Bei Bernd Osthold kommen 30 Kälber pro Jahr zur Welt
Ohne Kalb keine Milch

Sassenberg -

Wie kommt die Milch ins Supermarktregal? Das verrät ein Blick in den Kuhstall: 90 Milchkühe stehen bei dem Füchtorfer Landwirt Bernd Ostholt im Offenstall. Damit die Mutterkühe überhaupt Milche geben, müssen sie regelmäßig kalben. Früher galt die Faustregel: Jedes Jahr ein Kalb. Doch der Füchtorfer lässt es ruhiger angehen, weil für ihn die Lebensmilchleistung seiner Kühe wichtiger ist als jährlich neue Rekorde.

Mittwoch, 29.07.2020, 06:00 Uhr aktualisiert: 29.07.2020, 15:28 Uhr
Mutter „Blow“ kümmert sich hingebungsvoll um ihr Neugeborenes. Aber auch die anderen Artgenossinnen im Abkalbestall sind am Neuankömmling interessiert.
Mutter „Blow“ kümmert sich hingebungsvoll um ihr Neugeborenes. Aber auch die anderen Artgenossinnen im Abkalbestall sind am Neuankömmling interessiert. Foto: Ulrike von Brevern

Das kleine Mutterkalb hat es eilig. Keine Stunde auf der Welt kommt es schwankend auf die Beine. Erst bringt es sich auf den Hinterbeinen ins Gleichgewicht, dann folgen mit Schwung die überlangen Vorderbeine. In gewagter Grätschhaltung findet es überraschend Halt und schaut die Stallgäste herausfordernd an. „Die Mädels sind immer früher auf den Beinen“, schmunzelt Bernd Ostholt , „aber diese hier ist wirklich sehr schnell!“

90 Milchkühe stehen bei dem Füchtorfer Landwirt im Stall. Da sind Geburten nicht selten, doch live dabei zu sein, erweist sich als schwierig. Die eigentliche Geburtsphase ist bei Kühen kurz. Dauert das Kalben länger, läuft meist etwas schief. Darum ist Ostholt auch gar nicht böse, wenn er die Geburt selbst verpasst.

An diesem Tag haben im Offenstall am Rande des Ortes gleich zwei Kälber das Licht der Welt erblickt. Die kleine Rotbunte, die so eifrig zu stehen versucht, lag gerade noch mit nass glänzendem Fell im Kreis ihrer Tanten im Stroh. Mit langer, rauer Zunge leckte die Mutter sie hingebungsvoll trocken. Das sei gut für den Kreislauf von Mutter und Tochter, erklärt der Landwirt. Bis zum ersten Melken lässt er die beiden zusammen.

Ohne Kalb gibt eine Kuh keine Milch. Rund 10 000 Liter Milchleistung pro Jahr schafft eine Hochleistungskuh, die darauf gezüchtet ist, Milch zu geben. Gehört sie eher zu einer fleischansetzenden Rasse, ist es bedeutend weniger. Doch die Milchmenge sinkt, je länger die Geburt zurückliegt. „Jedes Jahr ein Kalb – so hieß es deshalb früher“, erklärt Ostholt, „aber ich lass es heute auch schon mal länger drauf ankommen.“ Für ihn zählt die Lebensmilchleistung und darum wird seine Wunschkuh alt.

In natürlicher Umgebung ziehen sich die Kühe vor dem Kalben von der Herde zurück, bleiben aber in Sichtweite. Genauso funktioniert der Abkalbestall, der vom Herdenstall abgetrennt und mit Stroh ausgelegt ist. Bis zu fünf Tragende stehen zusammen. Das Kalb vom Vormittag liegt bereits in einer von zwei Kälberboxen nebenan.

Im Boxenlaufstall dahinter, den die Muttertiere bald wieder mit ihren Artgenossinnen teilen werden, herrscht gemächliche Ruhe. Die Tiere können wählen zwischen Liegen in eingestreuten Boxen, Fressen im Futterbereich oder Bewegung in der Laufzone. Einen Teil des alten Anbindestalls, im dem die Tiere früher gehalten wurden, hat Ostholt zum offenen Kälberstall umgestaltet.

Es tue den Tieren gut, dass sie heute mehr Bewegung hätten, hält der Milchbauer fest – auch für eine komplikationsarme Geburt. „Die kritische Phase ist aber erst jetzt“, sagt der dann. Leicht bekommen Kühe nach dem Kalben Stoffwechselprobleme. Zur Stärkung und Prophylaxe darf „Blow“ – so heißt die Kalbsmutter laut elektronischem Herdenmanagement – einen ganzen Eimer Traubenzuckerlösung leeren.

Das Kalb braucht gleich die allererste Milch, das Kollostrum. Auch die sogenannte „Biestmilch“ der nächsten fünf Tage geht von der Mutter an die Tochter, allerdings per Flasche. „Wenn Kuh und Kalb früh getrennt werden, geht es ohne Trennungsschmerz“, erklärt Ostholt.

Auf Dauer könnten die Herdentiere im Stall nicht zusammenbleiben: „Kühe sind groß, Kälber klein. Das funktioniert einfach nicht im Stall und wäre zu gefährlich.“ Eine gleitende Entwöhnung, bei der die Mutter ihr Kalb noch eine Weile sehen kann, ist nach Erfahrung des Milchbauern der scho­nendste Weg für die Kuh. Das Kalb suche ohnehin schnell Kälbergesellschaft.

Später wird Blow ihre Tochter vielleicht auch in der Herde wiedersehen, wenn der Nachwuchs in rund zwei Jahren selbst zur Milchkuh wird. Durchschnittlich 30 Kälber pro Jahr braucht Ostholt als Nachzucht für den eigenen Betrieb. Die anderen verkauft er meist zur Mast und kreuzt deshalb auch Fleischrassen ein.

Im Abkalbestall haben sich Mutter und Tochter jetzt sichtlich erschöpft zusammen ins Stroh gekuschelt. „Wir versuchen in den letzten Jahren, den Tieren gerechter zu werden“, hält Ostholt fest.

Gleichzeitig muss er aber auch im Blick behalten, was der Kunde im Laden bereit ist, für das Produkt Milch zu bezahlen. 28 Cent gehen derzeit pro Liter an den Landwirt.

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