Spaziergang im barocken Brook
Ein nicht gehobener Schatz

SassenbErg -

Die Wege durch das idyllische Sassenberger Brook (=Bruch, Sumpfgebiet) am östlichen Stadtrand scheinen fast endlos. Viele Spaziergänger nutzen sie, so auch Josef Lutterbeck.

Donnerstag, 02.01.2020, 08:00 Uhr
Am Kaninchenberg ist Josef Lutterbeck früher mit seinen Kindern Schlitten gefahren.
Am Kaninchenberg ist Josef Lutterbeck früher mit seinen Kindern Schlitten gefahren. Foto: Peter Sauer

Seit 20 Jahren wohnt der gebürtige Müssinger in einem umgebauten Heuschober am Rande des Brook. Noch ein halbes Jahr, dann ist der gelernte Krankenpfleger, Lehrer für Pflegeberufe und Buchhändler für das Gesundheitswesen im wohlverdienten Ruhestand.

Was der 63-Jährige danach vorzugsweise machen wird, zeichnet sich jetzt schon ab. Josef Lutterbeck erforscht schon seit einiger Zeit den 87,5 Hektar großen Brook. Er erinnert im Gespräch mit den WN an Zeiten, in denen Sassenberg fürstbischöfliche Residenz war, als Standort einer befestigten Landesburg und Verwaltungsmittelpunkt des Fürstbistums Münster. Fürstbischof Christoph Bernhard von Galen (1650-1678) suchte im natürlichen Sumpfgebiet der Hessel einen guten natürlichen Schutz vor Feinden und errichtete seine Residenz.

Dazu gehörten natürlich auch Barockgärten, aber nicht irgendwelche, weiß Josef Lutterbeck: „Der Lustgarten von Bernhard von Galen war stilprägend und entstand noch vor den fürstlichen Gärten von Nordkirchen, zur Ergötzung der Sinne – wie sie vorher nirgends in Westfalen zu finden war.“ Mit den strengen Achsen, einer zentrierten Mitte und den großen und kleinen Quadraten der Beete, sollte dieser Garten die rationale Weltsicht des Absolutismus versinnbildlichen, als Ausdruck von Harmonie, Klarheit und Schönheit.

Lutterbeck blättert in alten Karten. „1669 begann die Planung für die Hogge (alte Burg) mit drei Gräften. Gepflegt wurde das Areal bis 1700 von Christian von Plettenberg.“ Fürstbischof Clemens August von Bayern ließ alles 1721 nach Plänen des westfälischen Barockbaumeisters Gottfried Laurenz Pictorius zu Wohnzwecken ausbauen. „Er ließ im Park ein Ballhaus und eine Orangerie anlegen, Steinbüsten römischer Kaiser säumten die Wege.“

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts verloren die Fürstbischöfe immer mehr das Interesse an der Residenz in Sassenberg. Der Park verwilderte, wurde zum Jagdpark. In der Vorburg wurde eine Kammgarnspinnerei und Färberei eingerichtet. Auf den Resten der alten Burg errichtete Gebrasa (1860-1981) sein Hauptgebäude in der Architektur des Historismus und der „neuen Sachlichkeit“. Die Villa Rath wurde 1910 als Sitz der Unternehmerfamilie auf der Fläche des ehemaligen Fürstengartens errichtet, ist bis heute in Privatbesitz. Abgeschirmt durch ein großes Tor, eine Privatstraße und den alten Gräftenarm.

Josef Lutterbeck greift eine Idee von Dr. Elisabeth Baxhenrich-Hartmann und Rolf Hartmann auf und führt sie nach profunden Eigenforschungen entschieden weiter, nämlich dem Brook seine wichtige Bedeutung endlich wieder zurückzugeben und das Gebiet besser zu würdigen. „Der Brook ist schließlich ein Naturdenkmal, gilt als frühester Barockgarten Nordwestdeutschlands und ist damit auch ein überregionales kulturhistorisches Zeugnis Westfalens.“

Josef Lutterbeck ist gut zu Fuß und zeigt die weiteren Bereiche der früheren barocken Gartenkunst. Fünf Aussichtspunkte gab es damals im Garten, zwei davon gibt es noch. Von der Brookstraße aus, kurz hinter dem Schützenplatz und jenseits eines schmalen Grabens mit Steg kann man auf dem Privatgrundstück der Familie Rath noch die Anhöhe des Schneckenberges der barocken Gartenanlagen erkennen. „Der hieß so, weil man früher wie eine Schnecke hochgehen und von oben die Aussicht genießen konnte“, erläutert Josef Lutterbeck. In direkter Nähe soll auch eine Orangerie und ein Ballhaus gestanden haben.

