Kunstprojekt der Flüchtlingshilfe
Malen gegen die verletzte Seele

Sassenberg -

Längst hatten sie alle der Öffentlichkeit präsentiert werden sollen. In der „KreativWerkStatt“ der Kunsttherapeutin Petra Schürmann ist eine breite Auswahl von Bilder zu sehen, die Geflüchtete gemalt haben.

Donnerstag, 31.12.2020, 07:15 Uhr aktualisiert: 31.12.2020, 07:20 Uhr
Petra Schürmann ist beeindruckt von der Kraft der Bilder, die in ihren Therapieräumen entstanden sind.
Petra Schürmann ist beeindruckt von der Kraft der Bilder, die in ihren Therapieräumen entstanden sind. Foto: Ulrike von Brevern

Auf einem Bild liegt ein totes Kind am Strand. Das Motiv ist von einem Pressefoto aus dem vergangenen Jahr hinlänglich bekannt. Doch dies ist kein Foto. Ein Geflüchteter, der in Sassenberg vorübergehende Sicherheit gefunden hat, malte das Bild, um damit seine Erinnerungen an Heimat und Flucht aufzuarbeiten. In der „KreativWerkStatt“ der Kunsttherapeutin Petra Schürmann ist eine breite Auswahl solcher Bilder zu sehen - mal technisch einfach, mal düster, mal in glühenden Farben oder künstlerisch ambitioniert. Sie alle hätten längst der Öffentlichkeit vorgestellt werden sollen, erzählt Elisabeth Lückewerth von der Flüchtlingshilfe Sassenberg. Doch Corona machte einen kräftigen Strich durch die Rechnung.

Im Spätherbst 2019 lud die Flüchtlingshilfe rund 30 Geflüchtete zu Tageskursen in der „KreativWerkStatt“ ein. Nachdem sie das tägliche Leben inzwischen in den Griff bekommen haben, solle nun auch die Seele die Chance haben, zu heilen, so die Überlegung. Allerdings sei die Skepsis bei den Angesprochenen zunächst groß gewesem, erinnert sich Lückewerth. Sie reagierten ähnlich wie wohl die meisten Einheimischen in einer solchen Situation: „Ich kann doch gar nicht malen!“

Manchmal stimmte das, manchmal auch nicht. Doch das Wichtigste war für Kunsttherapeutin Petra Schürmann ohnehin etwas anderes. Sie wollte den Menschen auch durch Gespräche helfen, ihr Trauma besser zu verarbeiten. „Trauma ist Griechisch und bedeutet Wunde“, erläutert sie. Es entstehe nicht erst auf der Flucht, sondern schon, „wenn ich zuhause weggehe, wenn ich alles verlasse, was bisher mein Leben war.“

Trauma ist Griechisch und bedeutet Wunde.

Elisabeth Lückewerth

 

Bewusst hatte sie getrennte Kurse für Frauen, Männer und Kinder angeboten, um eine freie Gesprächsatmosphäre zu schaffen. Und das zeigte Erfolg: „Die Teilnehmer haben dann sehr schnell und sehr intensiv ihre Geschichte erzählt.“

Erinnerungen einer Frau an die schwere Zeit im Gefängnis.

Erinnerungen einer Frau an die schwere Zeit im Gefängnis. Foto: Ulrike von Brevern

Als erschreckend empfand Schürmann die Erzählungen mancher Kinder. Viele erinnerten sich nicht mehr selber an ihre Heimat, sondern nur durch die Erzählungen ihrer Eltern. Das sei wohl auch ein Grund dafür, dass sie oft nur Flaggen malten. Einige aber erinnerten sich an den Schrecken der Boote, die sie in ein besseres Leben tragen sollten: „dass sie nass waren, dass sie gefroren haben, dass sie im Wasser waren...“

„Die Bilder geben oft Einsamkeit und Sprachlosigkeit wider“, fasst die Therapeutin einen Trend bei den entstanden Kunstwerken zusammen. „Oft ist auch das Eingesperrtsein ein Thema.“ Hochpolitisch und offenbar sehr bewusst gestaltet ist das Werk einer Frau, die ihr Kind in einem türkischen Gefängnis gebären musste. Sie saß ein, um eine Aussage über ihren Mann zu erpressen. Eine andere Frau malte mitten in eine trübe graue Fläche das Auge ihrer Mutter, die in der Heimat zurück bleiben musste. Es folgt dem hoffnungslos wirkenden Paar, das flieht, beschützt es.

„Menschen, die ein Trauma erleben, haben das Bedürfnis gesehen zu werden, wahrgenommen zu werden“, erklärt Schürmann. Auch deshalb sollten die Bilder beim Schachblumenmarkt in diesem Jahr öffentlich zu sehen sein. Der fiel coronabedingt aus.

Ein letzter Spaziergang in der Heimat

Ein letzter Spaziergang in der Heimat Foto: Ulrike von Brevern

Die Mühle rückte später als Ausstellungsraum in den Blick, doch sie war als Innenraum keine wirkliche Alternative und auch die Idee, leerstehende Schaufenster in der Innenstadt als Open-Air-Galerie zu verwenden, ließ sich am Ende nicht umsetzten. So muss die Ausstellung noch bis ins Jahr 2021 warten.

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