Gesamtschule Ennigerloh-Neubeckum
War Mobbing der Grund für den Selbstmord eines Schülers?

Ennigerloh -

War Mobbing der Grund dafür, dass sich ein 15-jähriger Schüler der Gesamtschule Ennigerloh-Neubeckum zwei Tage vor dem Ferienbeginn das Leben nahm? Diese Ansicht wird zumindest in den Sozialen Netzwerken derzeit tausendfach geteilt. Die Bezirksregierung als Schulaufsicht widerspricht dem allerdings energisch.

Donnerstag, 18.07.2019, 17:05 Uhr
War Mobbing der Auslöser für die Tragödie in Ennigerloh? Die User in den Sozialen Medien scheinen ihr Urteil bereits gefällt zu haben. Die Bezirksregierung stellt sich unterdessen auf die Seite der Schule.
War Mobbing der Auslöser für die Tragödie in Ennigerloh? Die User in den Sozialen Medien scheinen ihr Urteil bereits gefällt zu haben. Die Bezirksregierung stellt sich unterdessen auf die Seite der Schule. Foto: Karl-Josef Hildenbrand

Eine Tragödie erschütterte kurz vor den Ferien die Gesamtschule Ennigerloh-Neubeckum: Ein 15-Jähriger hatte sich zwei Tage vor Ende des Schuljahres das Leben genommen. Ein Schicksalsschlag, niederschmetternd für die betroffene Familie, aber auch für das weitere Umfeld. Die Schule sah sich mit der Frage konfrontiert: Wie umgehen mit diesem Fall?

Ein Krisenteam wurde gebildet. In Elternbriefen informierte die Gesamtschule über den Vorfall, die ersten Maßnahmen von schulischer Seite und mögliche Ansprechpartner, auch in der Ferienzeit. „Melden Sie sich, wenn Sie weitere Hilfe für sich oder Ihr Kind wünschen“, heißt es in den Elternbriefen.

Doch dann wurde aus der internen Aufarbeitung eine öffentliche Diskussion: Die Nachricht, dass Mobbing für die Tragödie verantwortlich sei, erreichte den aus Fernsehen und Sozialen Medien bekannten Gewaltpräventions-Trainer Carsten Stahl. Die Ennigerloher Vorsitzende der Schulpflegschaft habe sich mit einem „Hilferuf“ an ihn gewandt, postete Stahl auf seiner Facebook-Seite „Camp Stahl“ und teilte das Schreiben mit seiner riesigen Fangemeinde.

Vorwürfe an Schulleitung

Später veröffentlichte der Berliner, den viele aus der Serie „Privatdetektive im Einsatz“ kennen, der auch aber die bundesweite Kampagne „STOPPT MOBBING“ gestartet hat, ein zusätzliches Video der Münsterländerin. Die Botschaft ist in beiden Fällen ähnlich: Mobbing sei schuld an dem Vorfall – und die Schulleitung habe bislang zu wenig unternommen. „Ich weiß von vielen Schülern bei uns, die Angst haben, in die Schule zu gehen, viele zeigen schon körperliche Probleme, einige wollen und können so nicht mehr leben“.

Dieser Facebook-Post von Carsten Stahl befeuerte die Diskussion:

Der Facebook-Post wird geladen

Und an anderer Stelle: „Ich habe versucht, Hilfestellung zu bekommen, oder Wege zu finden. Doch von der Schule wird alles runtergeredet oder verschwiegen.“ Ihre Meinung fand Gehör: Tausendfach wurden die Anklagen mittlerweile geteilt, viele Eltern und Schüler berichten in den Kommentaren von ähnlichen Erfahrungen, gerade auch an der Gesamtschule Ennigerloh-Neubeckum.

Warnung vor voreiligen Schlüssen

Das lässt Ulla Lütkehermölle von der Pressestelle der Bezirksregierung Münster so nicht stehen: „Wir wissen überhaupt nicht, was zu dem traurigen Todesfall geführt hat“, betont sie. Generell könne sich keine Schule ganz frei machen von Mobbing, aber bislang sei in diesem Fall keine konkrete Verknüpfung erkennbar.

