Postkarte mit Geschichte
Mit Latein Gestapo ausgespielt?

Sassenberg -

Für die einen ist es nur eine alte Postkarte. Für die anderen ein historisches Dokument, das viel über die Zeitgeschichte verrät. So erging es dem Sassenberger Rolf Hartmann, als er auf eine Schwarz-Weiß-Postkarte von 1943 mit einer Abbildung der Innenstadt stieß. Er forschte nach.

Freitag, 29.09.2017, 06:09 Uhr

Der Text auf der Postkarte ist in lateinischer Sprache geschrieben – als Schutz gegen die Gestapo?Das Portal der Pfarrkirche bietet sich dem Besucher auch mehr als 70 Jahre später noch fast identisch dar. Die Häuserzeile am Lappenbrink hingegen hat sich leicht verändert.      
Der Text auf der Postkarte ist in lateinischer Sprache geschrieben – als Schutz gegen die Gestapo?Das Portal der Pfarrkirche bietet sich dem Besucher auch mehr als 70 Jahre später noch fast identisch dar. Die Häuserzeile am Lappenbrink hingegen hat sich leicht verändert.       Foto: Rolf Hartmann

Erst war es nur das Sassenberger Motiv, das Rolf Hartmann auf die alte Schwarz-Weiß-Postkarte aufmerksam machte. Dann aber tauchte der Sassenberger immer tiefer auch in die Geschichte des Sammlerstücks ein. Für die Westfälischen Nachrichten berichtet er darüber, was er herausgefunden hat:

Das Bildmotiv zeigt links das barocke Portal der Pfarrkirche St. Johannes Evangelist, wie es sich auch heute noch dem Betrachter darbietet. Die Bildmitte bestimmen der damals noch kopfsteingepflasterte Lappenbrink mit seiner markanten Biegung sowie die historischen Häuser, welche die Zeitläufte nicht ganz vollständig überstanden haben. Auf der rechten Seite ist das alte Haus Grothues/Wellendorf zu sehen.

„Bemerkenswerter als durch ihre Bildlichkeit erweist sich die Karte durch ihren Inhalt, was durchaus einer kleinen Entdeckung gleichkommt!“, betont Hartmann. Seine Erkenntnisse: Adressiert ist die Karte, die in der Hesselstadt aufgegeben wurde und deren Poststempel den 11. 5. 1943 ausweist, an Pfarrer Hegemann in Lavesum bei Haltern. Der am 8.10.1868 in Buer geborene Carl Hegeman war seit 1913 Pfarrer zu Sassenberg, ging dort 1941 in den Ruhestand und verbrachte seinen Lebensabend in Lavesum.

Der Kartengruß wäre etwas sehr Alltägliches, wenn nicht sein Inhalt sich ungewöhnlich gestaltete, denn der Text ist durchgehend in lateinischer Sprache geschrieben.

Natürlich stellt sich die Frage, was den Schreiber veranlasst haben könnte, sich dieser Form der Kommunikation zu bedienen. Immerhin hatte um die Mitte des 20. Jahrhunderts Latein seine Funktion als Kanzlei- und Verwaltungssprache doch schon längst verloren.

Übersetzt man den Text in die deutsche Sprache, so lautet er:

„Teuerster! Aus dem angenehmen Krankenhaus in Sassenberg, in dem ich vom 5. bis zum 28. dieses Monats aus gesundheitlichen Gründen wohne, grüße ich Dich vielmals. Bei Nacht haben wir Ruhe. Dort sind zurzeit sieben Frauen mit ihren Kleinsten. Gestern mit großem Zustrom die 13-stündigen Anbetung. Ich war sechs Festtage (?) in Vinnenberg, oh je, welche Veränderung der Verhältnisse. Alles außer der Kirche verändert sich grundlegend. Gemeinsam mit den Mitbrüdern des Konventes grüßt Dich Dein Freund Krimphove Dekan, welcher noch nicht an den Niederrhein gelangt ist. Ich habe es geschrieben am 10. des Monats Mai 1943.“

Der Verfasser der Zeilen ist unschwer auszumachen. Es handelt sich um Anton Krimphove, geboren am 12.9.1872 in Warendorf, der, nachdem er als Pfarrer und Dechant in Wetten bei Kevelaer 1937 in den Ruhestand getreten war, wieder in Warendorf lebte.

Es bleibt nicht allein bei Alltäglichkeiten, von denen der Verfasser berichtet. Die Bemerkungen über Vinnenberg verraten – wenngleich nur in Andeutungen – Maßnahmen nationalsozialistischer Kirchenpolitik. Knapp zwei Jahre zuvor war das Kloster am 14. Juli 1941 von der Gestapo beschlagnahmt worden. Die Nonnen hatten Vinnenberg zu verlassen, das Gnadenbild wurde unterdessen in Sicherheit gebracht. Gleichwohl wurde der Wallfahrtsort nach wie vor von vielen Gläubigen besucht. Die starke Bedeutung des Wallfahrtswesens während der Herrschaft des Nationalsozialismus ist immer wieder als ein stummer Protest gegen dessen kirchfeindliche Politik herausgestellt worden. Krimphove benutzt die Formulierung aus dem alten studentischen Kommerslied „Oh alte Burschenherrlichkeit“, welche lautet „oh quae mutation rerum“. Während die in die Jahre gekommenen Akademiker darin der sorglosen Zeit an der Universität nachtrauern, zeigt der Bezug auf die Verhältnisse in Vinnenberg bei Krimphove die bedrängte Situation der katholischen Kirche im Dritten Reich. Was den geläufigen Gebrauch der lateinischen Sprache angeht, kann man daran erinnern, dass Latein bis zum 2. Vatikanischen Konzil in den 60er Jahren als Sprache der Liturgie diente und von katholischen Geistlichen deren Kenntnis und Beherrschung als selbstverständlich vorausgesetzt wurde. Für Hegemann, der 1887 am Gymnasium Nepomucenum in Coesfeld sein altsprachliches Abitur abgelegt hatte galt das ebenso wie für Krimphove als Abiturient des Jahrgangs 1892 am Gymnasium Paulinum in Münster.

Fragt man nun nach möglichen Motiven, die Krimphove veranlasst haben könnten, in lateinischer Sprache zu formulieren, so wird man nicht nur vermuten, dass die Schulung in den alten Sprachen am humanistischen Gymnasium Begeisterung für diese hervorgerufen haben mag, sondern es bot zudem die Möglichkeit, auf die kirchenfeindliche Politik der Nationalsozialisten Bezug zu nehmen, ohne der Gestapo einen Vorwand zu bieten, den Verfasser zu belangen.

Krimphove verstarb am 4.4.1947 in Warendorf, Hegemann am 7.6. 1948 in Lavesum.

Rolf Hartmann

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