Interview mit Stephanus Stritzke
„Jeder Tag war eine Wundertüte“

Sassenberg -

Mit Ablauf dieses Schuljahres geht Stephanus Stritzke in den Ruhestand. Der Schulleiter übergibt eine funktionierende Sekundarschule, die er selbst mit aufgebaut hat. Am Donnerstag wurde er feierlich verabschiedet (siehe nächste Seite). Doch zuvor blickte er im Gespräch mit WN-Redakteur Ulrich Lieber auf sechs Jahre Aufbauarbeit zurück.

Freitag, 13.07.2018, 12:00 Uhr

Schulleiter Stephanus Stritzke hat am heutigen Freitag seinen letzten Arbeitstag in der Sekundarschule, die er über sechs Jahre mit aufgebaut hat. Die damaligen Fünftklässler hat er erfolgreich durch die Schulzeit geführt und präsentiert stolz deren Abschlusszeitung.
Schulleiter Stephanus Stritzke hat am heutigen Freitag seinen letzten Arbeitstag in der Sekundarschule, die er über sechs Jahre mit aufgebaut hat. Die damaligen Fünftklässler hat er erfolgreich durch die Schulzeit geführt und präsentiert stolz deren Abschlusszeitung. Foto: Ulrich Lieber

1.Vor sechs Jahren sind Sie angetreten, um mit der Sekundarschule eine neue Schulform in Sassenberg zu etablieren. Nun ist der erste Jahrgang entlassen worden, und Sie gehen in den wohl verdienten Ruhestand. Wie fällt Ihr Fazit aus?

Stritzke: Ich war Schulleiter in Ahlen und habe damals einen Anruf von Reinhold Bussieweke bekommen, der mir von dieser Aufgabe berichtet hat. Ich habe lange mit meiner Konrektorin gesprochen. Sie sagte: Nutze die Möglichkeit, noch einmal zu versuchen, alle deine Vorstellungen von einer in eine Neugründung zu stecken. So bin ich voller Begeisterung zum Schuljahr 2012/13 hier angefangen und hatte den Kopf voller Ideen. Gott sei Dank wusste ich damals nicht, was für Herausforderungen auf mich zukommen würden, denn Inklusion war bis dahin nur ein Wort für mich, das wusste auch keiner von denen, die damals angetreten sind. Wenn ich jetzt zurückschaue, wie wir mit dem Mut der Neuanfänger einfach ins Wasser gesprungen sind und jetzt nach sechs Jahren beim Abschlussfest auch bemessen konnten, was wir erreicht haben, dann bin ich einfach nur stolz. Wir haben damals den neuen Schülern und Eltern versprochen, dass wir jeden zu einem optimalen Bildungsabschluss führen werden. Und das ist wirklich absolut gut gelungen. Wir hatten nur zwei bedingt gymnasial empfohlene Kinder und jetzt haben wir 45 Kinder mit Fachoberschulreife und Qualifikation fürs Gymnasium entlassen. Das ist schon richtig stark.

2.Was zeichnet die Sekundarschule aus?

Stritzke: Das längere gemeinsame Lernen, das Fortführen dessen, was uns die Grundschulen vorleben. Die Selektion nach der vierten Klasse ist viel zu früh. Unsere Abschlusszahlen zeigen ja, dass es längere Entwicklungsphasen braucht. Was für mich wichtig ist, ist dieses Versprechen, nachhaltig für eine Gemeinde die Bildung zu organisieren.

3.Hat sich die Inklusion bewährt?

Stritzke: Wenn Sie die Eltern der Förderschulkinder fragen, die jetzt entlassen wurden, wird jeder sagen: Gut, dass wir diesen Weg gewählt haben. Denn neben dem Lernzuwachs und den erfolgreichen Bildungsabschlüssen sind diese Kinder in einer wirklich erstaunenswerten Art gesellschaftsfähig geworden. Sie haben in jedem Fall profitiert. Was so schwer zu vermitteln ist, ist der Profit, den die anderen Schüler haben. Viele Eltern fragen sich, ob sie ihr Kind mit Gymnasialempfehlung nicht eher auf eine Schule schicken sollen, in der die Mühen der Inklusion nicht gegeben sind. Es ist ein unschätzbarer Wert für die Stadt, dass es für alle Schüler selbstverständlich ist, dass es Menschen gibt, die nicht vom lieben Gott so beschenkt wurden, wie die Gesunden und die Intelligenten. Ich bewundere die hohe Vereinskultur hier, diese Erfahrung der Gemeinsamkeit, die fehlt in den Städten. Ich glaube, dass wir zu dieser Gemeinschaftsfähigkeit ganz erheblich beitragen. Ich glaube, dass die Sekundarschule durch das Gefühl des längeren gemeinsamen Lernens auch automatisch nachhaltig ortsgebundene Schüler erzieht, die den Wert erkennen, hier ihr Leben fortführen zu können.

4.Wie sehen Sie die Zukunft der Sekundarschule und des Schulstandortes Sassenberg?

