Notfallseelsorge
Im Kampf gegen die Schockstarre

Kreis Warendorf -

Wenn Notfallseelsorger wie die Freckenhorsterin Madalena Kofoth oder der Beckumer Frank Nagel an ihren Einsatzort kommen, treffen sie auf Menschen in Schockstarre.

Donnerstag, 26.04.2018, 14:14 Uhr
Veröffentlicht: Dienstag, 24.04.2018, 08:01 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Donnerstag, 26.04.2018, 14:14 Uhr
Verstärkung für die Notfallseelsorge (v. l.): Michael Spanke, Pfarrerin Alexandra Hippchen, Kreisdechant Peter Lenfers, Magdalena Kofoth, Pfarrer Rainer Hermes, Pfarrer Thomas Linsen, Pfarrer Cornelius Bury, Sandra Kleiter-Tümmers und Frank Nagel.
Verstärkung für die Notfallseelsorge (v. l.): Michael Spanke, Pfarrerin Alexandra Hippchen, Kreisdechant Peter Lenfers, Magdalena Kofoth, Pfarrer Rainer Hermes, Pfarrer Thomas Linsen, Pfarrer Cornelius Bury, Sandra Kleiter-Tümmers und Frank Nagel. Foto: Ulrike von Brevern

„Das ist noch keine Trauer“, betont Pfarrerin Andrea Hippchen. Sie ist auf evangelischer Seite für die Organisation der Notfallseelsorge, der „Ersten Hilfe für die Seele“ zuständig. „Die Menschen leiden unter dem Kontrollverlust, das ist wie bei einem Erdbeben“, beschreibt sie die Gefühlslage. „Wir geben Starthilfe, damit es wieder weiter gehen kann“, umreißt Kofoth die Aufgabe der Ersthelfer anschaulich.

Mit einer Andacht und erstmals einem eigenen kleinen Frühlingsfest begrüßte die Notfallseelsorge im Kreis Warendorf kürzlich fünf frische Mitarbeiter in ihren Reihen. Kofoth und Nagel erhielten nach ihrer rund einjährigen Ausbildungsphase ihre Ernennungsurkunden. Sandra Kleiter-Tümmers (Beckum), der katholische Pfarrer Rainer Hermes (Warendorf) und der evangelische Pfarrer Cornelius Bury (Warendorf) kamen durch Wechsel ins Team. Parallel beendeten Pfarrer Adalbert Hoffmann aus Telgte, sowie die beiden Gründungsmitglieder Pater Hermann Joseph Schwerbrock (Ahlen) und Pfarrer Norbert Ketteler (Sassenberg) ihren Dienst.

Die Menschen leiden unter dem Kontrollverlust, das ist wie bei einem Erdbeben

Pfarrerin Andrea Hippchen

144 Einsätze haben die gut 30 Notfallseelsorger im Kreis 2017 absolviert. Das sind weit mehr als je zuvor seit der Gründung 2002, erläuterte der Geschäftsführer der Kreisdekanats Michael Spanke, der die Arbeit auf katholischer Seite koordiniert. Rund ein Drittel der Mitarbeiter sind ehrenamtlich tätig, Tendenz steigend. Eine gute regionale Verteilung sei in einem Flächenkreis wie Warendorf wichtig, betonte Spanke, denn mit Blaulicht fahren dürfen Notfallseelsorger nicht.

Ersthelfer für die Seele

Für den Einsatz als Notfallseelsorger ist der Besuch eines mehrteiligen, praxisorientierten Kurses Voraussetzung. An fünf Wochenenden lernen die Anwärter Grundlagen der Psychotraumatologie, Gesprächsführung oder den Umgang mit Schuld und das Erkennen der eigenen Grenzen. Hospitationen bei Polizei und Feuerwehr sowie begleitete Einsätze führen die gut einjährige Ausbildung fort. Jährlich im Herbst bietet die Arbeitsgemeinschaft Notfallseelsorge Münsterland einen solchen Kursus an, für den ein Aufnahmegespräch Bedingung ist. Der nächste startet am 5. Oktober.

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Ansonsten sind sie jedoch eng in die Rettungskette eingebunden, so dass die Hospitation bei Polizei und Feuerwehr mit zur Ausbildung gehört. Sowohl Kreisbrandmeister Heinz-Jürgen Gottmann also auch Polizeidirektor Christoph Ingenohl lobten die Arbeit der Notfallseelsorger, nicht nur für Betroffene, sondern auch für die Einsatzkräfte. „Wir holen sie nach dem Einsatz oft noch ins Gerätehaus“, sagte Gottmann, das Verhältnis sei „richtig gut“. Für die Polizei bedeute es „eine totale Entlastung“, dass sich die Seelsorger um Opfer und Angehörige, aber zum Beispiel auch um Unfallfahrer kümmerten, lobte Ingenohl. Auch beim Überbringen von Todesnachrichten fehle oft die notwendige Zeit. „Ein Notfallseelsorger bleibt auch schon mal den ganzen Tag da“, erzählte Kofoth.

Obwohl im Kreis durch die beiden christlichen Kirchen getragen, missioniert die Notfallseelsorge nicht. „Zuhören, schweigen, Impulse geben“, benennt Pfarrerin Hippchen die Aufgaben. Auch die Anfrage eines muslimischen Interessenten für die Ausbildung als Notfallseelsorger hat sie bereits registriert. „Wir begrüßen das“, sagt sie ausdrücklich.

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