Blinde und Sehbehinderte
Selbsthilfe mit langer Tradition

Kreis Warendorf -

„Sie werden nicht blind, Frau Ahlers“, hatten die Ärzte getröstet, als sich bei Ulla Ahlers mit Anfang 50 erste Anzeichen ihrer Augenkrankheit bemerkbar machten. Der Prozess verlief schleichend, doch heute kann sie gerade noch hell und dunkel unterscheiden.

Dienstag, 20.02.2018, 15:05 Uhr aktualisiert: 20.02.2018, 15:12 Uhr
Konzentriert spielt Ulla Ahlers mit ihrem Zauberwürfel. Sehen kann sie ihn nicht, aber diese Spezialversion für Blinde kann sie fühlen, ähnlich wie andere Gesellschaftsspiele auch.
Konzentriert spielt Ulla Ahlers mit ihrem Zauberwürfel. Sehen kann sie ihn nicht, aber diese Spezialversion für Blinde kann sie fühlen, ähnlich wie andere Gesellschaftsspiele auch. Foto: Ulrike von Brevern

Genauso wie Petra Pioch , die von Geburt an blind ist. „Einen sonnigen Tag erkenne ich im Büro erst Nachmittags, wenn mir die Sonne ins Gesicht scheint“, schmunzelt die Verwaltungsangestellte. Vorher ist der Kontrast zwischen hellen und dunklen Tagen nicht groß genug.

Die beiden Frauen treffen sich regelmäßig gemeinsam mit anderen Mitgliedern der Selbsthilfegruppe für Blinde und Sehbehinderte zum Stammtisch in einer Warendorfer Gaststätte. „Wir wissen anders damit umzugehen als Spät-Erblindete, wir kennen ja nichts anderes“, meint Pioch. Dennoch bleiben viele Probleme gleich. Auch sie hat ihre Waschmaschine mit Blindenschrift markiert oder klebt Kon­trastpunkte auf Schalter, um sie besser wiederzufinden. Ulla Ahlers nimmt kein Blatt vor den Mund: „Da bin ich nicht allein mit dem Sch…“, sagt die agile Dame auf die Frage, was für sie an der Selbsthilfegruppe das Wichtigste ist, und verschluckt den Rest des Wortes vielsagend.

Wie kommt die Zahnpasta an die Zähne, wenn man die Zahnbürste nicht mehr sieht? Ganz infach: direkt in den Mund drücken.

Ulla Ahlers

Die Gruppe gehört zu einer der traditionsreichsten Selbsthilfevereinigungen überhaupt, dem Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband. Seit 1951 ist sie im Bezirk Warendorf aktiv, kann sich Günther Schrewentigges erinnern, der 46 Jahre lang den Sprecherposten innehatte und immer noch zum Stammtisch kommt. Sehbehinderte sind seit rund zwanzig Jahren im Verband willkommen.

Gruppe für Blinde- und Sehbehinderte

Die Selbsthilfegruppe für Blinde- und Sehbehinderte ist rund um Warendorf aktiv. In Ahlen gibt es eine weitere Gruppe. Der Bereich Telgte ist nach Münster orientiert. Der Stammtisch an jedem zweitem Mittwoch im Monat um 17.30 Uhr in der Gaststätte Frank’s Schöppken, Dreibrückenstraße, in Warendorf ist für alle Interessierten offen. Weitere Informationen sind erhältlich bei Petra Pioch unter ' 0 25 81 / 31 27 oder Email: pioch@bsvw.de

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So wie Martin Pioch. Seine Sehkraft ist durch einen angeborenen Grauen Star schwer beeinträchtigt. Er und seine Frau Petra haben sich über einen gemeinsamen Freund aus der Warendorfer Gruppe überhaupt erst kennengelernt.

Beim Stammtisch kann Martin Pioch beim Lesen der Speisekarte helfen, aber er braucht dafür eine spezielle Lupe. Ein örtlicher Optiker hat sich auf Anregung der Gruppe auf solche Hilfsmittel eingestellt, erzählt er, seither ist der Kauf vor Ort einfacher.

Interessenvertretung in der Öffentlichkeit und gegenüber der Kommunalpolitik gehören zum Selbstverständnis. „Leider werden wir oft erst viel zu spät gefragt“, bedauert Martin Pioch und nennt als Beispiel ein neues Ärztehaus in Warendorf, das zwar modern, aber an wichtigen Stellen eben nicht blindentauglich sei.

Bei Petra Pioch als Vorsitzender rufen immer wieder Ratsuchende an, besonders ältere Menschen, die wegen Makula-Degeneration erblinden. Zum Stammtisch stoßen sie allerdings selten.

Für Ulla Ahlers ist das schwer verständlich. Sie hat sich bei jedem Wohnortwechsel eine Gruppe gesucht. Es entlaste, wenn sie über Missgeschicke reden könne, die vermeindlich nur ihr passieren, sagt sie. Und auch viele praktische Tipps hat sie sich nach und nach geholt. „Wie kommt die Zahnpasta an die Zähne, wenn man die Zahnbürste nicht mehr sieht?“, nennt sie beim Stammtisch ein Beispiel und blickt verschmitzt lächelnd in die Runde. „Direkt in den Mund drücken“, verrät sie dann lachend die inzwischen schon lange selbst erprobte, genial einfache Lösung.

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