Auch das Vorgehen der Schule nach dem Bekanntwerden des Suizids finde die volle Billigung der Bezirksregierung als Schulaufsichtsbehörde. „Die Schule hat aus unserer Sicht alles richtig gemacht. Alle haben getan, was sie tun konnten.“

Lütkehermölle warnt angesichts der ausufernden Diskussion in den Sozialen Medien davor, voreilige Schlüsse zu ziehen. „Zunächst einmal sollten wir der Trauer um den toten Jungen Raum geben“, gibt die Pressesprecherin zu bedenken. In der Zwischenzeit sei ein Team intensiv damit beschäftigt, den Fall aufzuarbeiten und der Schule Hilfen an die Hand zu geben, um einen guten Start in das neue Schuljahr zu meistern. „Es werden – auch schon in nächster Zeit – viele Gespräche im Umfeld der Schule stattfinden, und wir werden dort auch weiterhin begleitend tätig sein.“

Appell für eine sachliche Debatte

Carsten Stahl meldete sich unterdessen aus dem Urlaub mit einer weiteren Stellungnahme via Facebook zu Wort: „Es ist schlimm genug, dass das passiert, aber man muss den Ursachen auf den Grund gehen – und man muss diese Ursachen abstellen.“

Da zumindest sind sich alle Beteiligten einig. „Nur draufhauen bringt uns überhaupt nichts“, unterstreicht Ulla Lütkehermölle. „Wir brauchen eine sachliche Debatte zum Thema Mobbing.“

Interview

Die Gesamtschule Ennigerloh-Neubeckum sieht sich in den Sozialen Netzwerken mit konkreten Anklagen wegen Mobbing konfrontiert. Wir sprachen mit Maike Ostrop von der Schulpsychologischen Beratungsstelle des Kreises Warendorf:

Frau Ostrop, war die Gesamtschule Ennigerloh-Neubeckum vorher schon einmal in der Diskussion wegen derartiger Vorfälle?

Ostrop: Meines Wissens nicht. Wenn man sich allerdings fachlich mit dem Thema Mobbing beschäftigt, stellt man schnell fest: Es gibt keine Schule, an der das nicht Thema ist. Mobbing gibt es nahezu überall.

Ist Mobbing denn heutzutage aufgrund der Sozialen Medien ein stärkeres Thema?

Ostrop: Der Kern ist noch derselbe wie früher. Aber es hat heutzutage eine neue Dynamik gewonnen.

Wie sollte man auf Mobbing reagieren: betroffene Familien, aber auch Beobachter?

Ostrop: Wichtig ist es, hinzuschauen und zu reagieren. Das Stichwort ist Zivilcourage. Zu sagen: „Das geht so nicht.“ Eltern empfehlen wir zunächst einmal ein vertrauensvolles Gespräch mit dem Klassenlehrer. Aber auch wir als Beratungsstelle stehen immer als Ansprechpartner zur Verfügung.

 | ’02581/ 534242

...

Hinweis:

Der Pressekodex sieht vor, dass über Suizide zurückhaltend berichtet wird. Dies gilt insbesondere für die Nennung von Namen und die Schilderung näherer Begleitumstände. Grund für die Zurückhaltung ist die hohe Nachahmerquote nach jeder Berichterstattung über Selbsttötungen. Daher werden wir nicht im Detail über den Vorfall berichten.

Wenn Sie sich selbst betroffen fühlen, kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge. Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhalten Sie Hilfe von Beratern, die schon in vielen Fällen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen konnten. Ergänzend können Sie das Angebot der Krisenhilfe Münster (0251-519005) in Anspruch nehmen und dort bis zu zehn kostenlose persönliche Beratungstermine vereinbaren.
www.telefonseelsorge.de  

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