Die Geschichte der Familie Schücking
Der Simmel des 19. Jahrhunderts

Im vierten Teil der WN-Serie geht es um Levin Schücking und seine Frau Louise Gall, die in Sassenberg sehr unglücklich war. Die Zeitreise geht dann weiter zum „Trio Infernal“, drei Brüder, die Wegweisendes geschaffen haben.

Freitag, 09.11.2018, 09:00 Uhr
Veröffentlicht: Freitag, 09.11.2018, 09:00 Uhr
Das „Trio Infernal“ mit seinen Eltern (v. l.): Walther, Mutter Luise, Levin Ludwig, Vater Lothar und Lothar Engelbert Schücking im Garten von Haus Schücking im Jahr 1900.
Das „Trio Infernal“ mit seinen Eltern (v. l.): Walther, Mutter Luise, Levin Ludwig, Vater Lothar und Lothar Engelbert Schücking im Garten von Haus Schücking im Jahr 1900. Foto: Nachlass L.L.Schücking

1852 zieht das Ehepaar Levin und Louise Schücking nach Sassenberg, und zu dieser Zeit ist die Lage ziemlich desolat. Es herrscht große Arbeitslosigkeit und Armut. Als das Ehepaar nach Sassenberg kommt, hat es zunächst das Problem mit dem sehr strengen und intoleranten Katholizismus. Louise van Gall ist als Protestantin in Sassenberg sehr unglücklich und kommt mit der Situation nicht zurecht. Im Alter von nur 39 Jahren stirbt sie 1855 in Sassenberg und wird hier – gegen ihren letzten Willen – direkt neben der Pfarrkirche St. Johannes Evangelist begraben. Der Grabstein, der dort heute zu sehen ist, wird erst von den Enkelkindern aufgestellt. Louise van Gall hinterlässt ein schreckliches Testament: Sie hofft, dass ihr Mann und ihre Kinder in diesem stockkatholischen Land glücklicher werden als sie es gewesen ist. Sie will nicht auf dem Kirchhof begraben werden, damit die Kinder nicht auf ihrem Grab spielen, sondern in Warendorf an der Kirche. Sie will, dass die Kinder, sobald sie 14 Jahre alt sind, aus Sassenberg wegkommen, weil dies kein Ort für Kinder zum Aufwachsen sei.

„Von den vier Kindern sind dann drei, als sie erwachsen waren, evangelisch geworden, und wir stammen ab von dem ältesten Sohn Lothar, der katholisch geblieben ist. Der hat aber seinen ersten Sohn katholisch, seinen zweiten evangelisch und den dritten altkatholisch taufen lassen.“

Levin Schücking erfüllt seiner Frau Louise zumindest den Wunsch, nicht mehr zu heiraten, damit die Kinder nicht von einer Stiefmutter groß gezogen werden. Er lebt mit den Kindern in Sassenberg, aber im Winter ist es ihm dort zu kalt, so dass er die Winter in Italien verbringt. „Levin Schücking war zu der Zeit etwas, was es kaum gab: Er war ein Schriftsteller, der von seinen Einkünften leben konnte“, sagt Prosper Schücking. „Er war quasi der Simmel des 19. Jahrhunderts. Er gehörte zu den meist gelesenen Autoren dieser Zeit und schrieb Romane der Kriminalgeschichten, die sich sehr stark um die westfälische Heimat drehen. Aber auch Gedichte und Kurzgeschichten für die Zeitung.“ Seine Bekanntheit sorgt dafür, dass er mit vielen Schriftstellern und anderen Größen korrespondiert, unter anderem auch mit dem Papst. Das Archiv mit seiner Korrespondenz und die Bibliothek mit seinen Werken zählen heute zum nationalen Kulturgut. „Aber er wollte ein Leben lang geadelt werden, denn er empfand es als Fehler, dass er nicht dazugehörte.“ Das sei wohl auch ein Grund dafür gewesen, dass er Haus Schücking erweitert hat und ein Türmchen errichten lässt, um ein kleines adeliges Schlösschen zu haben. „Sein Ziel war es eigentlich, auch auf der anderen Seite noch etwas dranzusetzen, aber dazu ist es nicht mehr gekommen, denn er ist vorher gestorben.“

„Sein ältester Sohn Lothar ist unser Urgroßvater, der war Richter in Münster.“ Lothar heiratet Luise Beitzke, die eine Frau aus einer sehr bekannten Familie aus Pommern ist. Sie bringt ein sehr liberales politisches Element in die Familie Schücking. Sie leben in Münster an der Warendorfer Straße, halten sich aber am Wochenende und in den Ferien in Sassenberg auf. Sie haben drei Söhne – Lothar, Levin und Walther – die Prosper Schücking als das „Trio Infernale“ bezeichnet, denn jeder habe auf seine Weise etwas Wegweisendes geschafft.

Walther Schücking ist der jüngste Professor, den es bis dahin in Deutschland gibt, ist Kriegsgegner im Ersten Weltkrieg und hat Deutschland bei den Friedensverhandlungen in Versailles vertreten. Er hat als Reichstagsabgeordneter der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) mit an der Weimarer Reichsverfassung gearbeitet. Danach ist er als erster und einziger Deutscher von 1931 bis zu seinem Tod ständiger Richter am Internationalen Gerichtshof in Den Haag. „Das war für Deutschland eine ungeheure Ehre“, erklärt Prosper Schücking. Die Nazis setzen ihn dann 1933 als Professor in Kiel ab, und noch heute gibt es das Walther-Schücking-Institut für Internationales Recht in Kiel.

Sein Bruder Levin Schücking ist Professor für Anglistik und wird einer der weltführenden Anglisten und entwickelt eine „Soziologie der literarischen Geschmacksbildung“. Er untersucht die Rolle der Leser in der Literatur und warum bestimmte Autoren gelesen werden.

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