Evangelische Gemeinde streicht alle Gottesdienste
„Es ist jammerschade!“

Sassenberg -

Verständlich, aber jammerschade findet Pfarrer Michael Prien die Entscheidung der Superintendenten, auf die Präsenz-Weihnachtsgottesdienste in den evangelischen Kirchen zu verzichten.

Donnerstag, 17.12.2020, 08:05 Uhr aktualisiert: 17.12.2020, 08:10 Uhr
Pfarrer Michael Prien musste alle Gottesdienste absagen. Die Kirchentüren bleiben aber offen für individuelle Andacht in Angesicht der Krippe.
Pfarrer Michael Prien musste alle Gottesdienste absagen. Die Kirchentüren bleiben aber offen für individuelle Andacht in Angesicht der Krippe. Foto: Ulrike von Brevern

Verboten sind Gottesdienste, speziell die Weihnachtsgottesdienste unter der neuen Coronaschutzverordnung nicht. Dennoch werden evangelische Christen in Sassenberg in diesem Jahr auf den Gang zur Kirche verzichten müssen. Nach derzeitigem Stand werde es erst am 17. Januar wieder einen Gottesdienst geben, berichtete Pfarrer Michael Prien auf Anfrage.

Als er von der Entscheidung der zuständigen Superintendenten-Konferenz erfahren habe, „hatte ich schon ein sehr komisches Gefühl“, bekennt Prien freimütig. Er könne die Gründe für die Entscheidung durchaus verstehen, aber: „Es ist jammerschade!“

Die Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen (EKvW), Annette Kurschus , hatte den Weg „dringend empfohlen“, wohl wissend, dass zu keiner anderen Zeit im Jahr Menschen das Angebot, Gottesdienst zu feiern, so gern und in so großer Zahl wahrnehmen, wie gerade zur Weihnachtszeit. „Verbieten kann die Präses die Gottesdienste nicht, da haben wir Freiheit“, erläutert Prien. „Aber es ist schon der schärfste Duktus, der möglich ist, den sie da gewählt hat.“ Die Superintendenten hätten lange miteinander um den richtigen Weg gerungen und sich die Entscheidung nicht einfach gemacht.

Ich brauche keinen Gänsebraten und keine Geschenke – aber ohne Gottesdienst kann ich mir Weihnachten nicht vorstellen.

Michael Prien

Persönlich treffe ihn die Absage. „Wir haben schon auf den Tannenbaum verzichtet. Ich brauche keinen Gänsebraten und keine Geschenke – aber ohne Gottesdienst kann ich mir Weihnachten nicht vorstellen.“ Seit Kindertagen sei er da jedes Jahr in der Kirche gewesen. Seit er 1993 in den Pfarrdienst eintrat, waren die Weihnachtstage immer auch Arbeitstage. In diesem Jahr hatte Prien schon früh alle organisatorischen Hebel in Bewegung gesetzt, um die Zahl der Gottesdienste an Heiligabend zu verdreifachen, damit jeder, der wollte, Platz finden konnte – nicht nur personell, sondern auch räumlich eine Herausforderung für die kleine Gemeinde.

Wie die Menschen betroffen sind, lässt sich schwer erahnen. „Bislang hatten wir bei den Anmeldezahlen zu den Gottesdiensten nur etwa ein Drittel von dem, was im äußersten Fall möglich war. Allerdings wäre die Anmeldung auch noch eine Woche lang gelaufen“, erläutert Prien. „Mit unserem Schutzkonzept sehe ich uns auf der sicheren Seite“, setzt er in Bezug auf die Hygieneanstrengungen hinzu.

Die einen würden sagen, die waren zu unvorsichtig, die anderen sagen, die Kirche habe die Gläubigen im Stich gelassen.

Michael Prien

Der Pfarrer weiß, dass jede Entscheidung am Ende kritisiert worden wäre: „Die einen würden sagen, die waren zu unvorsichtig, die anderen sagen, die Kirche habe die Gläubigen im Stich gelassen.“ Als Seelsorger steht er nun um so mehr telefonisch bereit. Zudem bleibt die Kirche geöffnet, so dass Gläubige individuell Andacht finden können, kündigte Prien an.

So traurig die Nachricht von der Absage für all diejenigen ist, die den Gottesdienst besuchen wollten, für einen bedeutet sie auch eine gute Nachricht. Der Weihnachtsbaum der Gemeinde sollte in diesem Jahr aus dem eigenen Kirchgärtlein stammen. „Der darf jetzt noch ein Jahr länger wachsen“, sagt Prien mit einem Lachen in der Stimme.

 

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