Geflüchtete verstärken als Azubis die heimische Wirtschaft
Nachschub für das Handwerk

Sassenberg -

Das Handwerk sucht händeringend nach Auszubildenden. Junge Geflüchtete suchen nach einer gesicherten Perspektive in Deutschland. In heimischen Unternehmen gibt es zahlreiche Beispiele dafür, dass beide Seiten erfolgreich zueinander gefunden haben – gerade in weniger nachgefragten Berufen, aber auch im Elektrohandwerk.

Freitag, 20.11.2020, 07:00 Uhr
Bernd Scheffer (r.) ist sehr zufrieden mit Farhan Dahir Barre, den Scheffer Krantechnik zum Elektroniker für Betriebstechnik ausbildet.
Bernd Scheffer (r.) ist sehr zufrieden mit Farhan Dahir Barre, den Scheffer Krantechnik zum Elektroniker für Betriebstechnik ausbildet. Foto: Ulrike von Brevern

„Auszubildende sind sehr, sehr knapp. Wenn eine Bewerbung auf den Tisch kommt, da muss man dann möglichst schon zugreifen!“ Andreas Schulze Westhoff, Ausbilder für den Elektrobereich bei der Firma Wessel, nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es um den Azubi-Mangel im Handwerk geht. Der macht sich auch bei heimischen Unternehmen inzwischen deutlich bemerkbar. In die Lücke stoßen in so manchem Betrieb jetzt junge, zum Teil dem klassischen Lehrlings-Alter bereits entwachsene Geflüchtete.

Ein absoluter Grücksgriff.

Tobias Hörstkamp, Firma Hörstkamp Trenntechnik

Zum Beispiel bei Hörstkamp Trenntechnik in Füchtorf. Ibrahim Munta sitzt hier gemeinsam mit seinen Kollegen am Frühstückstisch, im Hintergrund die glänzenden Traktor-Pulling-Boliden. Munta ist im dritten Lehrjahr – „ein absoluter Grücksgriff“, sagt sein Chef Tobias Hörstkamp über den jungen Mann aus Ghana. Technisch super, und in der Schule schreibe er auch lauter Einsen und Zweien. Deutsche mit Mittlerer Reife wollten heute einfach nicht mehr Metallbauer werden, gibt sich Hörstkamp keiner Illusionen hin.

Munta kam 2013 nach Deutschland und ist inzwischen geduldet. 2018 hat er über ein Praktikum den Kontakt zu Hörstkamp gefunden. Eine Einstiegsqualifikation, die das Arbeitsamt bezahlt hat, machte ihn fit für den Job.

Thomas Pumpe (r.), Ausbilder bei Hörstkamp Trenntechnik, mit Ibrahim Munta

Thomas Pumpe (r.), Ausbilder bei Hörstkamp Trenntechnik, mit Ibrahim Munta Foto: Ulrike von Brevern

„Es macht Spaß“, sagt er zunächst zurückhaltend. Doch dann blüht er förmlich auf. Konstruktionszeichnungen lesen zu können, finde er toll, genauso wie das Schweißen, sagt der 25-Jährige strahlend. „Mit einer Ausbildung kann ich einfach mehr machen“, blickt er nach vorn.

Älter als gewöhnlich

Wegen ihrer Fluchtgeschichte sind manche der Azubis schon älter als gewöhnlich. So wie Samuel Oseh bei der Firma Rose. Der Nigerianer ist bereits 30 Jahre alt und hofft durch die Ausbildung auf etwas mehr Sicherheit in Deutschland. Während der Lehre können die Geflüchteten eine sogenannte Ausbildungsduldung erhalten. Sie gibt auch dem Lehrbetrieb die Sicherheit, dass die Anfangsinvestition in das Ausbildungsverhältnis nicht durch eine plötzliche Abschiebung verloren geht.

Bei einem Arbeitnehmer hat Osehs Chef Andreas Nitschke eine solche überraschende Abschiebung schon miterlebt. Der Mann wurde morgens im Betrieb abgeholt und in Handschellen abgeführt. So etwas möchte er nicht noch einmal erleben.

Textilreiniger ist nun mal nicht der hippe Beruf.

Andreas Nitschke, Firma Rose

Derzeit beschäftigt der Textilreinigungsmeister und Geschäftsführer der Wäscherei noch zwei weitere Azubis im ersten Lehrjahr: Einen Kurden und einen Afghanen. Einheimische Auszubildende hat er schon lange nicht mehr gehabt. „Textilreiniger ist nun mal nicht der hippe Beruf“, sagt er lapidar. Der 21-jährige Farindullah Kakar wollte eigentlich Ingenieur werden, als er noch in Afghanistan lebte. „Über den Meistertitel kannst Du Fachabi machen“, sagt Nitschke aufmunternd, doch zunächst müssen seine Lehrlinge erst einmal die Berufsschule schaffen.

