Interview mit Heribert Bruchhagen
Am schönsten war es einfach als Spieler

Er ist ein echter Macher und hat sich in der Fußball-Bundesliga einen Namen gemacht. Heribert Bruchhagen hat schon bei einigen Vereinen gearbeitet, und vor allem bei Eintracht Frankfurt eine Ära geprägt.

Samstag, 25.05.2019, 13:00 Uhr
Heribert Bruchhagen hat schon viele Stationen in der Fußball-Bundesliga durchlaufen.
Heribert Bruchhagen hat schon viele Stationen in der Fußball-Bundesliga durchlaufen. Foto: Fredrik von Erichsen

Momentan ist er im Pausenmodus, doch nicht mehr lang. Der Harsewinkeler wird schon bald wieder aktiv als Experte beim Bezahlsender Sky einsteigen. WN-Mitarbeiterin Rebecca Lek nutzte die Gunst der Stunde und traf ihn zum Interview.

Stellen Sie sich bitte kurz vor. Name, Geburtsort, ein bisschen etwas zu ihrer Familie.

Bruchhagen : Ich bin Heribert Bruchhagen, geboren in Düsseldorf. Das hing damit zusammen, dass mein Vater, nach dem Krieg in amerikanischer Kriegsgefangenschaft, von den Alliierten eingesetzt wurde im Rahmen des Marshall-Plan. Er sollte Stahllieferungen, die nicht für Panzer verwendet wurden, sondern hier nach Claas nach Harsewinkel gingen, überprüfen. Als gelernter Werkzeugmacher hat er dann das Angebot bekommen, dort zu arbeiten. Das Angebot war für ihn wirtschaftlich interessant, und so sind wir dann spontan hier in Harsewinkel geblieben. Ich bin hier aufgewachsen und zur Grundschule gegangen. Mit zehn oder elf bin ich dann zum Laurentianum gegangen.

Beschreiben Sie sich mit drei Attributen.

Bruchhagen: Sich selbst zu beschreiben ist wirklich nicht einfach. Relativ höflich, ich habe eine ziemlich konservative Erziehung genossen. Auch ein bisschen forsch und sportlich.

Wie kommt es, dass sie sich für die Rente wieder den Ort aus der Kindheit ausgesucht haben?

Bruchhagen: Das war für mich ganz normal. Mein Bruder lebt hier, meine Eltern sind hier beerdigt. Harsewinkel ist einfach immer mein Heimatort gewesen. Auch wenn ich weg war, ist meine Frau mit unseren Kindern immer hier geblieben. Sie ist nie an die Bundesligastandorte mitgekommen. Das ist auch einfach nicht gut, wenn man verliert oder angefeindet wird. Meine Kinder sollten nie lesen, dass ihr Vater eine Oberpflaume ist.

Was ist die schönste Kindheitserinnerung die Sie haben?

Bruchhagen: Da fallen mir einige ein, aber die hängen alle mit Sport zusammen. Ich war im Leichtathletik und beim Fußball erfolgreich. Und die schönsten Erlebnisse hatte ich einfach hier mit dem TSG Harsewinkel.

Von Harsewinkel ist geografisch gesehen Gütersloh die bessere Wahl für eine Schule gewesen. Wieso sind Sie nach Warendorf gekommen?

Bruchhagen: Das war selbstverständlich. In den 50er Jahren hieß es, dass in Gütersloh die Heiden leben – immerhin waren sie nicht katholisch. Damals gehörte Harsewinkel zusätzlich auch noch zum Kreis Warendorf. Wir fuhren daher jeden Morgen über eine Stunde mit dem Bus nach Warendorf.

Zum damaligen Zeitpunkt war das Lau noch eine reine Jungenschule. Im Alter betrachtet: War das für Sie gut?

Bruchhagen: Das Interesse für Mädchen war ja ungebrochen. Wir hatten mit der Marienschule ja auch einen gemeinsamen Tanzkurs. Dadurch, dass es bei uns keine Mädchen gab, haben wir sozusagen Hyperkompensation betrieben. Das heißt, man hat sich ab einem gewissen Alter einfach sehr stark für Mädchen interessiert.

Ihre Frau ist am MG gewesen. Wie haben Sie sich kennen gelernt?

Bruchhagen: Meine Frau kam auch aus Harsewinkel, und wir haben uns im Bus kennen gelernt. Mit 15 haben wir uns dann etwas angeflirtet.

Was war für Sie das schlimmste Erlebnis aus Ihrer Schulzeit?

Bruchhagen: Wir haben immer wieder Klassenkameraden verloren, die schlichtweg abgesägt wurden. Es war einfach ein Ausleseprinzip. Von den 40 Jungen, die mit mir angefangen haben, haben gerade mal die Hälfte mit mir Abitur gemacht. Die Inhaltsvermittlung stand einfach ganz oben. Die Pädagogik war nachgeordnet.

