Dr. Angela Brentrup zu Folgen der Pränataldiagnostik
Eine unfassbare Herausforderung

Kreis Warendorf -

Eltern, die ein behindertes Kind erwarten, stehen zunächst unter Schock. Die Neurochirurgin Dr. Angela Brentrup hat Brigitte und Henrich Berkhoff sowie ihren Sohn Julian von der Schwangerschaft bis heute begleitet. Redakteurin Beate Kopmann sprach mit der Leiterin der Kinderneurochirurgie an der Uniklinik Münster.

Samstag, 28.07.2018, 08:00 Uhr

Dr. Angela Brentrup ist Leiterin der Kinderneurochirurgie der Uniklinik Münster.
Dr. Angela Brentrup ist Leiterin der Kinderneurochirurgie der Uniklinik Münster. Foto: Beate Kopmann

Wenn eine schwere Behinderung diagnostiziert wird, sind die Eltern vermutlich verzweifelt. Können Sie da als Ärztin überhaupt einen Rat geben?

Dr. Brentrup : Die Aufgabe des Arztes ist es, sachlich zu informieren und möglichst viel Wissen als Entscheidungshilfe zu geben. Ich würde nie versuchen, Eltern zu etwas zu überreden.

Betroffene Eltern erzählen, dass sie sich bei der Entscheidung unter Druck gefühlt haben. Ärzte, Familie und Freunde hatten deutlich gemacht, dass die Annahme eines behinderten Babys eine Zumutung ist – auch für die Gesellschaft und für das Kind selbst.

Dr. Brentrup: Das größte Problem mit einer schweren Behinderung hat oft die Umwelt, nicht der Patient selbst. Den Eltern sage ich, dass wir als Klinik beide Wege mit ihnen gehen. Aber es ist nicht richtig, nur die Option Abtreibung im Blick zu haben. Eltern dürfen kein schlechtes Gewissen haben, wenn sie sich für ihr Kind entscheiden. Am Ende soll schließlich nicht die Gesellschaft darüber entscheiden können, wer geboren werden darf und wer nicht. In manchen Fällen ist außerdem absehbar, dass das Kind nicht lange leben wird. Man kann daher auch die Natur entscheiden lassen. Nach meiner Erfahrung ist das für viele Eltern der leichtere Weg. Denn die Ergebnisse einer Pränataldiagnostik liegen zu einem Zeitpunkt vor, an dem eine Ausschabung oft nicht mehr möglich ist. Um zu verhindern, dass der Fötus womöglich die eingeleitete Zwangsgeburt überlebt, wird das Kind mit einer Kaliumspritze ins Herz getötet. Viele Frauen und Paare können diesen Eingriff nicht hinter sich bringen, ohne dass er dauerhafte Spuren hinterlässt.

Bietet die Pränataldiagnostik Chancen, um kranke Babys schon im Mutterleib besser behandeln zu können?

Dr. Brentrup: Für besondere Einzelfälle haben wir heute schon Pränataltherapie. Langzeitergebnisse liegen jedoch noch nicht vor. Derzeit ist die Therapie nach der Geburt aber immer noch unser bestes Angebot. Das Schwierige bei der Pränataldiagnostik ist, dass Eltern in eine Situation gebracht werden, in der sie sich für oder gegen das Kind entscheiden müssen. Das ist eine unfassbare Herausforderung.

Welche Unterstützung gibt es für Eltern, die ein behindertes Kind erwarten?

Dr. Brentrup: Angeboten wird Beratung durch Gynäkologen, Neurochirurgen und den psychosozialen Dienst der Gynäkologie am UKM. Auf Wunsch stelle ich Kontakt zu anderen Eltern her, die ein Kind mit gleicher Diagnose haben. Wenn von Fehlbildungen die Rede ist, haben manche ja fast eine Art Monster vor Augen – die Begegnung mit Kindern wie Julian ändert viel.

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