Jedes vierte Kind hat bei der Einschulung Sprachdefizite
„Zurück in die reale Welt!“

Kreis Warendorf -

Der erste Schultag steht Donnerstag für 2481 Kinder im Kreis Warendorf an. Fast jedes vierte i-Männchen zeigte Sprachdefizite bei den Einschulungsuntersuchungen. Über mögliche Ursachen dafür sprach Redakteurin Beate Kopmann mit der Leiterin des Kinder- und Jugendgesundheitsdienstes beim Kreis Warendorf, Dr. Anna Arizzi Rusche.

Mittwoch, 29.08.2018, 11:40 Uhr
Veröffentlicht: Mittwoch, 29.08.2018, 11:40 Uhr
Dr. Anna Arizzi Rusche: „Heute sieht man oft Mütter, die den Kinderwagen schieben und dabei nicht ihr Kind, sondern das Smartphone im Blick haben. Das ist schade. Kinder brauchen Blickkontakt und Ansprache, um Empathie entwickeln zu können.“
Dr. Anna Arizzi Rusche: „Heute sieht man oft Mütter, die den Kinderwagen schieben und dabei nicht ihr Kind, sondern das Smartphone im Blick haben. Das ist schade. Kinder brauchen Blickkontakt und Ansprache, um Empathie entwickeln zu können.“ Foto: Ulrich Gösmann/Beate Kopmann

Die Ergebnisse der Einschulungsuntersuchung liegen vor. 24,2 Prozent der Kinder haben Sprachprobleme. Das klingt nach einem sehr hohen Wert.

Arizzi Rusche : Ja, das sind deutliche Auffälligkeiten. Allerdings müssen wir berücksichtigen, dass in den letzten Jahren viele Kinder von Migranten und Flüchtlingen in die Kitas gekommen sind. Unter den Kindern, die jetzt eingeschult werden, liegt ihr Anteil bei 23,7 Prozent. Natürlich haben Kinder, die Deutsch nicht als Muttersprache haben, mehr Probleme. Förderprogramme, die es in der Grundschule gibt, sollen helfen, diese sprachlichen Defizite auszugleichen. Aber auch bei deutschen Kindern stellen wir seit Jahren fest, dass die Sprachkompetenz sinkt.

Woran liegt das?

Arizzi Rusche: Sprache kommt von sprechen. Wir reden einfach zu wenig miteinander. Das Leben ist sehr schnelllebig geworden. Der Medienkonsum nimmt zu – auch bei den Eltern. Und Kinder sind wie Schwämme, die alles aufsaugen. Sie lernen von den Eltern. Deswegen gehört zur Erziehungsverantwortung, dass Eltern an sich selbst arbeiten, um ein gutes Vorbild zu sein. Heute sieht man oft Mütter, die den Kinderwagen schieben und dabei nicht ihr Kind, sondern das Smartphone im Blick haben. Das ist schade. Kinder brauchen Blickkontakt und Ansprache, um Empathie entwickeln zu können.

Dr. Anna Arizzi Rusche leitet den Kinder- und Jugendgesundheitsdienstes beim Kreis. Foto: Beate Kopmann

Der Medienkonsum sollte also deutlich sinken?

Arizzi Rusche: Es ist falsch, Medien zu tabuisieren, aber man muss den richtigen Umgang üben. In dieser Altersstufe gilt: Nicht mehr als 30 Minuten Medien am Tag. Stattdessen sollten Eltern ihren Kindern vorlesen, mit ihnen singen. Hin und wieder sind auch „Flüsterspiele“ gut. Denn Kinder brauchen Stille, um Konzentrationsfähigkeit und Ausdauer zu erwerben. Auch das hat nachgelassen. Viele Kinder sind heute laut und unruhig. Deswegen ist es wichtig, mehr in der realen als in der virtuellen Welt unterwegs zu sein – etwa, indem die Kinder beim Tischdecken helfen. Das stärkt ihre Alltagskompetenz.

Parallel dazu sind mehr als zehn Prozent der Kinder übergewichtig und haben Probleme mit der Motorik.

Arizzi Rusche: Das ist die Folge von ungesunder Ernährung und zu wenig Bewegung. Letzteres hat auch mit der gestiegenen Mediennutzung zu tun. Bei der Ernährung empfehle ich fünf Portionen Obst und Gemüse am Tag. Oft hilft es, einen Snackteller mit Obst und Gemüse in die Küche zu stellen.

Viele Kinder verbringen aber die meisten Stunden des Tages in der Schule oder in der Kita.

Arizzi Rusche: Der Erziehungsauftrag der Familie bleibt trotzdem bestehen. Er lässt sich nicht an Schule oder Kita delegieren. Alle Seiten müssen kooperieren. Wichtig ist dabei eine positive Grundhaltung – und in diesem Sinn wünsche ich allen i-Männchen zunächst einfach ganz viel Spaß in der Schule.

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