Interview mit Simone Thieringer zu Kulturveranstaltungen in Corona-Zeiten
Kultur ist ein Lebensmittel

Telgte -

Telgte möglichst „sichtbar“ zu machen – das ist die Aufgabe von Simone Thieringer. Wie aber bewerkstelligt man das in Corona-Zeiten, wo viele Künstler nicht kommen können und die finanziellen Spielräume enger werden? Arndt Zinkant hat Simone Thieringer hierzu befragt.

Samstag, 02.01.2021, 07:37 Uhr aktualisiert: 02.01.2021, 07:40 Uhr
Simone Thieringer, Leiterin von Tourismus + Kultur, ist selbst Künstlerin und Fotografin. Ihr fehlt derzeit auch der Austausch beispielsweise in Ausstellungen oder Galerien sehr.
Simone Thieringer, Leiterin von Tourismus + Kultur, ist selbst Künstlerin und Fotografin. Ihr fehlt derzeit auch der Austausch beispielsweise in Ausstellungen oder Galerien sehr. Foto: WN-Archiv

Simone Thieringer stellt bereits seit 2001 das Kulturprogramm der Stadt Telgte zusammen. 2010 übernahm sie dann die Leitung der Abteilung Tourismus + Kultur. Die beiden Bereiche wurden seinerzeit zusammengelegt, da viele Synergien bestehen. Neben den kulturellen Veranstaltungen, Events und Ausstellungen geht es in Simone Thieringers Arbeit auch darum, Telgte möglichst „sichtbar“ zu machen. Wie aber bewerkstelligt man das in Corona-Zeiten, wo viele beliebte Künstler nicht kommen können und die finanziellen Spielräume enger werden? WN-Mitarbeiter Arndt Zinkant hat Simone Thieringer hierzu befragt.

 

Wie vielen Künstlern mussten Sie bislang absagen, und wie viele Auftritte sind „nur“ verschoben?

 

Simone Thieringer: Der erste Lockdown traf uns im März, also mitten in der laufenden Saison und mit Abschluss der Vorbereitungen für die kommende Saison. Bisher sind insgesamt 16 Veranstaltungen betroffen. Einen Kabarettabend, eine Lesung und zwei Kinderveranstaltungen haben wir komplett absagen müssen. Für alle anderen konnten neue Termine gefunden werden – teilweise wurde allerdings schon die zweite Verschiebung notwendig. Es ist für die Agenturen eine Herausforderung, das zu realisieren. Mancher Künstler tritt – wenn alles gut geht – im neuen Jahr täglich auf, um seinen Verpflichtungen nachzukommen.

Gibt es Künstler, deren gecancelter Auftritt Sie besonders schmerzt?

 

Thieringer: Als Veranstalter ist man in einer komfortableren Situation, für uns ist es nicht existenzbedrohend. Für die Kindertheaterproduktionen tut es mir leid. Diese Gruppen haben es sowieso ziemlich schwer. Da fast alle anderen Künstlergruppen verlegt werden konnten, ist nur etwas Geduld gefragt, bis wir diese in Telgte begrüßen können.

Wie lange planen Sie und Ihre Kolleginnen im Voraus?

 

Thieringer: Die Saisonplanung beginne ich etwa ein Jahr vor der ersten Veranstaltung, also eineinhalb Jahre vor der letzten. In der Regel werden 25 Veranstaltungen unterschiedlichster Genres gezeigt. Die Verhandlungen und Buchungen mit den Künstlern oder deren Agenturen sind im Februar jeden Jahres abgeschlossen, und der Kulturspiegel wird vorbereitet. So war auch im März 2020 schon alles unterzeichnet und startklar für die jetzt laufende Saison.

Sind die Kulturveranstaltungen im Bürgerhaus generell gefährdet, weil die finanzielle Basis vielleicht für die Zukunft nicht mehr reicht?

 

Thieringer: Das ist tatsächlich ein Thema, das uns bewegt. Eigentlich fasst das Bürgerhaus 430 Gäste, bis November konnten wir nach den Hygienebestimmungen nur rund 80 bis 90 Gäste platzieren. Um bekannte Künstlerinnen und Künstler auf die Bühne zu holen, war schon das bisherige Platzangebot grenzwertig. Dabei geht es natürlich um die Finanzierung, aber auch um das Renommee der Gebuchten. Telgte hat einen guten Ruf innerhalb der Künstlerschaft, denn das Bürgerhaus ist eine ausgezeichnete Spielstätte, unser Bemühen um hohe Gästezahlen daher erfolgreich. Zudem haben wir ein aufgeschlossenes Publikum, so dass viele, die da waren, gerne wiederkommen und uns weiterempfehlen. Insofern hoffe ich, dass wir die Durststrecke überstehen und auch ab 2022/23 wieder ein abwechslungsreiches Programm bieten können.

Wie hat das Publikum die Abstandsregeln zwischen den zwei Lockdowns angenommen? Gibt es Unterschiede zwischen Stamm-Klientel und Gelegenheitsbesuchern?

 

Thieringer: Unsere Gäste waren ausgesprochen diszipliniert und hatten Verständnis für die Maßnahmen. Wir verzeichnen 250 Abonnenten, die sich auf die Veranstaltungen aufteilen. So sind jeweils die Hälfte Stammgäste. Auch wenn bei Verschiebungen die Karten ihre Gültigkeit behalten, bemerken wir ein vorsichtiges Kaufverhalten. Die Gäste warten ab und legen sich nicht so früh fest wie sonst.

Lässt sich mit den Corona-Vorgaben in Zukunft ein gelungenes Kulturleben gestalten?

 

Thieringer: Die kommende Saison – September 2021 bis Mai 2022 – ist schon geplant. Dies hat auch mit den coronabedingten Verlegungen zu tun. Was noch möglich ist, hängt letztlich vom verfügbaren Budget ab. Vielleicht müssen wir eine Weile auf die ganz großen Events verzichten und uns erst langsam wieder an das Gewohnte herantasten. Dass Kultur ein Lebensmittel ist, stellt man in diesen Zeiten besonders fest. „Da fehlt was“, so ist immer wieder zu hören. Ich kann das genauso für mich bestätigen. Ohne Kultur und deren Input entsteht eine Lücke. Live ist eben live und lässt sich nur schwer ersetzen.

Gibt es in Telgter Bürgerhaus spezielle Gegebenheiten, die für die neue Lage besonders ungünstig sind?

 

Thieringer: Nein. Ich denke, die räumlichen Voraussetzungen sind gut. Das Haus hat einen hohen Saal, die Belüftung ist optimal und auch die Flexibilität der Bestuhlung macht schnelle Reaktionen möglich.

Sie sind ja ebenfalls als Künstlerin tätig – wie hat Corona Ihr Leben in diesem Punkt verändert?

 

Thieringer: Ja, tatsächlich hat Corona das getan. In der ersten Zeit im Frühjahr waren für mich die stillen Straßen und leeren Plätze inspirierend. Nun allerdings hat sich das Blatt gewendet: Es fehlt der Input, der Austausch zum Beispiel in Ausstellungen und Galerien. Der Ideenfunke springt nicht so schnell über.

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