufriedenheit und besonders Gesundheit Ihre ständigen Begleiter sein. Lassen Sie uns gemeinsam daran mitwirken, dass wir das Corona-Virus in seine Schranken verweisen mit Vernunft, mit Tatkraft, mit Zusammenhalt.

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