Dr. Nikolaus Schneider sprach vor Hospizbewegung
Aus Sterbebegleitung Kraft für eigenen Tod geschöpft

Ahlen -

Zwei Jahre hat Nikolaus Schneider seine an Leukämie erkrankte jüngste Tochter begleitet. Zusammen mit seiner Frau schrieb er darüber ein Buch. In Ahlen stellte sich der frühere Ratsvorsitzende der EKD den Fragen seiner Zuhörer.

Mittwoch, 15.07.2020, 06:12 Uhr aktualisiert: 15.07.2020, 06:30 Uhr
Dr. Nikolaus Schneider las bei seinem Vortrag in Ahlen Passagen aus dem zusammen mit seiner Frau geschriebenen Buch „Wenn das Leid, das wir tragen, uns den Weg weist.“
Dr. Nikolaus Schneider las bei seinem Vortrag in Ahlen Passagen aus dem zusammen mit seiner Frau geschriebenen Buch „Wenn das Leid, das wir tragen, uns den Weg weist.“ Foto: Dierk Hartleb / epd

Zwei Jahre lang begleiteten Dr. Nikolaus und Anne Schneider ihre an Leukämie erkrankte jüngste Tochter Meike, bevor diese 2005 starb. Auf Einladung der Hospizbewegung im Kreis Warendorf berichtete der frühere Ratsvorsitzende der EKD am Montag in der Lohnhalle der ehemaligen Zeche Westfalen (Ahlen) im Rahmen der Sommerakademie über seine Erfahrungen im Umgang mit dem Leiden und Sterben eines geliebten Menschen.

Ein solcher Tod sei eine „abgründige Lebenserfahrung“, sagte Schneider nach der Begrüßung durch die Vorsitzende der Hospizbewegung, Elke Sohst. Sehr beschäftigt habe ihn und seine Tochter während der Krankheit die dritte Strophe des von Dietrich Bonhoeffer in der Todeszelle der Gestapo gedichteten Liedes „Von guten Mächten wunderbar getragen“, in dem es heißt: „Und reichst du uns den schweren Kelch, den bitteren des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand, so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern aus deiner guten und geliebten Hand.“ Diese Erwartungshaltung könne er nicht teilen, führte Schneider aus, und verwies auf Christus am Kreuz, der auch Angst gezeigt und nicht tapfer lächelnd den Tod erwartet habe, sondern seinen Vater um Beistand anflehte. Deshalb hätten seine Tochter und er, so der Theologe, beschlossen, die dritte Strophe nicht mitzusingen, was er bis heute beibehalten habe.

Die Frage „Wo ist Gott und wie kann er das zulassen?“ stellten sich die Menschen seit jeher. Dafür gebe es keine Erklärung, weil Gott beides verkörpere: Liebe und Zugewandtheit, aber auch Zorn und Rätselhaftigkeit. Die Frage „Wie können wir weiterleben nach dem Tod eines geliebten Menschen?“ lasse sich nur mit der Zuversicht beantworten, dass der Tod nur das Ende der irdischen Existenz des Menschen bedeute. Bei der Feier des Abendmahls seien die Lebenden und die Toten im gemeinschaftlichen Gebet vereint.

Zu der Frage, wie sich die Menschen auf ihren Tod vorbereiten könnten, sagte Schneider, er sehe es als großes Privileg, als Pfarrer viele Menschen beim Sterben begleitet zu haben. Daraus habe er selbst Kraft geschöpft, von der aber niemand wisse, ob sie ausreiche. Er selbst habe nach seinem Tod noch einige Fragen an Gott zum Thema Gerechtigkeit.

Ausdrücklich bekannte sich der Theologe, der von 2003 bis 2013 auch Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland war, zu dem Jahresmotto der Hospizbewegung im Kreis Warendorf „Lebensmutig“. In der Kirche erlebten die Menschen die Stärke von Gemeinschaft. Deshalb sei das Leben stärker als der Tod.

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