Familie Omar flieht vor dem IS aus Syrien
Aus der Hölle ins Paradies

Beelen -

Marwa Omar weint. Auch ihr Mann Masloum bekommt feuchte Augen, als er erzählt, warum er mit seiner Familie aus Kobane (Syrien) geflohen ist – vor dem IS. „Vor unseren Augen wurden in einer Stunde 28 Menschen hingerichtet, darunter kleine Kinder. Ein Mädchen war vielleicht ein Jahr älter als meine Tochter. Sie wurde geköpft – vor den Augen ihrer Eltern. Und dann hat der Vater den Kopf des Kindes bekommen und die Mutter den toten Körper.“

Dienstag, 17.11.2015, 04:11 Uhr

Aus Syrien geflohen ist Masloum Omar mit seinen Kindern Mohammed (3) und Khanoum (5). Seine Frau Marwa erwartet gerade das dritte Kind. Sie wollte lieber nicht fotografiert werden. Die Familie lebt derzeit in der Notunterkunft in Beelen.
Aus Syrien geflohen ist Masloum Omar mit seinen Kindern Mohammed (3) und Khanoum (5). Seine Frau Marwa erwartet gerade das dritte Kind. Sie wollte lieber nicht fotografiert werden. Die Familie lebt derzeit in der Notunterkunft in Beelen. Foto: Kopmann

Masloum Omar ringt um Fassung. Seine Zuhörer auch. Aber alle, denen er gerade erklärt, wie er von Syrien in die Notunterkunft in Beelen kam, stellen eine Frage nicht mehr: die Frage, warum er mit seiner schwangeren Frau und zwei Kindern aus Syrien geflohen ist.

„Wir haben alles stehen und liegen gelassen und nur eine Tasche mit Windeln und Milch für den Jungen mitgenommen.“ Dann begann eine Flucht, deren Etappen aus dem Fernsehen bekannt sind. „Wir sind erst in die Türkei gegangen.“ Dort habe er versucht, in seinem Beruf als Fliesenleger zu arbeiten. Aber das Geld reichte nicht. Verwandte halfen schließlich, damit die Familie die Schlepper bezahlen konnte.

Vor unseren Augen wurden kleine Kinder geköpft.

Masloum Omar

Mit einem Schlauchboot ging es aufs Meer. 4000 Dollar kostete allein diese Überfahrt. „Das Boot war 9,5 Meter lang und fünf Meter breit. Wir waren 45 Personen.“ In dem Moment habe er überlegt zurückzugehen. „Der Zwiespalt war schrecklich. Ich wusste: In Syrien sitzt uns der Tod im Nacken, aber ob wir die Überfahrt überleben würden, war ungewiss.“

Doch sie erreichten die griechische Insel Lesbos. „Wir haben drei Tage zwischen Olivenbäumen geschlafen und uns dann ein Zelt gekauft.“ Dann hätten die griechischen Behörden die Überfahrt nach Athen organisiert – gegen Bezahlung.

Die Familie kam in ein Lager und wurde später an die Grenze zu Mazedonien gebracht. Von dort ging es zu Fuß weiter. „In Mazedonien haben wir uns drei Stunden in den Feldern versteckt, nachdem wir sahen, wie Polizisten mit Schlagstöcken auf Flüchtlinge einschlugen.“ Außerdem sei eine Mutter von ihren Kindern getrennt worden, erinnert sich Marwa Omar .

Ich wünsche mir, dass die Kinder hier zur Schule gehen und dass wir eine eigene Wohnung bekommen

Marwa Omar

Trotzdem war es am Ende Glück, dass die Familie von der Polizei aufgegriffen und in einen Zug nach Serbien gesetzt wurde. In einer Aufnahmestelle hätten sie ihre Fingerabdrücke abgeben müssen. Am nächsten Tag ging es weiter Richtung Belgrad, wo sie im Park übernachteten. Dann seien sie mit einem Bus an die ungarische Grenze gefahren worden. „Wir haben ein Taxi genommen, um nach Budapest zu kommen.“

Und in der ungarischen Hauptstadt seien sie schließlich sechs Tage in Haft gewesen, hätten kaum was zu essen bekommen. Aber plötzlich wurde Familie Omar mit anderen Flüchtlingen an die österreichische Grenze gebracht. Die nächste Station sei Wien gewesen. „Das war unser Glück. Ein älteres Ehepaar hat uns zu sich in die Wohnung genommen. Wir durften bei ihnen duschen.“ Marwa zeigt das Erinnerungsfoto mit den österreichischen Gastgebern: „Wir kamen aus der Hölle ins Paradies.“

Von Wien aus ging es mit dem Zug nach München. „Da sind wir so herzlich aufgenommen worden. Überall gab es was zu essen für die Kinder“, erzählt Marwa Omar. Kurze Zeit seien sie in Hamburg gewesen, aber dort wurde der Familie geraten, nach Dortmund zu gehen. Und von dort wurden die Omars in die Notunterkunft nach Beelen gebracht.

„Hier ist es sehr schön. Ich bin unheimlich zufrieden hier“, sagt Masloum Omar. Inzwischen seien sogar einige ihrer Verwandten nach Deutschland gekommen, ergänzt seine Frau. Sie hat vor allem eine Hoffnung: „Ich wünsche mir, dass die Kinder hier zur Schule gehen, dass wir alle Deutsch lernen und eine eigene Wohnung bekommen.“

Masloum Omar könnte in seinem Beruf als Fliesenleger arbeiten. Das hofft er jedenfalls. Aber er würde wohl alles machen, um bleiben zu können. „Wir sind vor allem wegen der Kinder geflohen. Sie sollen in Frieden leben können.“

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