Naturschützer vermuten böse Absicht
Brutbiotop der Rohrweihe zerstört

Füchtorf/Glandorf -

Naturfreunde aus Füchtorf sowie Mitglieder des Vereins „Lebensraum erhalten Glandorf e.V.“ sind aufgebracht: Binnen kürzester Zeit wurde ein Brutbiotop der gefährdeten Greifvogelart Rohrweihe unmittelbar an der Grenze zwischen Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen in Glandorfs Ortsteil Sudendorf zerstört.

Mittwoch, 11.04.2018, 07:04 Uhr

Mit der Wildkamera wurde dieses Bild einer Rohrweihe 2016 in Glandorfs Ortsteil Averfehrden aufgenommen. Die Kamera sollte eine festgestellte Feldbrut überwachen. Im Laufe der Brutzeit wurde die Kamera von Unbekannten mutwillig zerstört.
Mit der Wildkamera wurde dieses Bild einer Rohrweihe 2016 in Glandorfs Ortsteil Averfehrden aufgenommen. Die Kamera sollte eine festgestellte Feldbrut überwachen. Im Laufe der Brutzeit wurde die Kamera von Unbekannten mutwillig zerstört. Foto: Frank Mechelhoff

Wo vor drei Wochen noch Fadenkraut, Brombeersträucher, Schilf und kleinere Gehölze wuchsen, findet man nun eine öde, gemulchte Fläche vor. Die in geschützten Bereichen am Boden brütende Rohrweihe, die Anfang April aus ihrem Überwinterungsgebiet aus südlichen Gefilden zurückkehrt, kann dort nun nicht mehr ihren Nachwuchs groß ziehen. Sämtlicher, sie schützender Bewuchs wurde abgemäht.

Auf besagter, zirka einen Hektar großen Fläche, die auf dem Grund der Familie von Fürstenberg liegt, stand vor rund acht Jahren ein Wäldchen mit Fichtenbestand. Doch als sich dort der Borkenkäfer breit machte, mussten die Nadelbäume abgeholzt werden. Als Ersatzaufforstung wurden mit Förderung des Landkreis Osnabrück einige Obstbäume angepflanzt. Im Laufe der letzten Jahre ist dort durch zunehmenden Bewuchs ein idealer Lebensraum für die seltene Rohrweihe entstanden.

Eigentümer begründet den Eingriff

„Die Streuobstwiese wurde damals als Naturschutzmaßnahme angelegt und bedarf gewisser Pflege, zu der ich als Eigentümer verpflichtet bin. Diese Pflegemaßnahmen wurden in den vergangenen Jahren nur sehr geringfügig per Hand durchgeführt, um die Rohrweihe nicht zu stören. Man hätte das Mulchen verhindern können, wenn man Gift gespritzt hätte, was bekanntlich noch ganz andere Nachteile mit sich brächte“, begründet Franz Freiherr von Fürstenberg den Eingriff. Es täte ihm leid, den Unmut der Naturschützer erregt zu haben, aber er ginge davon aus, dass die Rohrweihe sich problemlos ein anderes Brutgebiet suchen wird, wahrscheinlich gar nicht sehr weit entfernt.

Verstoß gegen Bundesnaturschutzgesetz?

Christel Steinhorst , Vorsitzende des Vereins Lebensraum erhalten Glandorf e.V., ist wütend. Hier sei gegen das Bundesnaturschutzgesetz verstoßen worden, welches verbiete Fortpflanzungs- oder Ruhestätten von besonders geschützten Wildtieren zu beschädigen oder gar zu zerstören. Bereits 2012/2013 habe sich der Kreis Warendorf mit dem Schutzprogramm Rohrweihen Feldbrut in Sassenbergs Ortsteil Füchtorf für den Erhalt des seltenen Greifvogels eingesetzt.

2017 gab dann Christel Steinhorst zusammen mit ihrem Verein für das Gebiet am Grenzfluss Bever auf niedersächsischer Seite eine Vogelkartierung speziell für Rohrweihe und Rotmilan in Auftrag, womit auch dort Vorkommen der Rohrweihe belegt wurden.

Windrad-Streit

Der Hintergrund: Die PEG Landvolk Energie GmbH aus Bad Essen plant zwei 238 Meter hohe Windkraftanlagen auf niedersächsischer Seite, für die sie aus Reihen der Naturschützer und Anwohner aus Glandorf und Füchtorf viel Gegenwind bekommt. „Die Windräder dürfen laut Windenergieerlass nur dort aufgestellt werden, wo der Abstand zu einem Rohrweihen-Biotopbrutplatz mindestens 1000 Meter beträgt“, erklärt Christel Steinhorst. Einer der vorgesehenen Windradstandorte befände sich aber nur 200 Meter entfernt von dem Brutplatz der Rohrweihe, der kürzlich zerstört wurde. „Soll hier etwa verhindert werden, dass die Rohrweihe die Fläche nochmals aufsucht und somit den Bau der Windräder behindert?“, mutmaßt die Vereinsvorsitzende.

Der Landkreis Osnabrück hatte 2016 beim Umweltplanungsbüro Schreiber eine Studie in Auftrag gegeben. Damals wurden Windräder in Glandorfs Ortsteil Averfehrden geplant. Die Studie ergab, dass Windräder errichtet werden dürften, allerdings müssten in der Brutzeit von Anfang April bis Mitte August die Rotoren aller Windkraftanlagen im Umkreis von einem Kilometer stillstehen. Die Rohrweihen sind zwar ihrem Nistplatz treu, variieren bei der Wahl eines neuen Platzes aber auch schon mal um mehrere hundert Meter im Vergleich zum Vorjahr. „So ist das bei der sogenannten Feldbrut, wie es sie in Averfehrden gab. Bei Feldbruten nisten die Rohrweihen auf Grünland oder Getreideflächen, und müssen allein schon der Fruchtfolge der Ackerpflanzen wegen, flexibler sein. Bei Biotopbruten hingegen sind die Vögel deutlich standorttreuer, der Verlust des Brutplatzes ein noch größeres Problem“, betont Christel Steinhorst.

Suche nach Ersatzfläche

Gerade in den letzten Wochen ist wieder Bewegung in die Windkraft-Planungen gekommen. Anwohner sollen sich über Anliegerverträge mit den Bauvorhaben anfreunden. Betroffene Füchtorfer haben einen Brief an den Bürgermeister eingereicht, damit ihre Bedenken bei der Ortsausschusssitzung am 23. April um 19 Uhr in der Gaststätte Artkamp diskutiert werden. Fachleute wurden beauftragt, eine Ersatzfläche für die Rohrweihe zu suchen. „Erst wenn diese gefunden und die Rohrweihe erfolgreich umgesiedelt wurde, kann es eine Baugenehmigung geben“, weiß Christel Steinhorst. Als Genehmigungsbehörde müsse der Landkreis Osnabrück im Rahmen einer Umweltverträglichkeitsprüfung alle Belange für Mensch, Tier und Natur sorgfältig abwägen. Streit hin Abwägung her – die einfliegende Rohrweihe wird wohl irritiert ihren alten Brutplatz suchen. Naturfreunde hoffen darauf, sie auch zukünftig mit ihren akrobatischen Flügen am Himmel kreisen zu sehen.

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