Hat sich Ihr Verhältnis zu Ihren ehemaligen Schulkameraden während Ihrer Karriere verändert? Wenn ja, wie?

Bruchhagen: Es hat sich überhaupt nicht verändert. Wir haben immer noch mit unserem Abiturjahrgang eine Gruppe – mittlerweile über WhatsApp. Wir kommunizieren und treffen uns regelmäßig. Das hat sich interessanter Weise aber erst so nach der 25-jährigen Abiturfeier entwickelt. Während meiner Bundesliga-Zeit habe ich die Jungs auch alle fünf oder sechs Jahre mal eingeladen.

Wieso haben Sie auf Lehramt studiert?

Bruchhagen: Ich war Vertragsspieler in Gütersloh und habe ganz pragmatisch gedacht, denn nachmittags hatte ich Training. Zuerst wollte ich an der Sporthochschule in Köln studieren. Aber da war ich nicht gut genug. Ich konnte kein Delphin-Schwimmen, und ich konnte keinen Riesen am Reck. Also habe ich in Münster Sport und Geografie studiert.

Sie waren eigentlich permanent aktiv im Fußball – neben Ihrem Beruf. Wie haben Sie diese Doppelbelastung gemeistert?

Bruchhagen: Das ging eigentlich ziemlich gut. Die räumliche Distanz zwischen Trainingsplatz und der Schule, in der ich unterrichtet habe, war immer gering. Wir haben um 16 Uhr mit dem Training begonnen. Das war miteinander gut vereinbar.

Beschreiben Sie sich selber als Lehrer.

Bruchhagen: Ich war ein guter Sportler war und noch jung – ich war mit 25 Studienrat und mit 28 Oberstudienrat. Das ging damals schnell, es gab einfach viel mehr Stellen als Kandidaten. Ich hatte im Sport ein gutes Verhältnis zu den Schülern. In Geografie hatte ich die Leistungskurse. Am Anfang, als junger Lehrer, war ich etwas zu autoritär. Hinterher habe ich gemerkt, es geht auch etwas weniger straff.

Wollten Sie jemals zurück nach Warendorf um dort zu unterrichten?

Bruchhagen: Nein. Ich habe zwar während meiner Studentenzeit im Aufbaugymnasium Unterricht gegeben, mehr kam aber nicht in Frage.

Welchen Beruf haben sich Ihre Eltern vorgestellt?

Bruchhagen: Och, ich glaube, dass die schon ganz zufrieden waren. Die wussten, dass ich eine große Affinität zum Sport hatte. Unsere Familie bestand aus Sport. Meine Mutter war aber trotzdem tief schockiert, als ich meine A14-Stelle aufgegeben habe und zu Schalke 04 gewechselt bin. Aber sie hat auch nicht genau einschätzen können, dass das ganz unterschiedlich bezahlt wurde.

Fiel Ihnen diese Entscheidung schwer?

Bruchhagen: Ich wurde von der Gewerkschaft „Erziehung und Wissenschaft“ stark kritisiert. Da war ich auf dem Titelblatt und es wurde böse tituliert „Der Doppelverdiener“. Das Blatt hatte sich gewendet. Aus dem Lehrermangel wurde ein Überschuss. Jetzt stand ich in der Kritik, weil ich als Lehrer am Gymnasium nachmittags noch als Trainer aktiv war. Ich war an einem Scheideweg, wo ich mich für den Lehrerberuf oder für den Fußball entscheiden musste. Ich wäre sicherlich nicht in Gütersloh geblieben, aber das Angebot von Schalke war unschlagbar. Die Bundesliga hat einfach eine hohe Attraktivität.

Wenn man sich Ihre Karriere genauer ansieht, haben Sie sehr viele unterschiedliche Posten in der Fußballbranche besetzt. Welchen haben Sie davon am Liebsten gehabt und weshalb?

Bruchhagen: Am schönsten war es einfach als Spieler. Das Spiel selbst steht im Mittelpunkt, und du hast nicht die ganze Verantwortung wie als Manager oder Vorstandsvorsitzender.

Ihr einziger „Karrierestopp“, bei dem Sie Ihre Vertragszeit nicht ausgehalten haben, war der HSV . Wie erklären Sie sich das?

Bruchhagen: Na ja, ich hab es gut ausgehalten. Ich wurde einfach gefeuert. Ich wurde 2018 einfach aufgrund mangelnden Erfolges entlassen. Ich war offiziell ja „Retired“, aber man hat sich trotzdem von mir erhofft, dass ich die Situation im Verein schlagartig verbessere. Die Erwartungen wurden einfach nicht erfüllt.