Stritzke: Den Erfolg des ersten Jahrgangs fortzuführen, das ist die Herausforderung. Es ist nicht leichter geworden, aber der Weg den wir beschreiten, der macht mich dann doch optimistisch. Über die Praktika und die Zusammenarbeit mit den örtlichen Betrieben ist die Schule deutlich zur Schule des Ortes geworden sind. Die Betriebe sind daran interessiert, Kontakte zu den Schülern zu knüpfen, damit sie hier vor Ort eine Ausbildung machen und auch anschließend hier arbeiten. Wenn man das weiter verknüpft, auch die Zusammenarbeit mit den Kirchen und mit den Vereinen, dann steht für mich am Ende die Vision einer Schule, die wie in Amerika ein Campus des Ortes ist.

5.Wie kann es gelingen, die Beelener Schüler wieder nach Sassenberg zu locken?

Stritzke: Ein großes Glück ist, dass Elisabeth Suer, wohnhaft in Beelen, meine Nachfolgerin wird. Sie hat ein Netzwerk im Ort. Wir haben fürs nächste Schuljahr wieder deutlich mehr Beelener. Es bleibt aber nach wie vor das Problem der strukturellen Anbindung. Ich hatte auch ein nettes Gespräch mit Bürgermeisterin Elisabeth Kamann, die heute noch dem Teilstandort hinterhertrauert, der auch für Beelen viel wert gewesen wäre.

6.Was waren in den sechs Jahren ihre schönsten Erlebnisse an der Sekundarschule?

Stritzke: Die Frage habe ich befürchtet (lacht). Es war nie langweilig. Jeder Tag war eine Wundertüte. Ich bin immer sehr gerne mit Schülern auf Fahrt gegangen. Der liebe Gott hat mir das Geschenk gemacht, dass ich mit Kindern sehr sehr gut klar komme und von denen auch unglaublich viel Wärme und Zuneigung zurückbekomme. Ich bin ganz glücklich, dass auf den Fahrten, die ich begleiten durfte, wir uns überall sehen lassen konnten. Die Leute haben immer gesagt: Ihr könnt wiederkommen.

7.Gab es auch besonders lustige Ereignisse?

Stritzke: Wir haben damals im ersten fünften Schuljahr gefragt: Was ist Euer Lieblingstier. Da hat Steffi gesagt, das ist die Kuh und hat die Kuh mit in die Schule gebracht. Die Kuh sollte tatsächlich zum Schlachten gebracht werden, und Steffi sagte aber: die nicht. Sie hat die Kuh adoptiert und bis zum Lebensende gepflegt.

8.Die Abschiedsfeier war für Sie sehr emotional. Nachdem Sie nun die ersten Schüler entlassen haben, müssen Sie sich auch von Ihrem Kollegium verabschieden. Wie war die Zusammenarbeit?

Stritzke: Ich bin stolz auf das Kollegium. Es ist ja eine Riesenchance für einen Schulleiter beim Aufbau auch in der Auswahl entscheidend mitbestimmen zu können. Wir haben hier einen Anteil von zwei Dritteln Lehrern, die wir aussuchen durften. Die sind zu einem Kollegium zusammengewachsen, das für mich wie eine große Familie ist und das bei aller Unterschiedlichkeit fest zusammenhält. Das macht es mir leichter zu gehen, weil die Lehrer Verantwortung für die vielen Teilbereiche übernommen haben und diese selbstständig ausführen.

9.Sie gehen nun in den Ruhestand. Wie sieht Ihre persönliche Zukunft aus?

Stritzke: Jetzt kommt das Denkarium von Harry Potter (lacht). Ich möchte meine Gedanken, meine Erinnerungen und mein Wissen in eine große Schale entleeren, aber nichts verlieren. Und bei Bedarf kann ich sie per Zauberstab wieder zurückholen. Ich glaube, dass es wichtig ist, den Kopf leer zu bekommen. Ich habe keine Reise in Aussicht, kein konkreten Pläne. Mein großer Traum ist es, dass mein E-Mail-Postfach nicht mehr mit Nachrichten der Bezirksregierung, des Schulministeriums oder der Eltern gefüllt ist. Ich möchte erstmal mein Leben deutlich entschleunigen. Dass das nicht ganz so schnell gehen wird, dafür sorgen meine Enkelkinder. Ich habe das große Glück, dass alle meine vier Kinder in unmittelbarer Umgebung wohnen und davon träumen, dass es eine Kindertagesstätte Gertrud und Stephan gibt. Das vierte Enkelkind wird im Dezember kommen. Ich stelle mir das so vor: Wenn irgendwann wieder eine gewisse Gelassenheit und Entschleunigung da ist, dass dann noch einmal irgendetwas kommt. Ich könnte mir vorstellen, dass ich irgendwann Deutschunterricht für nicht deutschsprachige Kinder geben oder in der Gemeindearbeit tätig werde. Das schließe ich nicht aus, aber ich habe erstmal alle Anfragen abgelehnt.

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