Gleich drei Geflüchtete aus Nordkurdistan, Nigeria und Afghanistan lernen bei Andreas Nitschke (l.) in der Wäscherei Rose das Handwerk des Textilreinigers.

Gleich drei Geflüchtete aus Nordkurdistan, Nigeria und Afghanistan lernen bei Andreas Nitschke (l.) in der Wäscherei Rose das Handwerk des Textilreinigers. Foto: Ulrike von Brevern

Die ist das größte Nadelöhr, so sieht es auch Bernd Scheffer, Betriebsleiter bei Scheffer Krantechnik. Mit seinem Auszubildenden Farhan Dahir Barre ist er so zufrieden, dass der junge Somalier sogar eine tragende Rolle in einem Imagefilm spielt, mit dem das Unternehmen im Kino und auf Youtube um Auszubildende wirbt. Die sucht nämlich auch ein mittelständischer Betrieb wie der Kranbauer dringend, betont Scheffer.

Der 24-jährige Dahir Barre ist seit fünf Jahren in Deutschland und inzwischen im zweiten Jahr seiner Lehre zum Elektroniker für Betriebstechnik. Zuhause ist er nur vier Jahre zur Schule gegangen, mehr konnten sich seine Eltern nicht leisten. Doch die Zeit in Deutschland hat er von Anfang an genutzt, hat Deutsch gelernt und in Münster die Abendrealschule besucht. Sein Deutsch ist fast makellos, aber das Problem in der Schule stellten die Fachbegriffe dar, sagt Scheffer. Zwar bekommt sein Auszubildender einmal in der Woche Nachhilfe, und die Kollegen im Betrieb unterstützten auch regelmäßig, doch die erforderlichen Zusammenhänge zu verstehen, sei nicht einfach.

Schule als Problem

Das bestätigt auch Schulze Westhoff, bei der Firma Elektro Wessel Ausbilder im Elektrobereich: Bei ihm lernen zwei Syrer, 20 und 27 Jahre alt. Ohne sie hätte er derzeit keinen einzigen Auszubildenden im Elektrohandwerk. Dass sie im gleichen Lehrjahr angefangen haben, sei zwar betrieblich nicht optimal, für die beiden aber vorteilhaft, ist der Ausbilder überzeugt. Denn die jungen Männer lernten nicht nur ihren Beruf, sie bemühten sich auch erfolgreich, das soziale Drumherum zu meistern, das dazugehört. Und die Schule? „Ja, die!“, stöhnt Schulze Westhoff am Telefon hörbar. Die Jungs könnten die Aufgaben zwar sauber lösen, brauchten allerdings zu lange, um sie vollständig zu verstehen. Etwas mehr Zeit in der Prüfung könnte schon helfen, meint der Praktiker.

Geduld ist nötig

Um einem jungen Geflüchteten die Chance auf eine Ausbildung zu geben, müssen sich Arbeitgeber auf ungewohntes Terrain begeben. „Es ist schon mit sehr viel mehr Aufwand verbunden“, gibt Ulrike Roß zu.

Die Eigentümerin von Zweirad Ross will mit einer jungen Ukrainerin einen Ausbildungsvertrag zur Zweiradmechatronikerin abschließen. „Man stellt nicht nur jemanden an, sondern man hat auch mit der Ausländerbehörde zu tun“, beschreibt sie die gegenwärtige Situation. „Da besteht schon Unsicherheit, denn man kennt sich da ja nicht so aus.“ Doch sie ist froh über die Aussicht auf eine Auszubildende, „die Bock hat auf den Job, die Lust daran hat und es auch kann“. Das hat sie durch ein Praktikum vorher sichergestellt.

Geduld müsse man haben für den Prozess, bis der Ausbildungsvertrag steht, weiß Andreas Nitschke. Alle Seiten müssten sich aufeinander zubewegen. Doch wenn Arbeitgeber sich kümmerten, habe das schon Wirkung, lautet die allgemeine Erfahrung. Ob es am Ende für Auszubildende und Ausbildungsbetrieb eine Win-Win-Situation ist, „weiß man immer erst hinterher“, sagt Nitschke. Er jedenfalls hoffe auf mehr Personal, das ihn und sein Unternehmen flexibler mache.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7685711?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F106%2F130%2F
Nachrichten-Ticker