„Inside“: Erst gucken dann werten
„…aber nennt uns nicht Asi!“

Im Jugendzentrum „Inside“ ist die Welt zu Hause – im vielfachen Sinn des Wortes. Warum das so ist, was Eltern im Jugendzentrum zu suchen haben und warum das Jugendheim heute „salonfähiger“ ist als vor 15 Jahren, darüber sprach WN-Mitarbeiterin Ulrike von Brevern mit Stadtjugendpfleger Dirk Ackermann und seinem Team am Gruppentisch im Jugendzentrum.

Montag, 23.12.2019, 05:00 Uhr
Im Inside fühlen sich Betreuer, Kinder und sogar die Familie von oben wohl: Lilith Spitzer, Maren Vechtel, Philipp und Famal, Florian Schembecker, Dirk Ackermann, Salina Sendyorkin mit Deljin, Alexius sowie Deljins Mutter Narjes Abdi, die gelegentlich Gebäck vorbeibringt.
Im Inside fühlen sich Betreuer, Kinder und sogar die Familie von oben wohl: Lilith Spitzer, Maren Vechtel, Philipp und Famal, Florian Schembecker, Dirk Ackermann, Salina Sendyorkin mit Deljin, Alexius sowie Deljins Mutter Narjes Abdi, die gelegentlich Gebäck vorbeibringt. Foto: Ulrike von Brevern

In diesem Jahr haben Sie im Jugendausschuss zum ersten Mal keine Migrantenzahlen für das „Inside“ mehr genannt. Warum?

Ackermann : Die Migrantenspalte in der Statistik gibt es seit vielen, vielen Jahren, ursprünglich weil man wissen wollte, wie viele ‚Spätaussiedler man erreicht. Aber inzwischen ist die Nationalität für uns nicht mehr wichtig, jeder gehört dazu. Wir wollen nicht den ersten Gedanken daran verschwenden, aus welchem Land jemand kommt. Wenn Leontina durch die Tür kommt, dann kommt Leontina und nicht das Mädchen aus Serbien. Das verwischt hier und ist einfach nicht mehr da.

Und trotzdem hängt an der Wand die große Weltkarte mit Nadeln drin….

Ackermann: Es gibt hier die verschiedensten Nationalitäten. Die Kinder können darstellen: da komme ich her, da sind meine Wurzeln, da ist vielleicht noch eine Oma, die mir fehlt. Das sind wichtige Momente, die wir im Auge haben. Wir fragen nicht mehr für die Statistik, sondern vor anderem Hintergrund. Wir finden es wichtig zu sagen: Da komme ich her, da ist meine Familie. Ich glaube, dann versteht man den Menschen auch besser.

Es fällt auf, wie jung die Besucher sind: Rund 45 Prozent der Besucher sind unter 14 Jahren, ein Drittel davon unter zehn. Machen Sie mehr Kinder- als Jugendarbeit?

Ackermann: Jugendarbeit verjüngt sich, da liegen wir gut im Landestrend. Darum sind wir übrigens auch stolz, wenn einmal Eltern vorbeischauen. Das ist für uns ein Zeichen der Wertschätzung sowohl für das Kind, als auch für unsere Arbeit. Außerdem teilen wir unsere Berufspraktikanten mit der OGS (Offener Ganztag an der Johannesschule ). Die Arbeit in der OGS schwemmt uns viele Grundschulkinder hierher. Die werden neugierig. Auch meine Kollegin Salina Sendyorkin bringt von dort viele mit.

Dabei kommen deutlich mehr Jungs als Mädchen…

Ackermann: Auch das liegt im Trend. Dreiviertel der Jugendzentrums-Besucher sind landesweit Jungs. Aber warum das so ist?

Jenna Stallmann (ehrenamtliche Helferin): Vielleicht weil Billard, Kicker und Zocken eher etwas für Jungs ist? Mädchen basteln vielleicht lieber…

Lilith Spitzer (FOS-Praktikantin): Aber das machen wir hier auch. Ich glaube, das hängt mehr damit zusammen, dass das Jugendzentrum oft als „asi“ abgestempelt wird. Das ist nicht so. Hier kommen Kinder hin, weil sie wissen, dass wir hier sind, weil sie Freunde treffen können und spielen können. Aber bei dem Vorurteil muss ich erstmal den Mut haben hinzugehen und es mir anzusehen.

…und man geht auch nicht allein ins Jugendzentrum oder?

Florian Schembecker (PIA-Kraft): Ich glaube, das tun Jungs eher. Die kommen eher alleine, sind offen und gucken. Ich glaube Mädchen fühlen sich sicherer, wenn sie erst eine Gruppe haben und dann in der Gruppe hier hereinkommen können.

Was zieht ins Jugendzen­trum?

