„urgewald“ feiert 25-Jähriges
Lobbyarbeit an der grünen Front

Sassenberg -

Wer es nicht weiß, kommt im ersten Moment auch nicht auf die Idee, dass eine der rührigsten Nichtregierungsorganisationen Deutschlands ihren Sitz ausgerechnet in Sassenberg hat: Im Schatten von Haus Schücking wurde vor genau 25 Jahren „urgewald“ gegründet.

Samstag, 22.07.2017, 06:07 Uhr

Das Team von urgewald feiert am Sonntag das 25-jährige Bestehen der Umweltschutzorganisation. Auf eine große Feier wird allerdings verzichtet.
Das Team von urgewald feiert am Sonntag das 25-jährige Bestehen der Umweltschutzorganisation. Auf eine große Feier wird allerdings verzichtet. Foto: urgewald

Etwas unscheinbar und bescheiden arbeitet direkt neben dem Haus Schücking eine weltweit agierende und beachtete Umwelt- und Menschenrechtsorganisation. Vor genau 25 Jahren – am 23. Juli 1992 – wurde „urgewald“ in Sassenberg gegründet. Von Beginn an war Heffa Schücking eine der treibenden Kräfte. Sie war schon vorher in der Regenwaldschutzbewegung tätig und hatte ein viel beachtetes Regenwaldmemorandum geschrieben. „Die Finanzierung solcher Zerstörung war ein so wichtiger Aspekt, dass man das nicht beiläufig verfolgen wollte. Darum sollte eine neue Organisation gegründet werden, die den Hauptfokus auf Finanzierung legt. Das war die Grundidee“, erinnert sich Andrea Soth , selbst Gründungsmitglied und heutige Geschäftsführerin Finanzen.

Was klein begann – 13 Personen erlebten die Geburtsstunde von urgewald – hat im Laufe der 25 Jahre große Wirkung erzielt. Das liegt daran, dass die Organisation den Hebel bei der Finanzierung ansetzt und vor allem Banken, Versicherungen und Großkonzerne auf deren Fehlverhalten hinweist. „Wir machen darauf aufmerksam, welche Auswirkungen die Taten auf die Welt haben. Wir sind Globalisierungskritiker der ersten Stunde, bevor es den Begriff überhaupt gab“, sagt Agnes Dieckmann, bei urgewald für Verbraucherkampagnen zuständig.

In den ersten Jahren waren es wortwörtlich waldnahe Themen, mit denen sich urgewald beschäftigte. Es wurde im Memorandum recherchiert, wie deutsche Städte und Gemeinden Regenwaldhölzer kauften. Ziel war es, dass in den Ausschreibungen der Städte Tropenhölzer ausgeschlossen werden. „Das hat damals eine große Bewegung gegeben und etwas bewirkt“, freut sich Agnes Dieckmann. 1994 erhielt Heffa Schücking für ihr Engagement zum Schutz der Regenwälder als erste Deutsche den international renommierten Goldman-Umweltpreis.

In den Folgejahren nahm urgewald auch Umwelt- und Menschenrechte in den Blick. In den 90er Jahren stand die Finanzierung von Staudämmen ganz oben auf der Agenda, denn in den Gebieten wurden für die Großbauprojekte Menschen vertrieben. Kohlebergbau und Atomstrom waren ebenfalls immer wichtige Themen für die Sassenberger Organisation, die schließlich merkte, dass es von Vorteil ist, in der Hauptstadt präsent zu sein und dort ein Büro eröffnete. „Politische Arbeit ist viel Lobbyarbeit“, erklärt Andrea Soth.

Dass urgewald ernst genommen wird, beweisen viele Erfolge. „Wir haben zum Beispiel ein Atomkraftwerk verhindert, das 2006 in einem Erdbebengebiet in Bulgarien gebaut werden sollte“, sagt Agnes Dieckmann. Deutsche Bank und Commerzbank wollten das neben anderen Banken finanzieren, aber urgewald drohte mit Kundenprotesten vor Bankfilialen. 2008 rief die Umweltorganisation zu einer Stromwechselkampagne auf und brachte viele Menschen dazu, auf Ökostrom umzusteigen. „Das war sehr erfolgreich. Die vielen kleinen Haushalte zeigen auch Wirkung.“ Dabei ging es einmal mehr auch gegen den „Lieblingsfeind RWE“.

Im Jahr 2010 erhielt urgewald den Preis für Zivilcourage und war damit die erste Organisation, die mit diesem Preis ausgezeichnet worden ist. Bis dahin ging er immer an Einzelpersonen. Im gleichen Jahr lief auch die viel beachtete Kampagne „Wie radioaktiv ist meine Bank?“ Erst vor drei Wochen erhielt Heffa Schücking die Auszeichnung „Stromrebellin 2017“ (WN berichteten).

„Ein Vierteljahrhundert Kampagnenerfahrung hat uns gezeigt, mit der richtigen Strategie können wir selbst milliardenschwere Konzerne zum Umlenken bewegen“, sagt Andrea Soth. Das habe auch zu einer kritischen Aktionärskultur geführt. Urgewald konfrontiert auf Basis intensiver Recherchen Geldgeber, Konzerne und Politik bei Projekten, die Umwelt und Menschenrechte gefährden, etwa bei Atom, Kohle und Rüstung. Ziel ist es, die Geldquellen versiegen zu lassen. Eine Spezialität sind kritische Reden und Auftritte auf den Aktionärsversammlungen der Konzerne im In- und Ausland.

Aktuell arbeitet urgewald an der ersten umfassenden Übersicht zur globalen Kohleindustrie auf der Webseite coalexit.org, um Investoren und Banken zu einem konsequenten Ausstieg aus dem Sektor zu drängen. „Wir fragen, wer ist die Kohleindustrie? Selbst Banken wissen es nicht genau.“

Die Organisation urgewald besteht inzwischen aus 17 Mitarbeitern mit Büros in Sassenberg und Berlin und einem ehrenamtlichen Vorstand, dem drei Personen angehören. 

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