Ex-Schlecker-Markt abgerissen
Im Saal wurde nicht nur gepoltert

Albersloh -

Der Abrissbagger kennt keine Gnade. In kürzester Zeit macht er nieder, was über viele Jahrzehnte zum Dorf gehörte. Die ehemalige „Gast- und Schankwirtschaft Bernsmann/Henkhaus“ weicht dem Wohnungsbau. Einige Albersloher erinnern sich noch sehr gut an die Zeit, als das Haus an der Sendenhorster Straße mit Leben gefüllt war.

Montag, 08.01.2018, 07:01 Uhr

Die ehemalige Gaststätte und die benachbarte Laden- und Gewerbehalle sind Geschichte. In der Kurve an der Sendenhorster-Straße werden Eigentumswohnungen gebaut.
Die ehemalige Gaststätte und die benachbarte Laden- und Gewerbehalle sind Geschichte. In der Kurve an der Sendenhorster-Straße werden Eigentumswohnungen gebaut. Foto: Christiane Husmann

Der Abrissbagger kennt keine Gnade. In kürzester Zeit macht er nieder, was über viele Jahrzehnte zum Dorf gehörte. Die ehemalige „Gast- und Schankwirtschaft Bernsmann/Henkhaus“ weicht dem Wohnungsbau. Einige Albersloher erinnern sich noch sehr gut an die Zeit, als das Haus an der Sendenhorster Straße mit Leben gefüllt war. Zu ihnen gehört Elisabeth Haves , die Verschiedenes zum „Gasthaus im Kapelleneck“ zu erzählen weiß.

„Als ältestes von neun Kindern ging meine Mutter Sissi mit 15 Jahren zum Arbeiten zu Bernsmann“, erzählt Elisabeth Haves über ihre Mutter Franziska Appelhoff. „Die Älteste musste aus dem Haus und Geld verdienen“, gibt die Albersloherin aus den Erzählungen ihrer Mutter wieder. Zu der Zeit heiratete auch Jans (Johannes) Henkhaus „Mutter“ Bernsmann. Mit einem Landhandel, einigen Kühen und dem Gasthaus mit Festsaal bestritten die Eheleute ihren Lebensunterhalt an der Sendenhorster Straße. „Das war eine Wirtschaft für die Poahlbürger“, weiß Elisabeth Haves.

Durch ein Scheunentor gelangte man in den Innenhof mit Garten, Kegelbahn und Festsaal. In letzterem wurde aber nicht nur gefeiert. Daran erinnert sich Theo Rüschoff, der sich schon als Kind häufiger im Saal Henkhaus einfinden musste: „In den Kriegsjahren wurde dort die ,Fox‘ Tönende Wochenschau‘ gezeigt.“ Damals seien die Jungs scharf angewiesen worden, sich die Propagandaschau anzusehen. „Ein etwa Sechzehn- oder Siebzehnjähriger in HJ-Uniform stürmte ohne anzuklopfen in die Klasse und herrschte uns Schüler an, mit ihm zu kommen. Sofort ließen wir die Griffel fallen und folgten in den Saal bei Henkhaus.“ Dort sei beispielsweise gezeigt worden, wie durch die NS-Truppen ein U-Boot versenkt worden war. „Das sollte uns Jungs wohl beeindrucken“, glaubt Theo Rüschoff.

An die Zeit, als die Nazis das Sagen hatten, erinnert sich auch Elisabeth Haves. „Man kann sagen, dass ich eine gute Schülerin war – nur im Fach ‚Leibesübungen‘ bin ich nie über eine drei gekommen. Ich war in Sport eine Niete.“ Das habe in der jungen Schülerin eine Sorge geweckt: „Ich hatte Angst, dass ich zum ,Bund Deutscher Mädchen‘ musste, um mich körperlich ertüchtigen zu lassen“, kann die Albersloherin heute über ihre kindlichen Nöte lachen.

Mit Ende des Krieges wurde in der Gaststätte, die im sogenannten Kapelleneck stand, wieder mehr gefeiert. „Jockel und ich haben dort gepoltert und geheiratet“, erinnert sich Elisabeth Haves. Ende der 70-er Jahre wurde die Gaststätte mit Festsaal verkauft und umgebaut. Der Festsaal wich einem Ladenlokal, in dem ein Végé-Lebensmittelmarkt eröffnet wurde. „Da wurden Kapsköppe für einen Appel und ein Ei verkauft“, weiß die Albersloherin, die damals selber ein Lebensmittelgeschäft an der Sendenhorster Straße betrieb. In der ehemaligen Gaststätte öffnete das Schreibwarengeschäft „Kauer“ mit Lotterieannahmestelle. Die beiden Geschäfte hielten sich dort aber nicht.

Eine Schlecker-Filiale zog in die Geschäftshalle und versorgte die Albersloher mit Pampers, Kosmetik und anderen Drogerieartikeln. Nachdem die Kette in Konkurs gegangen war, etablierte sich in den Räumen die „Muckibude“ „Pegra“, in der unter Anleitung ordentlich geschwitzt werden konnte. Im Gasthaus nebenan versuchte sich die Pizzeria „Malek“ einige Jahre.

Jetzt sind die Gebäude am Kapelleneck Geschichte und machen dem Bau von Eigentumswohnungen Platz. Ein Kapitel Albersloher Geschichte wird geschlossen, damit ein neues geöffnet werden kann.

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