Jenna Stallmann: Die Kids wissen, dass sie hier so sein können, wie sie sind. Klar haben wir hier auch unsere Regeln, aber die Kinder stehen im Vordergrund. Sie können sich ausleben und uns fragen, wenn sie Probleme haben. Wir wollen sie nicht auf der Straße sehen, sondern sie hier drinnen haben und uns aktiv mit ihnen beschäftigen, um ihnen auch etwas Wertvolles für später mitzugeben. Mir fällt auf, dass wir viele Kinder und Jugendliche bedienen, die ein unheimlich gutes Herz haben. Sie sind unheimlich lieb und toll, aber bei anderen Dingen, zum Beispiel der Familienbindung benachteiligt und haben dadurch Defizite. Und damit fällt man automatisch in eine Rolle. Ganz leicht werden aus solchen Menschen Mobbingopfer, da reicht schon ein kleines Defizit. Das haben wir im Blick. Wir sagen den Jugendlichen: ‚Wir mögen dich, du bist uns wichtig‘. Ich glaube, dass sie teilweise auch deswegen hierher kommen. Sie bekommen hier etwas.

Von außen erinnert das „Inside“ abgesehen von der Neonschrift an ein westfälisches Heimatcafé. Es hat viele Räume, aber keiner ist groß. Vermisst ihr ein großzügigeres Jugendheim wie etwa in Warendorf?

Ackermann: Ich hätte gerne mal so einen großen Tanzraum wie da, das fände ich gut! Trotzdem: Ich mag ich den Stil hier. Das ist ein Stück weit unser Wohnzimmer, ein Zuhause und das soll es auch sein. Früher war das hier ein Übergangsheim, davon ist auch noch etwas erhalten. Ganz am Anfang hatte ich russische Jungs hier, die haben gesagt: „Guck mal, Acky, das da war mein Zimmer, da stand mein Bett. Dann bekommt der Begriff Zuhause eine ganz neue Bedeutung. (Gelächter) Tja, wir mögen es so, wie es ist!

Damals hatte das Jugendheim einen ziemlich schlechten Ruf.

Ackermann: Ja, vor 15 Jahren war die Hütte hier brechend voll, es war kein Parkplatz zu kriegen, alles war vollgeraucht und es wurden im Umfeld richtig Geschäfte gemacht. Damals waren hier viele heranwachsende Aussiedler.

Und es gab immer wieder Gerüchte um Drogen. Wie steht es heute mit Drogen?

Ackermann: Die haben wir hier nicht. Leute, die hierher kommen, haben ‘nen Euro für Pizza und Wassereis, denen vertickst du keine Drogen. Es gab mal einen, der hier Hasch-Zigaretten rauchen wollte, den haben wir rausgeschmissen.

Trotzdem bleibt der schlechte Ruf oder hat sich daran etwas geändert?

Ackermann: Durchaus! Trotz aller Vorurteile sind wir salonfähiger geworden. Das liegt an viel Steine klopfen, Betreuerschulungen und persönlichen Kontakten. Entscheidend sind zum Beispiel unsere Vater-Kind-Wochenenden. Da fahren wir mit Mittelstands-Vätern und es heißt dann schnell: ‚Laura und Acki sind nett, dann muss das Jugendzentrum auch gut sein‘. Auch die Jugendfreizeiten sind stark nachgefragt, allerdings nicht gerade kostenlos. Bei einem Preis von 490 Euro schließe ich leider eine gewisse Zielgruppe aus. Das stimmt. Aber wir müssen ja auch diese Jugendlichen bedienen. Du kannst nicht immer sagen: ‚Du bist Mittelschicht? Da kriegst du nichts!‘ Du kannst nicht ausschließlich defizitär gucken. Besonders nachgefragt ist die Freizeit übrigens in Füchtorf. Die Eltern auf den landwirtschaftlichen Betrieben können selbst nicht weg, aber sie bezahlen gerne, auch für zwei Kinder.

Wenn Ihr euch etwas wünschen dürftet, egal was, was wäre das?

(Langes Schweigen)

Jenna: Dass die Vorbehalte weiter weniger werden, das wäre mein Wunsch, das wäre schön. Erst gucken und dann werten…

(Allgemeines Nicken)

Wir sind mit unserer Arbeit transparent. Das sieht man schon an den Vorhängen: Die sind immer offen, jeder kann reingucken und sehen was wir machen. Wir sagen: Komm rein, jeder ist willkommen. Setzt dich, du kriegst türkischen Tee und syrische Kekse. Wir kommen ins Gespräch, da kann man auch kritisch sein. – Aber fahr nicht an diesem Fenster vorbei und bezeichne uns als Asi! Das hat keiner verdient! In letzter Instanz ärgert mich das maßlos. Von geschürten Ängsten und Halbwahrheiten haben wir dieser Tage schon genug.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7147880?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F106%2F130%2F
Nachrichten-Ticker