Fehlt Ihnen die Fußballzeit?

Bruchhagen: Nein, das kann man so nicht sagen. Ich bin froh, dass ich die Verantwortung nicht mehr tragen muss. So kann ich die Spiele einfach genießen.

Wie verbringen Sie jetzt Ihre Zeit? Haben Sie bestimmte Hobbys, die Sie jetzt mehr ausüben können?

Bruchhagen: Ich spiele Golf und ich jogge. Zeitung lesen ist mein Elixier. Und natürlich verbringe ich meine Zeit gerne mit meinen Enkelkindern.

Werden Sie oft auf der Straße erkannt?

Bruchhagen: Ja oft. Hier im Ort kennen mich natürlich viele auch so, aber auch auf der Straße. Durch die mediale Aufmerksamkeit erkennen mich auch die jüngeren Leute. Gerade die Sportinteressierten kennen einen. Natürlich ist es schön, wenn man im Restaurant den besten Tisch angeboten bekommt. Aber im Zug ist das auch mal unangenehm, wenn man einfach etwas dösen möchte und man immer angesprochen wird.

Wie sehen Ihre nächsten Pläne aus? Jetzt wurde bekannt, dass Sie nächste Saison wieder als Experte bei Sky auftreten werden.

Bruchhagen: Ich habe da eigentlich auch nicht mit gerechnet, aber ich freue mich darauf und mache es auf jeden Fall gerne.

Wenn Sie sich die aktuelle Situation von Frankfurt ansehen. Die Mannschaft hat eine super Europa League hingelegt und lange eine Doppelbelastung ausgehalten. Zum Ende der Saison wirken sie müde. Denken Sie, dass die Frankfurter dadurch Schaden genommen haben und nun den Tribut zollen müssen?

Bruchhagen: Der siebte Platz ist ein toller Erfolg, damit sind sie wieder in der Europa League. Da lacht einem das Herz, wenn man die Entwicklung der Mannschaft sieht.

Auch der HSV hat eine fußballerische Krise. Zum ersten Mal seit Bundesligabeginn ist der Traditionsverein in der letzten Saison abgestiegen. Der Wiederaufstieg hat in dieser Saison nicht geklappt. Woran machen Sie das fest? Was würden Sie dort ändern, wenn Sie noch im Management wären?

Bruchhagen: Aus der Ferne ist das natürlich immer etwas schwieriger zu beurteilen. Aber Kontinuität ist einfach die wichtigste Grundlage, um sportlichen Erfolg zu haben. In einer Krise sollte man auch an den handelnden Personen festhalten. Damit bin ich immer sehr gut gefahren.

Die Bundesliga hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Traditionsvereine weichen Vereinen, hinter denen teilweise große Sponsoren, aber keine Geschichte steht. Wie schätzen Sie diese Entwicklung ein?

Bruchhagen: Zu allererst möchte ich sagen, dass ich die sportliche Leistung von Wolfsburg, Leipzig und auch Hoffenheim respektiere. Aber wenn es der Preis ist, dass Traditionsvereine wie der HSV und Köln aus der Bundesliga verdrängt werden, ist dieser zu hoch. Für das Produkt Bundesliga sind die Traditionsvereine einfach zwingend notwendig. Das sieht man insbesondere bei den Auswärtsspielen. Wir hatten in Frankfurt immer ein ausverkauftes Station, es sei denn es kamen diese „Werksclubs“. Aber ich denke, dass diese Tendenz nicht aufzuhalten ist.

Wie sehen Sie in diesem Zusammenhang Schalke?

Bruchhagen: Bis jetzt haben sie das e.V. noch behalten. Aber ich denke, dass dieser Status nicht die nächsten zehn Jahre überdauern wird, wenn sie wettbewerbsfähig sein wollen. Spielerisch konnte die Mannschaft diese Saison einfach nicht überzeugen. Die einzelnen Spieler waren in ihren vorherigen Vereinen jeweils erfolgreich, als Ensemble scheint das aber nicht zu funktionieren.

Wenn Sie eine Sache auf der Welt verändern dürften: Welche?

Bruchhagen: Ich würde mir wünschen, dass sich das Gefälle der Lebensqualität der Nord- und der Südhalbkugel ausgleicht.

Gibt es Entscheidungen in Ihrem Leben, die Sie gerne rückgängig machen würden?

Bruchhagen: (längere Pause) Nein.

Auf welche Fragen hatten Sie in letzter Zeit keine Antwort?

Bruchhagen: Warum das bei dem HSV immer weiter nach unten geht. Warum werden die Spieler immer schlechter, nachdem sie beim HSV unterschrieben haben?

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