Einkommen oft höher als bei Bankkaufleuten
Vorurteile bringen Pflege in Verruf

Kreis Warendorf -

Viel Stress im Job und dann auch noch schlecht bezahlt. Unter diesem Image leiden Pflegeberufe. Doch sie sollen besser sein als ihr Ruf. Im Gespräch mit Redakteurin Beate Kopmann machen das Pflegedirektor Detlef Roggenkemper (Pflegedirektor im St.-Josef-Stift Sendenhorst) und Markus Giesbers (Pflegenetz-Koordinator der vier Altenheime der St.-Elisabeth-Stift GmbH) deutlich.

Freitag, 26.10.2018, 10:20 Uhr
Veröffentlicht: Freitag, 26.10.2018, 10:18 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Freitag, 26.10.2018, 10:20 Uhr
Immer mehr Menschen sind auf Pflege angewiesen. Bundesweit fehlen viele Fachkräfte. Im Kreis Warendorf zeichnet sich dagegen kein Pflegenotstand ab – auch weil hier die allermeisten Einrichtungen nach Tarif zahlen.
Immer mehr Menschen sind auf Pflege angewiesen. Bundesweit fehlen viele Fachkräfte. Im Kreis Warendorf zeichnet sich dagegen kein Pflegenotstand ab – auch weil hier die allermeisten Einrichtungen nach Tarif zahlen. Foto: Goczol

Wenn von Pflege die Rede ist, taucht schnell das Bild der Krankenschwester auf, die sich die Hacken abrennt, im Job frustriert ist und außerdem wenig Geld für harte Arbeit bekommt.

Roggenkemper : Diese Fälle gibt es sicher. Ich gehe aber davon aus, dass sie sich überwiegend in den Ballungszentren ereignen. Bei den Krankenhäusern und Einrichtungen im Kreis Warendorf hat es zwar im Rahmen der Grippewelle Anfang des Jahres auch Engpässe gegeben. Aber das war eine Ausnahmesituation, weil viele Pflegekräfte erkrankt waren. Von einem Pflegenotstand kann in der Region jedenfalls nicht die Rede sein.

Warum ist die Pflege hier besser aufgestellt?

Roggenkemper: Im Kreis Warendorf arbeiten vor allem kirchliche oder gemeinnützige Träger – und die zahlen nach Tarif. Das ist bei privaten Anbietern nicht immer der Fall. Als der Staat 1995 den Markt für Private öffnete, setzte man auf das freie Spiel der Kräfte und glaubte, dass Vergütung und Preise sich von selbst regeln würden. Dem war nicht so. Auch im Kreis Warendorf hat es ja schon Belegungsstopps gegeben. Betroffen waren Einrichtungen privater Träger, die nicht nach Tarif zahlten und deswegen kein Personal fanden.

Giesbers: Grundsätzlich sind die Verdienstmöglichkeiten in der Pflege deutlich besser als die meisten denken. Im ersten Ausbildungsjahr bekommen sowohl Kranken- als auch Altenpfleger mehr als 1000 Euro. Und nach vier Berufsjahren liegt das Jahresgehalt bei etwa 40 000 Euro. Unterm Strich verdienen Pflegekräfte in der Ausbildung und in den ersten Berufsjahren also noch etwas mehr als beispielsweise Bankkaufleute.

Aber wahrscheinlich fehlen dann hinterher die Aufstiegsmöglichkeiten.

Roggenkemper: Etwa ein Drittel unsere Mitarbeiter verfügt über Zusatzfunktionen – etwa als Anästhesie-Fachpflegekraft. Und natürlich gibt es auch Aufstiegsmöglichkeiten, aber das große Geld verdient man selbst in Leitungspositionen nicht. Das ist richtig. Andererseits wird auch nicht jeder Bankkaufmann später Sparkassen-Chef. Und ich wage mal zu behaupten, dass die allermeisten Pflegekräfte diesen Job nicht wegen des Geldes gewählt haben. Viele wünschen sich vor allem mehr Zeit für die Versorgung der Bewohner oder Patienten.

Markus Giesbers (l.) und Detlef Roggenkemper treten Vorurteilen entgegen, mit denen die Pflege zu kämpfen hat. Foto: Beate Kopmann

Giesbers: Größere Personalprobleme haben oft ambulante Pflegedienste mit Arbeitsspitzen vor allem morgens und abends. Für Vollzeitkräfte können sich dadurch geteilte Dienste ergeben.

Finden Sie noch ausreichend junge Leute, die eine Ausbildung in der Pflege machen wollen?

Giesbers: Es wird schwieriger. Aber derzeit sind die Kranken- und Altenpflegeschulen in Ahlen und Warendorf gut ausgelastet. Jedes Jahr kommen von dort etwa 50 gut ausgebildete Fachkräfte auf den Markt, von denen zum Glück auch viele im Kreis bleiben. Sie sind meistens hoch motiviert und stolz auf ihre Fachkompetenz. Schließlich geht es in der Pflege nicht darum, ein großes Herz und zwei starke Arme zu haben, wie es ein früherer Bundesminister mal formuliert hat. Meistens sind die Pflegerinnen – bis heute üben ja vor allem Frauen diesen Beruf aus – viel näher am Patienten als die Ärzte. Den Pflegenden täte es gut, wenn ihre Fachkompetenz und ihr Engagement mehr Wertschätzung erfahren würden.

Was wünschen Sie sich für die Pflege?

Roggenkemper: Eine bessere Krankenhaus-Finanzierung. Denn die schlechte finanzielle Ausstattung geht zu Lasten der Pflege. Und wir brauchen eine bessere Lobby: zum Beispiel eine starke Pflegekammer, in der nicht Ärzte, sondern unsere Fachkräfte über Standards in der Pflege entscheiden.

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