Bestattungskultur
Den Menschen nicht ausradieren

Kreis Warendorf -

Beim Tatort, im Kino oder im Internet scheint der Tod zur Normalität zu gehören. Im „echten Leben“ ist das anders.

Mittwoch, 08.11.2017, 08:11 Uhr

Schön geschmückt sind viele Gräber auf den Friedhöfen – besonders im „Totenmonat November“. Aber auch zu anderen Zeiten des Jahres ist es vielen Menschen ein Bedürfnis, an das Grab ihrer Angehörigen zu gehen.
Schön geschmückt sind viele Gräber auf den Friedhöfen – besonders im „Totenmonat November“. Aber auch zu anderen Zeiten des Jahres ist es vielen Menschen ein Bedürfnis, an das Grab ihrer Angehörigen zu gehen. Foto: Stefan Remke

Obwohl kein Mensch am Tod vorbei kommt, schieben viele Menschen die Auseinandersetzung mit Tod und Trauer gerne beiseite.

Mit dem Wandel in der Gesellschaft geht auch ein Wandel bei den Bestattungen einher. Christa Heggenkemper, Koordinatorin bei der Hospizbewegung im Kreis Warendorf, erinnert sich an ihre Kindheit. „In meinem Dorf lieferte der Schreiner den Sarg – und alles andere haben die Nachbarn gemacht. Ich rieche heute noch den Duft der Chrysanthemen, die am Sarg meiner Oma standen, die zu Hause aufgebahrt war.“

In meinem Dorf lieferte der Schreiner den Sarg. Alles andere haben die Nachbarn gemacht. Ich rieche heute noch den Duft der Chrysanthemen, die am Sarg meiner Oma standen.

Christa Heggenkemper

Aber wer will das heute? Und wer hat genügend Platz, um den verstorbenen Angehörigen im eigenen Haus aufzubahren? „Wir empfehlen das trotzdem“, erzählt Frank Hankemann vom gleichnamigen Bestattungsunternehmen in Warendorf. „Aber nicht einmal ein Prozent der Trauernden macht davon Gebrauch.“ Viele würden jedoch die Abschiedsräume nutzen, die von den meisten Bestattern angeboten werden. „Dann kann man sich in Ruhe vom Verstorbenen verabschieden, vielleicht noch einmal den Körper berühren, der natürlich kalt ist. Aber irgendwie muss man die Trauer auch im wahrsten Sinn des Wortes begreifen“, unterstreicht Hankemann.

Friedhofsgärtner Karl Pelster ist der Überzeugung, dass schon wieder rückläufige Bewegungen einsetzen – etwa bei der Bestattung im Wald, die in der Kreisstadt Warendorf möglich ist. „Gerade ältere Leute merken inzwischen, dass sie mit ihrem Rollator nicht mehr bis ans Grab kommen. Oder nur mit großer Mühe.“

Es ist verboten, auf Rasengräbern Kerzen oder Blumen aufzustellen. Viele machen das aber trotzdem. Wahrscheinlich, weil der Mensch ein Bedürfnis danach hat.

Karl Pelster

Und der Wunsch, ans Grab zu gehen, sei bei vielen Menschen nach wie vor sehr groß. „Meistens wollen die Menschen dort auch irgendetwas tun.“ Pelster beobachtet das oft bei Rasengräbern. „Es ist ja verboten, dort Kerzen oder Blumen aufzustellen. Viele machen das aber trotzdem. Wahrscheinlich, weil der Mensch ein Bedürfnis danach hat.“ Und zum Glück – so Pelster – dulde die Stadt das. Rasengräber seien im Prinzip auch nicht anonym. „Der Name wird oft in eine Platte eingraviert.“ Trotzdem gibt es natürlich anonyme Beerdigungen, deren Zahl nach Einschätzung von Heggenkemper zugenommen hat – jedenfalls in Ahlen. Die Mitarbeiterin der Hospizbewegung findet das sehr bedauerlich. „Nach dem Tod wird oft die Wohnung des Verstorbenen ausgeräumt, das Konto aufgelöst. Wenn das Grab dann noch nicht einmal einen Namen hat, ist alles ausradiert, was diesen Menschen ausgemacht hat.“

Christliche Symbole, wie dieses Kreuz in Drensteinfurt, prägen viele Friedhöfe. Weil immer mehr Menschen der Bezug zum Glauben fehlt, hat sich die Bestattungskultur aber dennoch verändert.

Christliche Symbole, wie dieses Kreuz in Drensteinfurt, prägen viele Friedhöfe. Weil immer mehr Menschen der Bezug zum Glauben fehlt, hat sich die Bestattungskultur aber dennoch verändert. Foto: Dietmar Jeschke

Diese Auffassung teilt Kreisdechant Peter Lenfers. „Ich finde wichtig, dass ein Name erscheint.“ Im kirchlichen Bereich habe es ebenfalls einen Wandel in der Bestattungskultur gegeben, ergänzt der katholische Priester. „Seit sechs Jahren übernehmen in unserer Pfarrei auch Pastoralreferenten die Beerdigungen.“ Trauerredner seien dagegen nur vereinzelt angefragt. Viele Menschen würden sich inzwischen für einen schlichten Wortgottesdienst entscheiden, und die Zahl der Urnenbestattungen nehme zu. Friedhofsgärtner Pelster ist allerdings der Meinung, dass der Trend hin zur Feuerbestattung inzwischen ein Level erreicht hat, auf dem er auch bleibt.

Natürlich ist die Urnenbestattung nicht zuletzt günstiger – kein unwichtiger Aspekt. Für Heggenkemper zählt dennoch etwas anderes. „Wenn man hinter dem Sarg hergeht, liegt da ein Mensch drin. Ich habe oft gehört, der härteste Moment sei, wenn die Erde auf den Sarg fällt, Trauernde erzählen von diesem Geräusch. Trauerarbeit ist ein sehr emotionaler Prozess. Und wir müssen durch diesen Schmerz gehen.“

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