Aufreibende Verwaltungsarbeit
Schreibtisch statt Stall

Sassenberg -

„Manchmal erscheint das Papier wichtiger als die Tiere“, stöhnt Helmut Ostlinning und denkt mit Schaudern an sein Büro nebenan. Viel lieber schaut er draußen bei den Kälbern vorbei oder lässt im Offenstall den Blick über seine prächtigen Fleckvieh-Bullen schweifen.

Dienstag, 16.04.2019, 06:17 Uhr aktualisiert: 16.04.2019, 06:20 Uhr
Junior Jan Ostlinning beobachtet die Bullen beim Fressen. Gelegentlich kommen auch Pommes mit in den Futtertrog.
Junior Jan Ostlinning beobachtet die Bullen beim Fressen. Gelegentlich kommen auch Pommes mit in den Futtertrog. Foto: Ulrike von Brevern

„Jetzt bekommen sie Kartoffelbrei, aber es waren auch schon Pommes“, schmunzelt Junior Jan nach einem beherzten Griff in den Futtertrog. Der trockene Sommer hat auf den Energiegehalt des selbstgeernteten Silomais geschlagen. Darum muss mit mehr Kartoffel zu gefüttert werden als üblich.

350 Rinder und 540 Schweine gehören zum Betrieb in Dackmar ebenso wie gut hundert Hektar Acker und Grünland für das Futter sowie einige Hektar Forst. Doch die beiden Landwirte können sich immer seltener ums Büro drücken. Unter den Verwaltungsaufgaben ist der Antrag auf Zahlungen aus der EU-Kasse noch eine eher kleine Hürde. Der Antrag ist zwar von drei Seiten 1995 auf gegenwärtig rund 40 Seiten angeschwollen, erzählt Ostlinning senior. Aber das macht ihm wenig aus: „Ist ja nur einmal im Jahr“, tut er diesen Teil gleichgültig ab.

Emotionaler wird er bei den verschiedenen Dokumentationspflichten, die er zu erledigen hat. Gerade erst ist die Stoffstrombilanz als weitere Stufe der Düngekontrolle hinzugekommen. Bis zum Gewicht gekaufter und verkaufter Tiere hinunter müssen sie nun Nährstoffströme auf und von ihren Höfen detailliert bilanzieren, erläutern Ostlinning und sein Berufskollege Hubert Schulze Roberg aus Gröblingen. Das ist aufwendig und noch sind sie sich nicht sicher, ob sie am Ende nicht als Dumme dastehen.

Antibiotikaeinsatz melden

So, wie es ihnen bei der Antibiotikadatenbank gelegentlich vorkommt, an die sie halbjährlich ihren Antibiotikaeinsatz melden müssen. Ostlinning ärgert der zusätzliche Verwaltungsaufwand, der bleibt, obwohl er die direkte Datenpflege schon dem Tierarzt übertragen hat. Ausdrucken, Aufheben, Abheften und immer wieder unterschreiben, dass er getan hat, was der Tierarzt anordnete. „Dabei geht es anders sowieso nicht“, schimpft er. Ein einziger großer Vorwurf scheint das Verfahren zu sein gepaart mit Misstrauen gegen seine Arbeit. Schließlich muss er nicht nur – kostenpflichtig – melden, wenn er Antibiotika einsetzt, sondern – kostenfrei – auch als „0-Meldung“, wenn er es nicht tut, sonst drohen an anderer Stelle Nachteile.

„Wir schreiben eigentlich immer einen Maßnahmenplan“, sagt Ostlinning mit einer Mischung aus Fatalismus und Ärger und deutet damit auf einen erhöhten Antibiotikaeinsatz hin. Das liegt vor allem an seinen Fleckvieh-Kälbern: Die Tiere, die anders als die heimischen Schwarzbunten gut Fleisch ansetzen, stammen aus Bayern. Je nach Händler wurden die gut 40 Kälber eines Transports in fast ebenso vielen Betrieben geboren. Der Infektionsdruck ist groß, wenn sie zusammenkommen - „wie im Kindergarten“, zieht er eine Parallele.

Management bei der Ankunft, Impfung, Windschutznetze für den Stall – verschiedene Maßnahmen hat er schon formuliert und umgesetzt. Was nun noch? „Wenn Tiere krank sind, müssen sie behandelt werden“, kommt unerwartet Schützenhilfe aus dem Kreisveterinäramt. Auch das ist Tierschutz.

Bei Rindern und Kälbern, die leicht unter Atemwegserkrankungen leiden, gehen die Ostlinnings wie viele andere Berufskollegen allerdings inzwischen auch alternative Wege. „Das ist reine Homöopathie!“ schmunzelt Jan Ostlinning und lässt am Futterzusatz schnuppern. Er riecht wohltuend nach Erkältungskräutern.

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