Streifzug durch Politik, Natur und Geschichte mit Philipp und Karl-Hubertus von Beverfoerde
Ohne Liebe zum Wald geht es nicht

Ostbevern -

So idyllisch das Bild draußen ist: Die Waldbauern haben Sorgen. Der Holzmarkt wird überrollt, der Absatz gestaltet sich nicht nur wegen fehlender Auktionen schwierig. Auch der Borkenkäfer trägt seinen Teil zu den Problemen bei, die den Waldbauern das Leben schwer machen.

Dienstag, 26.01.2021, 06:43 Uhr aktualisiert: 27.01.2021, 15:10 Uhr
Ohne Muskelkraft und Hand- und Beinarbeit geht es auch im 21. Jahrhundert nicht. Dort, wo die Bäume zu dicht stehen und Gassen deshalb nicht angelegt werden können, setzen Philipp (kleines Bild l.) und Karl-Hubertus von Beverfoerde (kl. Bild r.) ein Pferd ein, um die zahlreichen Baumstämme aus dem Wald zu ziehen.
Ohne Muskelkraft und Hand- und Beinarbeit geht es auch im 21. Jahrhundert nicht. Dort, wo die Bäume zu dicht stehen und Gassen deshalb nicht angelegt werden können, setzen Philipp (kleines Bild l.) und Karl-Hubertus von Beverfoerde (kl. Bild r.) ein Pferd ein, um die zahlreichen Baumstämme aus dem Wald zu ziehen. Foto: Bettina Laerbusch

750 Kilo, ungefähr, bringt Bureck auf die Waage. Ein gestandener Kerl zweifelsohne, der gerade frisch gefällte Stämme aus dem Forststück in der Höhe der Gaststätte Mersbäumer aus dem Wald zieht. Wir schreiben das Jahr 2021. Ein Pferd hilft Waldarbeitern bei der Bewältigung einer ihrer Aufgaben? Philipp von Beverfoerde, Mitte 30, lacht und erläutert: „Normalerweise kommt alle 20 Meter eine Gasse. Doch dort, wo die Bäume zu dicht sind, dass keine Maschine dort fahren kann, setzen wir das Pferd ein.“ Den Wald auszudünnen, das muss sein, damit sich die starken Bäume ausbreiten können. 60 bis 80 Jahre wächst eine Fichte heran, bis sie gefällt und zum Beispiel in einem Dachstuhl verarbeitet wird.

Die Waldbauern haben Sorgen

So idyllisch und friedlich das Bild an diesem Januarmorgen auch ist, selbst die Sonne kommt raus: Die Waldbauern haben Sorgen. Und das, man glaubt es kaum, hat nichts mit Corona zu tun. Dass Auktionen zurzeit nicht so stattfinden können wie gewohnt, sei angesichts der Gesamtlage ein absolut nebensächliches Problem, sagen Philipp und sein Vater Karl-Hubertus von Beverfoerde unisono.

Seit Generationen pflanzt die Familie Bäume – vor allem Fichten, wie es die meisten anderen Forstwirte auch tun. Philipp von Beverfoerde erläutert – im Hintergrund wird gefällt und das Pferd zieht die schmalen Stämme zum Weg – die Historie. „Fichten wachsen relativ schnell.“ Ihr Holz sei ideal für die Bauindustrie. „Die meisten Dachstühle“ – er zeigt in Richtung Ostbevern mit seinen vielen Neubaugebieten – „bestehen aus Fichte.“ Und dann geht er viele Jahrzehnte zurück: „Der Wiederaufbau nach dem Ersten Weltkrieg , das Wirtschaftswunder nach dem Zweiten wären ohne die Fichte gar nicht möglich gewesen.“ Doch jetzt – verschärft in den vergangenen drei Jahren – zeige sich, dass es so nicht mehr funktioniere.

Die meisten Dachstühle bestehen aus Fichte.

Philipp von Beverfoerde

Philipp von Beverfoerde macht seinem Zuhörer bewusst, wie Waldwirtschaft geht und wie die Lage ist: Es waren seine Vorfahren, die die Bäume gepflanzt haben, die er jetzt fällen kann, deren Holz aber derzeit nicht zu verkaufen ist, weil der Holzmarkt überrollt wird.

