Flucht vor IS-Terroristen
Drei starke Frauen haben es geschafft

Ostbevern -

Die drei Mütter Haifaa, Afnan und Faiza Faiun sind mit ihren Kindern zuerst aus dem Irak geflohen. Ihre Männer wollten sie in Sicherheit wissen – vor den IS-Terroristen schützen. Jetzt, eineinhalb Jahre später, sind auch sie sicher. Die drei Familien leben glücklich in Ostbevern.

Samstag, 13.05.2017, 11:05 Uhr

Eineinhalb Jahre hatten Afnan und der dreijährige Zaid ihren Mann beziehungsweise Papa nicht gesehen.
Eineinhalb Jahre hatten Afnan und der dreijährige Zaid ihren Mann beziehungsweise Papa nicht gesehen. Foto: Sofia Brandes

Zehn Frauen, Männer und Kinder – Moment, Verena Speicher ist ja auch dabei, also sind es elf – sitzen in dem kleinen gemütlichen Wohnzimmer des Hauses am Josef-Annegarn-Weg zusammen. Bassam , Faiza und Areen (7) sind in der oberen Wohnung zu Hause – Bassam Faiun, Vater der Siebenjährigen, erst seit knapp zwei Wochen. Eineinhalb Jahre haben ihn Areen und seine Frau Faiza nicht gesehen.

Lachen in gelöster Atmosphäre

Die zwei Brüder von Bassam Faiun sind mit ihren Frauen und Kindern heute zu Gast am Annegarn-Weg, auch sie leben in Ostbevern. Es wird gelacht, die Atmosphäre ist gelöst, ja entspannt und ausgesprochen fröhlich, die Gastfreundschaft ist außergewöhnlich. Was haben diese drei Familie durchgemacht? Ein Außenstehender, geboren im gut funktionierenden Deutschland, kann sich das nicht vorstellen. Kann man es erahnen? Das zu behaupten wäre schon vermessen.

Die drei Männer im Wohnzimmer heißen Bassam, Amer und Riwas Faiun. Zwei sind erst seit zwei Monaten hier, Bassam Faiun, wie gesagt, erst seit 14 Tagen. Alle kommen ursprünglich aus Bahzani, einem Ort östlich von Mossul im Irak. Der IS herrscht dort. Die drei Familien nennen die Terroristen nur ISIS, was für Islamischer Staat im Irak und in Syrien steht.

Nachrichtenagenturen melden derzeit, dass irakische Truppen dabei sind, Mossul nach und nach zurückzuerobern. Doch ist das wahr? Die Wahrheit stirbt im Krieg zuerst. Den Menschen dort droht der Hungertod. Auch das ist eine Meldung aus dem Gebiet in und um Mossul.

Gefühle der Familie kaum nachzuvollziehen

All das ist am heutigen Abend im sicheren Ostbevern bei der Familie Faiun kein Thema. Sie haben es geschafft, die drei Brüder, vor allem aber ihre Frauen, die schon seit eineinhalb Jahren in Ostbevern leben, und ihre Kinder – fast.

Fast? Der Sohn von Bassam und Faiza Faiun ist 25 Jahre alt. Er hat sein Studium auf einer amerikanischen Uni im Irak beendet, erzählt seine Mutter in sehr gutem Deutsch, ist IT-Fachmann und im Irak bei einer italienischen Firma beschäftigt. Ihn nachzuholen sei, anders als bei Ehepartner und minderjährigen Kinder, nicht möglich, sagt Verena Speicher, die sich beruflich in Ostbevern um die Koordination der Flüchtlingsbetreuung kümmert, aber auch selbst ehrenamtlich im Einsatz ist.

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Familienglück. Amer und Haifaa Faiun mit Wisam (15, kniend) und Rose (18, ganz links) sind wieder glücklich vereint. Selbiges gilt für Riwas und Afnan Faiun (Mitte) mit ihrem Sohn Zaid (3). Nur der Vater von Areen (rechts) fehlt zu diesem Zeitpunkt noch. Sie und ihre Mutter Faiza Faiun freuen sich für die anderen, doch die Traurigkeit darüber, dass der eigene Mann/Vater noch nicht dabei ist, ist vor allem bei der kleinen Areen groß. Foto: WN

Auch der 25-jährige Sohn ist Jeside, wie die ganze Familie, gehört damit zu einer verfolgten religiösen Minderheit. Dass die Sorgen der Mutter und des Vaters ins Unermessliche gehen – kann man es nachvollziehen? Ja, vielleicht. Aber wirklich nachempfinden, als jemand, der in einem sicheren Land geboren wurde und lebt? Faiza Faiun, der Mutter, kann man es anmerken. Tiefe Traurigkeit ist mehrmals an diesem Abend hinter ihren glücklichen Augen zu erkennen.

„Sie hat im Schlaf geweint“

Die drei Frauen, das sind neben Faiza noch Haifaa und Afnan. Alle drei tragen den Namen Faiun. Sie sind zuerst geflohen, aber auch sie wie die Männer, nicht zusammen: Haifaa Faiun floh zu Fuß über die Türkei und Bulgarien mit Afnan Faiun und derem jetzt dreijährigem Sohn Zaid – ohne ihre eigenen Kinder.

Warum macht das eine Mutter? Weiterzufragen ist unmöglich. Gerade heilende Wunden wieder aufreißen? „Sie hat im Schlaf geweint“, das erzählt Faiza Faiun über Haifaa, deren Kinder einige Wochen später mit eine Tante flüchten konnten und jetzt auch schon über ein Jahr in Ostbevern leben: Rose (18) und Wisam (15).

Faiza Faiun ist mit ihrer heute siebenjährigen Tochter zuerst nach Deutschland gekommen. Das war relativ einfach, weil die Tochter eine medizinische Behandlung brauchte und sie Papiere bekamen.

Warum haben sich die Frauen zuerst auf die gefährliche Flucht gemacht und nicht die Männer? Faiza Faiun lächelt die Fragestellerin an, als ob sie sagen wollte: Ich bin so glücklich, dass du das nicht wissen kannst und musst. Für Frauen, sagt sie, sei die Lage in ISIS-Gebieten am schlimmsten, die Gefahr am größten, verschleppt, vergewaltigt, ermordet zu werden. Ihre Männer wollten sie in Sicherheit wissen.

Schwierigkeiten bei Anerkennung des Schulabschlusses

Die Männer sprechen Englisch und Arabisch. Deutsch müssen sie im Gegensatz zu ihren Frauen und ihren Kindern noch lernen. Zwei sind Lehrer, Bassam Faiun war in der IT-Branche tätig.

Wisam, der 15-Jährige, spricht super Deutsch. Er besucht die Josef-Annegarn-Schule, möchte Abitur machen und Zahnarzt werden. „Er spricht besser als ich“, sagt seine Schwester Rose lachend. Aber auch sie spricht gut Deutsch – und besucht wie Wisam die Annegarn-Schule. Architektin möchte sie gerne werden.

Bisher gibt es Schwierigkeiten mit der Anerkennung ihres Schulabschlusses aus dem Irak. „Monatelang dauert die Bearbeitung, die Behörden sind überlastet“, sagt Verena Speicher. Doch die 18-Jährige wird ihren Weg machen. Was hatte Verena Speicher da noch vor einigen Minuten über die drei Mütter gesagt: „Das sind drei ganz starke Frauen“. Und die bekommen bekanntlich auch – starke Töchter.

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