Flüchtling zu Besuch in der Sekundarschule
Innenansichten junger Asylbewerber

Sassenberg -

Mojtaba Sadinam und seine beiden Brüder Milad und Masoud, die in den Neunziger Jahren als Flüchtlinge nach Deutschland kamen, machten Spitzenabis, studierten und haben ihr eigenes IT-Unternehmen. In der Sekundarschule berichteten sie am Montag, warum sie sich trotzdem manchmal noch fremd fühlen

Dienstag, 09.05.2017, 06:05 Uhr

In einer Lesung stellten Mojtaba und Masoud Sadinam Neuntklässlern der Sekundarschule ihr Buch „Unerwünscht“ vor. Es handelt von ihren ganz persönlichen Erfahrungen im Zuge ihres Asylverfahrens.
In einer Lesung stellten Mojtaba und Masoud Sadinam Neuntklässlern der Sekundarschule ihr Buch „Unerwünscht“ vor. Es handelt von ihren ganz persönlichen Erfahrungen im Zuge ihres Asylverfahrens. Foto: Ulrike von Brevern

„Noch immer gibt es Momente, an denen ich mich in Deutschland fehl am Platz fühle“, bekannte Mojtaba Sadinam am Montag in der Sekundarschule freimütig. Das könnte erstaunen – denn eigentlich sind er und seine beiden Brüder Milad und Masoud Paradebeispiele gelungener Integration. Die jungen Männer, die in den Neunziger Jahren als Flüchtlinge aus dem Iran nach Deutschland kamen, machten Spitzenabis , studierten und haben ihr eigenes IT-Unternehmen.

Und dennoch fühlten sie sich über viele Jahre in Deutschland durchaus „unerwünscht“. Ihr Buch mit dem gleichnamigen Titel über persönlichen Erfahrungen mit dem deutschen Asylsystem stellten Mojtaba und Masoud in einer Lesung Neuntklässlern der Sekundarschule vor.

Die städtische Flüchtlingskoordinatorin Gabriele Farwick-Achterholt hatte die Lesung organisiert, um die Jugendlichen für das Thema zu sensibilisieren. Immerhin gehören inzwischen knapp 40 Kinder aus Flüchtlings- und Zuwandererfamilien zur Schulgemeinde, erinnerte Schulleiter Stephanus Strizke.

Mojtaba und Masoud Sadinam fanden schnell einen Draht zu dem jungen Publikum, das die Chance nutzte, die Autoren sehr persönlich zu befragen. Die Brüder berichteten von dem Gefühl, in umzäunten Unterkünften leben zu müssen und der Scham, Mitschüler mit in die kleine Flüchtlingswohnung zu nehmen, die sie mit ihrer Mutter zugewiesen bekommen hatten. Sie berichteten von der Angst, dass wieder ein Brief mit einer Ablehnung kommen könnte, und der akut drohenden Abschiebung kurz vor dem Schulabschluss. Erst durch Klageverfahren und eine Gesetzesänderung wurde ihnen schließlich der dauerhafte Aufenthalt genehmigt.

Die Fragen der Schüler beantworten Mojtaba und Masoud sehr offen. Dabei ging es etwa um den Umgang mit Mädchen, der für die iranischen Jungs zunächst sehr ungewohnt war, oder um die Frage, ob sie von deutschen Mitschülern viel geärgert worden seien.

Eine Passage im Buch handelte von der Ablehnung gegen gespendete Klamotten aus der Kleiderkammer. War das undankbar? „Im Iran hatten wir ganz normal gelebt“, warb Mojtaba um Verständnis. Die Brüder hätten die radikale Veränderung ihrer Lebensumstände, die Armut, auch weil ihre Mutter als Asylbewerberin nicht arbeiten durfte, selbst gar nicht begreifen können.

Während Flüchtlingshelfer und später auch Mitschüler und Freunde ihnen privat ein Gefühl gaben, „erwünscht“ zu sein, fühlten sich die Brüder durch die Behandlung im Asylverfahren unerwünscht. Neun Jahre musste Familie Sadinam warten, bis klar war, dass sie bleiben konnte. Diese Zeit der Unsicherheit sei nicht gut für die Integration, kritisierte Mojtaba Sadinam. Der Wille zur Integration könne ermüden. Bei ihnen habe Integration weniger durch die Behörden als trotz der Behörden funktioniert.

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