Enttäuschung über das Vorgehen der Behörden bei Abschiebung einer albanischen Familie
Helfer sind fassungslos

Sendenhorst -

Es ist ein Mischung aus Betroffenheit, Zorn, Enttäuschung und Ratlosigkeit mit der sechs Männer und Frauen im Haus Siekmann auf Geschehnisse zurückblicken, die sich am Mittwoch, 23. August, morgens zwischen 5 und 6 Uhr an der Weststraße zugetragen hatten. Innerhalb von nur einer Stunde musste eine fünfköpfige Familie die wichtigsten Habseligkeiten in Plastiktaschen stopfen, wurde in einen Wagen mit verdunkelten Scheiben gebracht und nach Albanien abgeschoben.

Mittwoch, 30.08.2017, 12:08 Uhr

Sind immer noch enttäuscht, dass das Ergebnis der Härtefallprüfung im Fall der Familie Ademai nicht abgewartet wurde: Theodor Lohölter (DAF), Nasanin Asgari und Owji Hajar (Mitbewohnerinnen), Gisela Schunk, Josef Brühl (AWO) und Renate Stadtmann (v.l.).
Sind immer noch enttäuscht, dass das Ergebnis der Härtefallprüfung im Fall der Familie Ademai nicht abgewartet wurde: Theodor Lohölter (DAF), Nasanin Asgari und Owji Hajar (Mitbewohnerinnen), Gisela Schunk, Josef Brühl (AWO) und Renate Stadtmann (v.l.). Foto: Annette Metz

Eine Mitbewohnerin berichtet von weinenden, vor Angst zitternden und sich übergebenden Kindern, völlig aufgelösten Eltern, Beamten, die als erstes Handys und Messer in der Küche eingesammelt haben und die Familie nach genau einer Stunde abführte.

„Das war genau das Szenario, das die Mutter ihren kleinen Kindern gerne erspart hätte“, berichtet Renate Stadtmann , die die Familie gemeinsam mit Gisela Schunk, dem Deutsch-Ausländischen Freundeskreis und dem in Sendenhorst zuständigen Sozialarbeiter Josef Brühl betreut hatte. Und dabei bleiben ihr auch eine Woche später noch die Worte fast im Hals stecken. „Die Familie war zur Ausreise eigentlich bereit. Sie haben immer gesagt, dass sie freiwillig gehen, wenn nur morgens um 5 Uhr nicht die Polizei vor der Tür steht“, berichtet Renate Stadtmann weiter.

Warum das nun doch so gelaufen ist, hat nicht anfechtbare rechtliche Gründe einerseits, wie die Beteiligten selbst einräumen. Andererseits habe es in diesem Fall ein „humanitäres Fehlverhalten“ gegeben, dass man so einfach nicht unkommentiert stehen lassen wolle, unterstrich Theodor Lohölter.

2015 war die Familie Ademai mit Vater Feriz, Mutter Hasime und den drei Söhnen Gresian (12), Gazmen (11) und Jurgen (4) nach Deutschland geflohen. „Alle Verantwortlichen wissen, dass es in Albanien große Angst vor Menschenhandel mit Kindern gibt. Auch, wenn die Familien nicht darüber sprechen. Das ist bekannt“, erläutert Josef Brühl, den Hintergrund dieser Flucht. In Sendenhorst habe sich die Familie sehr engagiert. „Sie haben sich immer eingebracht, stets Rücksicht genommen und immer geholfen, wo sie konnten“, berichten Renate Stadtmann und Gisela Schunk. Die Leumundszeugnisse, die ihnen von Schulen, Kindergarten und weiteren Stellen ausgestellt worden seien, hätten ihnen eine ausnehmend positive Prognose gestellt. „Diese Familie war ein Glücksfall und wäre eine Bereicherung gewesen“, sind sich alle Anwesenden einig.

Doch gerade das Bemühen, alles nach deutschem Recht machen zu wollen, brachte die Ereignisse ins Rollen.

Als der Asylantrag der Familie im August 2016 abgelehnt wurde, habe sie eine Duldung bis zum 19. Juli 2017, fasst Theodor Lohölter zusammen. Gegen die Ablehnung habe die Familie keinen Widerspruch eingelegt. Die Überprüfung der Duldung stand jetzt an. „Wir hatten aber gehofft, dass eine feste Anstellung die Abschiebung aufhält“, erklärte Renate Stadtmann. Minijobs als Putzkraft, unter anderem bei der Stadt Sendenhorst für das Kommunalforum, habe Hasime Ademai gewissenhaft ausgefüllt. Natürlich seien die Stellen auch pflichtgemäß gemeldet gewesen. Nun gab das Volumen noch zwei weitere mögliche Stunden her. Auch dafür war eine Stelle gefunden worden.

Doch als Hasime Ademai auch diese Stunden bei der Ausländerbehörde in Ahlen Anfang Juli in Begleitung ihres Mannes und der zukünftigen Arbeitgeberin anmelden wollte, sei alles plötzlich sehr schnell gegangen. Am Ende dieses Termins waren die Pässe der Eltern eingezogen und sie seien vor die Wahl gestellt worden, entweder sofort der freiwilligen Ausreise durch ihre Unterschrift zuzustimmen oder behördlich abgeschoben zu werden, berichtet Josef Brühl. Um den Kindern das Letztere zu ersparen, habe das Ehepaar zugestimmt, berichtete die sie begleitende Sendenhorsterin.

Die Duldung sei um vier Wochen verlängert worden, fasst Theodor Lohölter den Vorgang weiter zusammen. Gemeinsam versuchten noch am 1. August, die Realschule St. Martin und die AWO Hamm mit einem Härtefallantrag das Verfahren aufzuhalten. Noch am vergangenen Dienstagmorgen sei das Ehepaar freudestrahlend zu ihr gekommen und habe berichtet, es sei ein weiterer Aufschub um vier Wochen erfolgt, berichtete Gisela Schunk. Und schon am nächsten Morgen wurde die Familie abgeholt.

Erreicht hat die Familie mit ihrem Härtefallantrag wohl das Gegenteil, wie die Beteiligten heute meinen. Denn durch den Härtefallantrag, sei die Zustimmung zur freiwilligen Ausreise hinfällig geworden. Und noch ehe die Härtefallkommission entschieden hatte, sei die Abschiebung vollstreckt worden. „Das war wohl alleine eine Entscheidung von Landrat Dr. Olaf Gericke“, meinte Theodor Lohölter gestern. „Und dabei hatten wir die Hoffnung, dass der Antrag für diese so gut integrierte Familie zu einem ähnlich guten Ergebnis führen würde, wie es schon einmal in einem gleich gelagerten Fall gelungen ist“, so Lohölter weiter.

Inzwischen hat Renate Stadtmann mit der Familie in Albanien Kontakt aufnehmen können. „Wir können über Hermann-Josef Lewentz und den Hilfstransport nach Fushe Arrez einige Habseligkeiten der Familie mitschicken, die sich diese in der Mission bei Pater Andreas abholen kann.“

Aufgeben will die Gruppe nicht. Josef Brühl kündigt an, rechtliche Möglichkeiten prüfen lassen zu wollen. „Meine Großmutter hat immer gesagt: Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht“, bleibt auch Renate Stadtmann in dieser Sache kämpferisch und will die Hoffnung nicht aufgeben, dass es für die Familie Ademai eine Zukunft in Deutschland gibt.

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