Fahrradwerkstatt für Flüchtlinge
Ein Paradies für Schrauber

Sassenberg -

Mohamed schrickt ein bisschen zusammen, als mit lautem Getöse der Kompressor anspringt. Abdullah und Achmed haben den Schlauch ganz fachmännisch mit Hilfe eines Adapters am Ventil des Hinterrades befestigt und freuen sich diebisch, dass die Luft automatisch einströmt. „Geht viel einfacher als…“ Abdullah macht die Bewegung einer Luftpumpe nach und grinst.

Samstag, 16.07.2016, 15:07 Uhr

 Stadtverwaltung zu Besuch in der neuen Fahrradwerkstatt der Flüchtlingshilfe (v. l.): Bürgermeister Josef Uphoff, Jörg Kruse, Sozialamtsleiter Helmut Helfers, Heribert Schubert, Elisabeth Lückewerth, Günter Wittler und Burkhard Schröder.
 Stadtverwaltung zu Besuch in der neuen Fahrradwerkstatt der Flüchtlingshilfe (v. l.): Bürgermeister Josef Uphoff, Jörg Kruse, Sozialamtsleiter Helmut Helfers, Heribert Schubert, Elisabeth Lückewerth, Günter Wittler und Burkhard Schröder. Foto: von Brevern

Die drei Jungs aus Syrien und Afghanistan fühlen sich schon heimisch in der neuen Fahrradwerkstatt . Seit kurzem ist in das ehemalige Gerco-Gebäude, das die Stadt im Hinblick auf möglicherweise notwendige weitere Flüchtlingsunterkünfte erworben hat, schon einmal Leben eingezogen. Jeden Donnerstag um 17 Uhr schließen Jörg Kruse und Heribert Schubert die Tür zu einer der Produktionshallen auf und helfen Geflüchteten bei der Fahrrad-Reparatur. Bürgermeiste Josef Uphoff und Sozialamtsleiter Helmut Helfers machten sich jetzt selbst ein Bild von der Arbeit der Ehrenamtlichen.

„Für Nicht-Wohnzwecke stecken wir hier kein Geld mehr rein“, sagte Uphoff beinahe etwas entschuldigend und schaut sich in der deutlich in die Jahre gekommenen Halle um. „Wenn es regnet, ist das Plätschern deutlich zu hören.“ Die Bastler indes sind mit ihrem neuen Quartier mehr als zufrieden, nutzten sie doch bis lang einen Schuppen am Lappenbrink, der ebenfalls ungeheizt, aber viel zu eng war. „Bei den Arbeitsbedingungen ist das gar kein Vergleich zu vorher“, lobt Kruse.

Die Halle bietet genug Platz für beinahe professionelles Arbeiten. „Wir konnten jetzt fünf getrennte Reparaturboxen einrichten“, erklärt Elisabeth Lückewerth , Sprecherin der Flüchtlingshilfe vor Ort. Mit gelben Markierungen sind die Arbeitsplätze säuberlich voneinander getrennt. Zu jedem Arbeitsplatz gehört ein roter Plastikwerkzeugkasten mit all den passenden Ringschlüsseln, Schraubenziehern und Spezialwerkzeugen, die für die Fahrradreparatur gebraucht werden.

370 Fahrräder hat die Flüchtlingsinitiative bereits für Flüchtlinge zur Verfügung gestellt und gerade einmal fünf davon wurden gekauft, unterstreicht Lückewerth. Möglich machen das die ungebrochene Spendenbereitschaft der Sassenberger und die beiden Herren Günther Wittler und Burkhard Schröder, Ehrenvorsitzender der Radsportfreunde Sassenberg . Die beiden Rentner nehmen sich eins nach dem anderen der gespendeten Fahrräder mit nach Hause und machen sie wieder fit.

„Zum Teil sind das schon ganz interessante Räder“, schmunzelt Schröder, „aber das macht nichts. Wir machen auch aus zwei oder drei kaputten dann wieder ein heiles. Was nicht zu reparieren ist, ist Ersatzteillager.“ So kommen die beiden trotz der immensen Preise von Fahrradersatzteilen mit durchschnittlich 20 Euro Instandsetzungskosten pro Rad hin. Am Ende steht immer ein verkehrssicheres, fahrtüchtiges Fahrrad, betont Wittler.

Einmal in der Woche gibt die Flüchtlingsinitiative die neuen Räder aus. Nur das erste Rad ist kostenfrei, wer es verliert oder kaputt fährt muss sich mit 30 Euro am Ersatz beteiligen. Dabei bleiben die Räder im Besitz der Flüchtlingshilfe und müssen zurückgegeben werden, wenn der Geflüchtete Sassenberg verlässt.

In der Fahrradwerkstatt geht es inzwischen hoch her. Der Andrang ist immer riesig, lacht Lückewerth, die versucht den reparierenden Männern den Rücken von herumwuselnden Kindern frei zu halten. Kruse und Schubert lassen sich aber durch so gut wie gar nichts aus der Ruhe bringen. Auf Deutsch, Englisch, mit Händen und Füßen klappe die Verständigung, „mit dem Arabisch es bei mir nicht so weit her“, lacht Kruse, „und mit dem Englischen eigentlich auch nicht“.

Umso herzlicher ist die Atmosphäre in der Werkstatt. Viele Flüchtlinge helfen interessiert mit, andere brauchen nur noch gelegentlich Unterstützung bei ihrer Arbeit oder können selber helfen. Schubert benennt ganz nebenbei bereitwillig Werkzeuge und Fahrradteile, damit die Flüchtlinge ihr Deutsch verbessern. An der Wand hängen Vokabelkarten, Schaubilder und Broschüren mit Verkehrsregeln auf Deutsch und Arabisch.

Wie viel geschafft wird, ist unterschiedlich: Spitze waren 20 Räder an einem Abend, erinnert sich Kruse. „Es wird einfach eins nach dem anderen abgearbeitet“. Auch die Öffnungszeiten sind variabel. Eigentlich sollte die Tür um 20 Uhr abgeschlossen sein, aber „ich kann doch kein Kind ohne Licht nach Hause schicken, das wird dann auch noch gemacht“, sagt er und eilt der syrisch-afghanischen Jungs­truppe zur Hilfe. Die hat noch immer nicht genug Luft im Hinterrad. Der Adapter passt nicht, analysiert Kruse, und greift dann doch schnell mal zur Luftpumpe.

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