Wenn man mit offenen Augen durch den Brook flaniert – und das lohnt sich sommers wie winters – entdeckt man die Reste der alten Gräften und früheren Fluchten sowie ein auffällig rechtwinklig angelegtes Wegenetz der drei Alleen des früheren Barock-Residenz-Gartens. „Sie waren standesgemäß zweireihig bepflanzt, mit Ulmen und Linden“, sagt Lutterbeck. Zum Glück wurden sie nicht mit Eichen bepflanzt und sind somit auch nicht reizvoll für den Eichenprozessionsspinner.

Beim Gang über die Hessel-Brücke und im weiteren Verlauf des Weges entlang des Flüsschens kommt man an den Wiesen mit den Schachblumen vorbei, einer botanischen Rarität, offenbar Anfang des 18. Jahrhunderts im Schlossgarten angepflanzt und von dort aus in die angrenzenden Hesselwiesen eingewandert.

Auf der gegenüberliegenden Seite der Hessel ist noch ein ausgedehntes Wassergrabensystem erkennbar. Dort befand sich damals eine viereckige Entenkoje mit hornförmigen Reusen. „Da waren zahme Enten drin, mit denen dann im Herbst wilde Enten angelockt und mit Netzen gefangen worden sind“, sagt Lutterbeck.

Mitten im farbenreichen und dicht bewachsenen Wald des Heidesandgebietes zeigt der 63-Jährige auf einen rechteckigen Wall und Wassergraben: „Das ist die Umgrenzung der fürstbischöflichen Fasanerie. Pfauen und Fasane wurde hier zur Jagd und zur Bereicherung der fürstbischöflichen Speisetafel gehalten.“ Gegenüber des heutigen Hauses Baune/Strotmann stand das Fasanenwärterhäuschen. Alles Suchen hilft nichts, Spuren gibt es keine mehr.

Als einer der zentralen Jagdachsen führt ein längerer Weg in Nord-Süd-Richtung zielstrebig zum Kaninchenberg. Der ist komplett erhalten und zugänglich. Der Vater von acht Kindern erinnert sich: „Früher sind wir hier mit den Kindern oft Schlitten gefahren.“ Eine besondere Perle des Lustgartens war zum Fuße des Kaninchenberges die Anlegestelle für die fürstbischöflichen „Lustkähne“: „Das Hesselbett war damals in dem Bereich da nicht so begradigt wie heute“, erläutert Josef Lutterbeck, „die Hessel war damals aufgestaut und schiffbar, aber nur für kleine Boote, wirtschaftlich war sie nicht schiffbar.

Für die Tierwelt ist auch das Totholz im Brook wichtig. „Das stammt noch von Kyrill 2007“, weißt Lutterbeck. An Tieren hat er hier schon Rehwild, Igel, Marder, Buntspecht, Distelfink, Grünspecht, Kernbeißer und Fledermäuse entdeckt.

Josef Lutterbeck atmet tief durch. „Das ist ein Stück des Himmels, wenn man hier herläuft.“ Er will seine fast täglichen Runden durch den Brook nicht missen: „So eine Atmosphäre mit den alten Bäumen, dieser Ruhe und Weite und der verwunschen wirkenden Landschaft entschleunigt sehr.“

Dem 63-Jährigen ist es wichtig, dass der Gartenzauber nicht in Vergessenheit gerät: „Die Stadt Sassenberg könnte mit wenig Aufwand den barocken Brook wieder etwas aufleben lassen. Sie müssten nur ein paar Infotafeln aufstellen.“ Ein passender Termin wäre 2021. Dann steht wegen der erstmaligen Erwähnung Sassenbergs 1121 das 900-jährige Jubiläum an.

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