Ungewöhnliches Vogelpärchen
Zwei Sittiche im Glück

Sassenberg -

Es gibt diese Geschichten, die könnte sich kaum ein Drehbuchautor bezaubernder ausdenken. Doreen und Wolfgang Ostermann haben eine solche Geschichte miterlebt.

Samstag, 24.12.2016, 06:12 Uhr

Doreen Ostermann hat Sohn Baby G mit der Hand aufgezogen. Darum ist er auch viel zutraulicher als seine Eltern und lässt sich gerne auf kleine Spielchen ein..
Doreen Ostermann hat Sohn Baby G mit der Hand aufgezogen. Darum ist er auch viel zutraulicher als seine Eltern und lässt sich gerne auf kleine Spielchen ein.. Foto: von Brevern

Im Mittelpunkt steht ein Halsband-Sittichpärchen der beiden Vogelzüchter, das die wenig klangvollen Namen „Der Alte“ und „Die Alte“ trägt. „Richtige Namen bekommen bei uns nur Vögel, die wir selbst aufgezogen haben“, lächelt Doreen Ostermann mit einer Mischung aus Bedauern und Entschuldigung.

„Der Alte“ mit seinem hübschen gelb-weißen Gefieder war vor einigen Jahren wie aus dem Nichts im Garten der Ostermanns aufgetaucht. Dort am Ortsrand hat sich die Familie – auch die Kinder sind inzwischen vom Züchter-Hobby infiziert – hinter ihrem Kotten ein kleines exotisches Vogelparadies geschaffen. In den Volieren tummeln sich verschiedenste Sitticharten. Die Bartvögel, deren Heimat in Afrika liegt, sind wegen der Kälte vorrübergehend ins Haus gezogen. Sie leisten Cora , dem Graupapagei, Gesellschaft, den die Ostermanns gerade erst auf unbestimmte Zeit zur Pflege aufgenommen haben.

Die 16-jährige Papageiendame hat fast ihr ganzes Leben mit ihrem Frauchen verbracht. Sie kann sprechen und sogar die Tatort-Melodie pfeifen. Doch unter Doreen Ostermanns fürsorglichem Blick entdeckt sie jetzt langsam auch ihr papageiisches Ich. Im kommenden Sommer wird sie wohl ebenfalls in den Garten ziehen. „Das macht das Gefieder viel schöner“, schmeichelt Doreen Ostermann, während ihr Cora genüsslich den Kopf zum Kraulen hinstreckt.

Solche Vertraulichkeiten verbieten sich bei den beiden „Alten“. Während die China-Sittiche in der Voliere nebenan ohrenbetäubend krakeelen – „das ist unsere Alarmanlage“, scherzt die Hausherrin – zieht sich das Halsbandsittichpärchen vorsorglich in ihren Unterschlupf zurück, als sich Menschen nähern.

Die Ostermanns hatten „dem Alten“, der herrenlos in ihrem Garten herumflog, Asyl in ihrer Voliere angeboten. Und weil Papageien gerne paarweise leben, ging die Familie irgendwann auf Brautschau für ihn, so, wie sie es auch für Cora tun will.

Sie wurden bald fündig. „Die Blaue wäre toll, habe ich damals spontan bei einem Züchter gesagt“, erinnert sich Doreen Ostermann. Doch der winkte ab. Die hübsche blaue Henne war vielleicht in einer frostigen Nacht am Volierengitter festgefroren, vermutet Doreen Ostermann. Sie hatte die Vorderkrallen verloren und darum wollte der Züchter sie gar nicht erst abgeben.

Der Familie war das egal. „Manchmal denke ich eh, wir sind eher ein Gnadenhof“, schmunzelt Wolfgang Ostermann gutmütig. Mit ihrer eigenwilligen Wahl trafen die beiden Züchter bei Hahn und Henne jedoch voll ins Schwarze. „Es war Liebe auf den ersten Blicke“, freut sich Doreen Ostermann noch heute, wenn sie das Pärchen in der Voliere beobachtet. Schon nach einer halben Stunde schmiegten sich die Tiere aneinander. Wenige Woche später gab es die ersten Eier.

Doch ein „Happy End“ war fehl am Platz. „Wegen der fehlenden Krallen muss sich die Henne auf ihr Gelege plumpsen lassen, statt sich vorsichtig zu setzen“, erzählt die Züchterin. Die Eier hielten das aus, die Küken nicht. Also entfernte sie den überlebenden Nachwuchs vorsichtig aus dem Nest und wurde zur Halsbandsittich-Amme.

Zunächst alle zwei Stunden und später in längerem Abstand fütterte Doreen Ostermann die winzigen Küken mit Brei aus einer Spritze. Danach kamen sie wieder in den Wärmeschrank. Nach acht oder zehn Wochen konnte sie den Nachwuchs langsam entwöhnen und nach etwa drei Monaten waren die Jungtiere futterfest und konnten ein normales Vogelleben in der Voliere führen.

Da allerdings lagen schon wieder Eier im Nest des alten Pärchens. War das Vogel-Paar zunächst noch skeptisch gewesen, als Doreen Ostermann den Nachwuchs entführte, entwickelte sich nun eine höchst bemerkenswerte Zusammenarbeit zwischen den beiden Halsbandsittich-„Müttern“. Unter den aufmerksamen Blicken des Hahns schob die Henne schon bei der nächsten Brut der potenziellen Ersatzmutter die Jungtiere von sich aus sanft zu. Der Hahn war zufrieden, als seiner Henne nichts passierte. „Inzwischen ruft sie mich regelrecht, wenn die Küken schlüpfen“, staunt Doreen Ostermann über das große Zutrauen des tierischen Paares.

Seit der ersten Brut sind rund sechs Jahre vergangen und die gelernte Friseurin hat viel Erfahrung mit der Kükenaufzucht und –erziehung. Dabei gehörte auch der Ara-Nachwuchs eines befreundeten Züchters zu ihren Mündeln. Handaufgezogene Tiere würden leichter handzahm, sagt sie. Für ihre eigenen Tiere legt sie darauf allerdings keinen Wert: „Ich betüddel die deshalb nicht“, lacht sie.

Wolfgang Ostermann freut sich diebisch darüber, dass ihr anfangs wegen der Behinderung verspottetes Pärchen nicht nur erfolgreich Nachwuchs hat, sondern dass der auch noch besonders schöne und gesuchte Farbschläge aufweist – so, als brauchte die außergewöhnliche Liebesgeschichte noch ein zusätzliches Happy-End. Dennoch – Kapital lässt sich aus dem Zuchterfolg nicht ziehen, lacht er. Gut, wenn überhaupt die Futterkosten reinkommen.

Für ihn ist die Vogelzucht reines Hobby – allerdings eins, das mit Verstand betrieben durchaus sinnvoll ist. Private Züchter trügen dazu bei, eine breite genetische Basis zu erhalten und Wildbestände zu schützen, sagt er, „Vogelparks alleine können das gar nicht“. In diesem Sinne haben die beiden Züchter, die auch im Vogelverein Sassenberg aktiv sind, auch schon ein neues Betätigungsfeld ins Auge gefasst: Wolfgang und Doreen Ostermann träumen von der Eulenzucht, um den Erhalt der bedrohten heimischen Art zu unterstützen. Dafür fehlt allerdings (noch) der Platz.

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