Weizsäcker fordert Balance statt Wachstum
Macht der Finanzmärkte brechen

Beckum -

Es ist kein Privileg der Jugend, sich engagiert für die Zukunft der Erde einzusetzen. Dass er die von der Schwedin Greta Thunberg initiierte Bewegung „Friday for Future“ unterstützt und dass jugendliche Demonstranten ihn bitten, zu ihnen zu sprechen, erwähnte Club- of-Rome-Mitglied Professor Ernst Ulrich von Weizsäcker bei einem Vortrag am Donnerstagabend in der Beckumer Volkshochschule nur im Nebensatz.

Samstag, 06.04.2019, 11:01 Uhr aktualisiert: 08.04.2019, 11:20 Uhr
Einsatz für die Zukunft ist kein Privileg der Jugend stellte Ernst Ulrich von Weizsäcker eindrucksvoll unter Beweis.
Einsatz für die Zukunft ist kein Privileg der Jugend stellte Ernst Ulrich von Weizsäcker eindrucksvoll unter Beweis. Foto: Ulrike von Brevern

Es ist kein Privileg der Jugend, sich engagiert für die Zukunft der Erde einzusetzen. Dass er die von der Schwedin Greta Thunberg initiierte Bewegung „Friday for Future“ unterstützt und dass jugendliche Demonstranten ihn bitten, zu ihnen zu sprechen, erwähnte Club- of-Rome-Mitglied Professor Ernst Ulrich von Weizsäcker bei einem Vortrag am Donnerstagabend in der Beckumer Volkshochschule nur im Nebensatz. Mit einer geschliffenen Analyse und gelegentlich zornig ausgespuckten Worten zog der inzwischen 80jährige, renommierte Vordenker rund 150 Zuhörern in seinen Bann.

Weizsäckers Blick geht weit über Protest hinaus. Ein grundsätzlich neuer gesellschaftlicher Ansatz sei nötig. Es gelte, sowohl die seit den 1990er Jahren entstandene Diktatur der Finanzmärkte zu brechen, als auch in einem breiten gesellschaftlichen Konsens die ökologische Grenze des Wachstums zu respektieren. Angesichts individueller Verzichtsappelle betonte Weizsäcker die Verantwortlichkeit der Politik: „Ich bin dagegen, dass man die Politik vergisst und dann einfach den Schwarzen Peter den Konsumenten zuschiebt“, sagte er während der Diskussion.

Binnen gerade einmal 65 Jahren habe sich der Mensch zum maßgeblichen Umgestalter des Planeten entwickelt, betonte Weizsäcker. Während der „Goldenen Jahre der Demokratie“ habe der Kalte Krieg die Macht des Kapitals noch gebändigt. Doch mit den 1990er-Jahren habe sich das geändert. „Der Kapitalismus ist arrogant geworden, nachdem er gesiegt hatte.“

Die Herausforderungen der Globalisierung und damit auch der Klimaprobleme seien heute zwar gut analysiert. Regierungen setzten in der Therapie aber weiter auf Wachstum, etwa um damit den Klimaschutz zu bezahlen. „Wir wollen es nicht merken“ rief der Forscher den Zuhörern bewegt zu. „Wir brauchen eine neue Aufklärung!“, regte Weizsäcker einen grundlegenden philosophischen Wandel an. „In der neuen Aufklärung wird Balance zum wichtigsten Prinzip werden.“

Praktisch forderte Weizsäcker die Politik auf, der Wirtschaft Anreize zur effizienteren Ressourcennutzung zu geben. „Wir brauchen dringend die Effizienz, sonst sind wir verloren“. Die Aufwärtsspirale, in der die Arbeitsproduktivität während der industriellen Revolution stieg, könne als Vorbild dienen. Eine auch noch so kleine Finanzmarktertragssteuer könne Sand in das Getriebe sekundenschneller globaler Finanzströme streuen.

Eine Renationalisierung wie sie die AfD anstrebt, ist nach Ansicht des Forschers keine Antwort auf die anstehenden Herausforderungen. Sie müssten im Gegenteil international gelöst werden. Weizsäcker appellierte an die Politik, die Probleme endlich anzugehen, aber auch „an uns als Wähler“, Politiker bei unbequemen Lösungen nicht gleich abzuwählen.

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