Digitalisierung trifft Arbeitsmarkt mit voller Wucht
Eine gewaltige Herausforderung

Kreis Warendorf -

Die Wirtschaft brummt, die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten ist zuletzt auf über 91 000 gestiegen. Und dennoch bereitet die Entwicklung auf dem Arbeits- und Ausbildungsmarkt den Experten Sorge. Redakteurin Beate Kopmann sprach mit dem Vorsitzenden der Arbeitsagentur Ahlen-Münster, Joachim Fahnemann.

Freitag, 17.08.2018, 07:10 Uhr
Veröffentlicht: Freitag, 17.08.2018, 07:03 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Freitag, 17.08.2018, 07:10 Uhr
Joachim Fahnemann: Der Kreis Warendorf ist durch das verarbeitende Gewerbe geprägt. Viele der einzelnen Aufgaben können automatisiert werden. Experten haben berechnet, dass das so genannte „Substituierbarkeitspotenzial“ im Kreis bei 19,4 Prozent liegt.
Joachim Fahnemann: Der Kreis Warendorf ist durch das verarbeitende Gewerbe geprägt. Viele der einzelnen Aufgaben können automatisiert werden. Experten haben berechnet, dass das so genannte „Substituierbarkeitspotenzial“ im Kreis bei 19,4 Prozent liegt. Foto: Beate Kopmann

Herr Fahnemann , nach Ihrer Einschätzung hat der Arbeitsmarkt sich um 180 Grad gedreht. Was meinen Sie damit?

Fahnemann: Früher hatten wir oft zu wenig Arbeit für Menschen, die einen Job suchten – heute können wir dagegen offene Stellen nicht besetzen. Diese Entwicklung ist für die Unternehmen inzwischen ein größeres Risiko als die Wirtschaftslage und auch ein echtes Expansionshemmnis. Viele Unternehmen haben die Auftragsbücher gefüllt und könnten sogar noch mehr Arbeit annehmen, aber sie finden keine Mitarbeiter. Erschwerend hinzu kommt, dass in den nächsten zwölf Jahren ein Fünftel der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten altersbedingt ausscheiden wird. Den Kreis Warendorf wird diese Entwicklung mit besonderer Wucht treffen.

Warum?

Fahnemann: Die Digitalisierung der Arbeitswelt schreitet voran und wirkt sich regional sehr unterschiedlich aus. Der Kreis Warendorf ist durch das Verarbeitende Gewerbe geprägt. Viele dieser Aufgaben können automatisiert werden – und ganz oder teilweise wegfallen. Experten haben berechnet, dass das so genannte „Substituierbarkeitspotenzial“ im Kreis bei 19,4 Prozent liegt. Das ist die höchste Quote im ganzen Münsterland, die auch noch den Landesschnitt übertrifft (15,4 Prozent). Zum Vergleich: Die Stadt Münster, die einen sehr starken Dienstleistungssektor hat, erreicht nur einen Wert von 9,8 Prozent. Die Digitalisierung wird für die Region jedenfalls eine gewaltige Herausforderung werden.

Wie wollen Sie diese Herausforderung meistern?

Fahnemann: Wir müssen jetzt schon anfangen, die Menschen, die heute in Beschäftigung sind, zu beraten und sie auf die Veränderungen vorzubereiten, die sich durch die Digitalisierung ergeben. Dazu sollten alle Akteure am Arbeitsmarkt zusammenarbeiten. Die Beschäftigten müssen sich weiter qualifizieren.

Aber wahrscheinlich werden trotzdem Arbeitsplätze wegfallen.

Fahnemann: Ja, es werden Stellen wegfallen, aber andererseits entstehen auch neue Arbeitsplätze. Allerdings werden das in der Regel Jobs sein, die eine höhere Qualifizierung voraussetzen.

Die Digitalisierung ist eine der Herausforderungen auf dem Arbeitsmarkt. Gleichzeitig soll die duale Ausbildung an Attraktivität verlieren.

Fahnemann: Das ist in einzelnen Bereichen richtig und sehr bedauerlich. Gerade diese Berufe bieten oft gute Karriereperspektiven.

Vielleicht ist das Handwerk nicht so attraktiv, weil man dort wenig verdienen soll.

Fahnemann: Das stimmt so allgemein nicht. Der einzelne Industriearbeiter mag besser bezahlt sein als der Handwerksgeselle. Aber gerade im Handwerk gibt es sehr viele Aufstiegs- und auch Verdienstmöglichkeiten: Die Gesellen können ihren Meister machen. Viele Betriebe suchen derzeit außerdem einen Nachfolger. Das sind richtige Karriereoptionen. Deswegen sollten wir daran arbeiten, das Ansehen dieser Berufe zu verbessern.

Was meinen Sie damit?

Fahnemann: Es gibt Berufe, die unter Wert verkauft werden. Metzger will zum Beispiel kaum einer werden. Aber ich selbst möchte in keinem Ort wohnen, in dem es keinen Metzger mehr gibt. Die Situation wird sich durch den demografischen Wandel noch weiter verschärfen, weil es an Nachwuchs fehlt.

Wie bereiten sich die Unternehmen auf diese Veränderung vor?

Fahnemann: Gefordert ist ein Umdenken. Bis vor kurzem haben viele Arbeitgeber noch nach dem Leitsatz gehandelt, den Olympioniken unter den Bewerbern finden zu wollen. Davon müssen sich die Unternehmer verabschieden. Die Wirtschaft braucht heute jeden.

Können die vielen jungen Flüchtlinge dem Fachkräftemangel abhelfen?

Fahnemann: Kurzfristig ist das keine Lösung. Sprach- und Fachkenntnisse reichen oft noch nicht. Aber mittel- und langfristig werden auch die Flüchtlinge ihren Beitrag leisten und für mehr Beschäftigung sorgen.

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