Stichwort Friederike: Dieser Orkan tobte sich vor exakt drei Jahren, Mitte Januar 2018, in Irland, England, den Niederlande, Belgien und Deutschland aus. Zehn Menschen starben. Auch in Ostbevern richtete Friederike Schäden an – zuerst direkt, dann indirekt durch den Borkenkäfer. „Der ist normal im Wald“, erklärt Philipp von Beverfoerde. Doch durch das Frischholz am Boden habe er sich stark vermehren können, mit den Fichten habe er dann leichtes Spiel gehabt. Denn die waren nicht nur aufgrund der Sturmschäden ein leichtes Opfer, sondern auch durch die immense Trockenheit vor allem in den Jahren 2018, 2019 und 2020. „Die Bäume brauchen Wasser, um Harz zu bilden. Das wirkt wie ein Wundverschluss, ist es nicht da, haben es Schädlinge leicht, in den Baum einzudringen“, erläutert Philipp von Beverfoerde ein Beispiel dafür, was Trockenheit anrichtet.

Bis ins Frühjahr hinein müsste es regnen

Zumindest für den Laien regnet es gefühlt ununterbrochen seit Wochen. Vater und Sohn von Beverfoerde begrüßen den Regen sehr. Der sei absolut notwendig – und es müsse so weiterregnen bis ins Frühjahr hinein. Philipp von Beverfoerde: „Sie müssen hier“, er steht zwischen den Bäumen, „nur 30 Zentimeter tief graben – und der Boden ist trocken.“

Zehn Hektar Fichtenwald hat die Familie, hat das Unternehmen durch den Borkenkäfer 2020 verloren. Das entspricht etwa 14 herkömmlichen Fußballfeldern. Normalerweise, erläutert Philipp von Beverfoerde, hätte er kaum etwas mit dieser Fläche zu tun gehabt. Die Fichten wären gewachsen. Doch die zehn Hektar mussten nach Friederike geräumt werden, neue Pflanzen mussten in den Boden gesetzt werden. „Vielen Waldbauern fehlen die Gewinne aus den Holzerlösen, um neue Bäume zu pflanzen“, blickt Philipp von Beverfoerde über seine eigene Lage hinaus. Vater und Sohn erinnern an die finanziellen Hilfen, die der Bund – der Name von Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner fällt – für die Waldbauern zur Wiederaufforstung zur Verfügung gestellt hat.

Wenn man einen Baum fällt, dann muss man auch dafür sorgen, dass wieder einer nachwächst für die nächste Generation.

Philipp von Beverfoerde

Auch Beverfoerde hat einen Antrag auf Unterstützung gestellt – und gleichzeitig neue Bäume gekauft, da das natürlich auch andere taten und der Markt nicht unerschöpflich ist. Sie seien in Vorleistung, ins Risiko gegangen. Aber: Zuschüsse haben sie nicht bekommen. Die Flut der Anträge sei viel größer gewesen als die bereitgestellten Mittel.

Aufgeben ob des Ärgers und der Unsicherheit? Philipp von Beverfoerde lacht beziehungsweise schmunzelt. Sein Vater tut es auch. Nein, daran haben beide noch nie gedacht. „Wenn man einen Baum fällt, dann muss man auch dafür sorgen, dass wieder einer für die nächste Generation nachwächst“, unterstreicht Philipp von Beverfoerde. Ja, die Beziehung zum Wald sei eine emotionale, sagen beiden. Und eben eine familiäre.

Das Fichten-Desaster hat überall zum Umdenken geführt. Stileichen, Buchen und Esskastanien – das sind die Arten, die Philipp von Beverfoerde jetzt pflanzt beziehungsweise gepflanzt hat. Nicht „klimastabil“ nennt er die Fokussierung auf die Fichte. Doch wie baut man Dachstühle ohne Fichtenholz? Eichen braucht 160 Jahre, um sozusagen dachstuhlreif zu sein und sind deutlich teurer. Eine Fichte kann nach 60 bis 80 Jahren gefällt werden. Kiefern wachsen auch in den Beverfoerdschen Wäldern. Auch sie seien geeignet. Reicht das? Oder wird Fichte dann einfach aus dem Ausland importiert? Möglich sei das natürlich, zucken beide mit den Achseln.

Zu planen und auf einen Bedarf hin anzupflanzen, wenn ein Baum mindestens 60 bis 80 Jahre alt sein muss, um verarbeitet zu werden, das ist ein schwieriges Unterfangen – ohne Liebe zum Wald wohl absolut unmöglich.

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