Norman Schneider ist Figurenschneider
Puppenbau ist echte Kunst

Füchtorf -

Norman Schneider lässt die rot-blonde Katzendame spielerisch auf der Schreibtischplatte tänzeln. Sie schaut nach rechts, schaut nach links, dreht kokett den Kopf. Ein Hauch vornehmer Arroganz liegt in ihrem offenen Blick. Das gut lebensgroße Tier wirkt quicklebendig, während der erfahrene Puppenspieler es führt.

Donnerstag, 24.12.2015, 10:12 Uhr

 
  Foto: von Breveren

Das Puppenspiel hat Schneider am Bielefelder Puppentheater gelernt und jahrelang erprobt. Aber der 44-Jährige kann noch mehr. Die vornehme Katzendame, die in den nächsten Tagen nach Bremen abreist, ist von ihm entworfen und gebaut. Vor zehn Jahren hat Schneider seine zweite Leidenschaft, den Puppenbau, zum Beruf gemacht und gehört seither als „Figurenschneider“ zu den Erfolgreichen seiner Zunft. Das Spezialgebiet seiner Werkstatt sind textile Puppen und Figuren, die er für Puppentheater, Einzelkünstler, aber auch für Film und Fernsehen entwirft.

In das moderne Atelier im Dachgeschoss des ehemaligen Immanuel-Hauses, das Schneider im Oktober bezogen hat, fällt von drei Seiten Tageslicht. Direkt vis á vis des Eingangs grüßt Tiffy aus der Sesamstraße verschmitzt aus dem obersten Fach einer Glasvitrine. Der tüllumkränzte Kopf ist zur Auffrischung in Füchtorf, erzählt Schneider. Vor zwei Jahren hat er die Figur für das Deutsche Filmmuseum gebaut.

Der freche Rabe Rudi aus der ZDF-Kinderserie Siebenstein, der sich zwei Vitrinen tiefer an seinen Koffer kuschelt, ist dagegen hier zu Hause. Ihn braucht Schneider als Anschauungsmaterial, denn die Serie gehört zu seinen Stammkunden. Der Original-Rudi trägt ein Federkleid aus schwarzen Nicki-Streifen. „Jeder wird einzeln angenäht“, verrät der Figurenbildner. „Das ist eine ungeheure Arbeit, und jeder, der schon einmal mit Nicki-Soff gearbeitet hat, weiß wie die Werkstatt danach aussieht.“

Im Inneren des Raben steckt eine komplizierte Mechanik aus Federn und Seilzügen, die es dem Puppenspieler erlaubt, Augen und Schnabel der Figur zu steuern. Schneider klappert prüfend mit den Hebeln eines Vogeltorsos, der gerade noch vor ihm auf dem Schreibtisch lag. „Jede neue Neukonstruktion beginnt mit der Planung der Mechanik“, erklärt er. Schon in wenigen Monaten wird auch dieses Tier bei Siebenstein eine Rolle spielen.

Je komplizierter die Mechanik einer Puppe, desto länger die Bauzeit, lautet eine Faustregel des Figurenbildners. Auch die Arbeit, die in den Körperhüllen steckt, ist nicht immer auf den ersten Blick erkennbar, etwa wenn auf der Glatze der furchteinflößenden Oberhexe die feinen Resthaare einzeln eingeknüpft wurden. Eine besondere Herausforderung an die Stoffverarbeitung stellen Figuren für Filmproduktionen in HD-Qualität, weiß der Puppenbauer: „Da dürfen blinde Nähte wirklich gar nicht mehr zu sehen sein. Das ist echte Kunst!“

Um die handwerkliche Seite seines Berufes zu erlernen, war Schneider unter anderem ein gutes Vierteljahr in den Muppets-Werkstätten in New York zu Gast. Inzwischen verlassen rund 80 Figuren pro Jahr die Werkstatt des gebürtigen Hessen. Seine Kunstwerke reichen von klassischen Stab- oder Handpuppen über teilweise monströse Klappmaul-Figuren bis hin zu sogenannten „Walk-Acts“, in die der Spieler ganz hineinschlüpft.

An einer Filmfigur baut Schneider rund 80 bis 100 Stunden. Alleine schafft er das nicht mehr, schließlich bespielt er hin und wieder auch noch Puppen und bietet regelmäßig Workshops an, um seine Kunst weiter zu geben. Deshalb kann er inzwischen auf drei Mitarbeiter zurückgreifen, die seine Leidenschaft teilen. Für alle gilt Schneiders fester Grundsatz: „Bei uns geht nichts raus, das mir nicht gefällt!“ Dabei ist weniger der persönliche Geschmack gefragt. Die Figuren müssen gleichermaßen gut bespielbar sein und eine stimmige Ausstrahlung haben.

Eine solche Figur ist der leicht melancholische Frosch „Herr Grün“. Ihn hat Schneider als Hauptfigur für das Musikvideo zu Max Raabes Song „Küssen kann man nicht alleine“ entworfen und bespielt. Der Aufwand, mit dem ein solches Video produziert werde, habe ihn schon beeindruckt, erzählt der Puppenbauer. Höhepunkt war dann die vorletzte Szene, die in einem Waschsalon spielt: „Der Frosch und ich alleine mit dem gesamten Palastorchester: Das muss man erstmal erlebt haben!“, lacht der Puppenspieler.

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