Junge Frauen mussten Freiwilligendienst in Ruanda abbrechen
Plötzlich aus dem Alltag gerissen

Kreise Warendorf/Coesfeld -

Die Abreise kam unverhofft und ziemlich überstürzt. Vier Monate vor dem Ende ihres Freiwilligendienstes mussten zwei junge Frauen aus dem Bistum Münster ihren Einsatz in Ruanda beenden. Dort würden sie in einem Zentrum für behinderte Menschen noch immer gebraucht.

Dienstag, 02.06.2020, 17:56 Uhr aktualisiert: 03.06.2020, 15:22 Uhr
Larissa Mersmann (links) und Linda Heinrich (rechts) haben im „Centre des enfants et jeunes handicapes“ in Gahangaden Physiotherapeuten Damascene bei der Arbeit unterstützt. Vier Monate früher als geplant mussten sie ihren Einsatz abbrechen.
Larissa Mersmann (links) und Linda Heinrich (rechts) haben im „Centre des enfants et jeunes handicapes“ in Gahangaden Physiotherapeuten Damascene bei der Arbeit unterstützt. Vier Monate früher als geplant mussten sie ihren Einsatz abbrechen. Foto: Larissa Mersmann

Das hatten sich Larissa Mersmann aus Billerbeck und Linda Heinrich aus Oelde anders vorgestellt. Im vergangenen Sommer starteten die beiden Weltwärts-Freiwilligen des Bistums Münster ihren Dienst in Ruanda. Weltwärts ist der entwicklungspolitische Freiwilligendienst des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Die beiden jungen Frauen wollten eigentlich erst nach zwölf Monaten zurückzukehren, stattdessen ging es für sie bereits vier Monate früher zurück.

Abrupte Abreise aus Ruanda wegen Corona-Pandemie

Ihren Einsatz in Gahanga in einer Einrichtung für Menschen mit geistigen und körperlichen Behinderungen, die von Ordensfrauen geleitet wird, mussten sie abrupt abbrechen. „Montags haben wir erfahren, dass das Bistum uns wegen der Corona-Pandemie zurückholt. Donnerstags sind wir schon geflogen. Zum Glück, denn freitags wurde der Flughafen geschlossen“, blickt Mersmann zurück und fügt traurig hinzu: „Wir sind plötzlich herausgerissen worden.“

Erst samstags zuvor sei der erste offizielle Corona-Fall in Ruanda bekannt geworden. Die Behörden in dem afrikanischen Land hätten schnell reagiert. „Viele Geschäfte wurden geschlossen, und an den Märkten haben sie Waschbecken aufgestellt, denn nicht jeder Haushalt hat eine eigene Wasserversorgung“, so die 19-Jährige.

Deutsche halfen in einem Center für behinderte Menschen

Sie und ihre Mitstreiterin hätten sich gerade richtig wohl gefühlt, als sie wieder wegmussten. Sie hatten Krankheiten überstanden, sich an das Großstadtleben gewöhnt und konnten sich schon ganz gut in der Landessprache Kinyar-wanda unterhalten. Die Arbeit machte ihnen große Freude. „Wir haben die Lehrerin und den Physiotherapeuten unterstützt“, berichtet Mersmann. Besonders schmerzt sie nun der Gedanke, dass niemand mehr Zeit für die zusätzliche Förderung der Kinder hat. „Es war schön zu sehen, wie sich die Bewohner weiterentwickelt haben, wenn wir individuell mit ihnen zum Beispiel die ruandische Zeichensprache oder Rechnen trainiert haben“, so die Billerbeckerin.

Schmerzhafter Abschied

Ende Februar hätten sie von den Ansteckungen in Deutschland erfahren. „Doch für uns war das Thema weit weg und noch nicht auf dem afrikanischen Kontinent angekommen“, erzählt Mersmann. Als die Nachricht zur bevorstehenden Abreise kam, hätten sie und Linda Heinrich überlegt, ob sie noch einmal in das Center gehen sollten, um sich von den 35 Bewohnerinnen und Bewohnern sowie den Ordensfrauen und Mitarbeitenden zu verabschieden. „Wir waren uns nicht sicher, ob wir das riskieren konnten. Denn die Menschen dort gehören zur Risikogruppe. Wir wollten auf keinen Fall das Virus in das Center tragen“, erklärt sie.

Nach Absprache mit den Verantwortlichen war dann aber klar, dass sie ein letztes Mal in das Center gehen. „Auf der einen Seiten hatten wir einen wunderschönen Tag. Auf der anderen Seite waren wir aber auch sehr aufgelöst, denn wir wollten noch so viel machen“, blickt Mersmann zurück.

Einfaches Leben kennengelernt

Zuhause angekommen, habe sie oft darüber nachgedacht, wie die Menschen im Center zurechtkommen. „Ich wäre gern da gewesen, um sie in diesen schwierigen Zeiten zu unterstützen, denn auch die Lehrerin und der Therapeut durften lange nicht arbeiten.“ Es sei ein seltsames Gefühl gewesen, mit dem Wissen zurückzukehren, dass sie in Ruanda gebraucht würde. Auch wenn ihr Freiwilligendienst anders als geplant verlief, ist Mersmann dankbar für die acht Monate. „Ich habe gelernt, das Leben mehr zu schätzen. Denn ich habe ein ganz anderes, viel einfacheres Leben kennengelernt.“

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