Zeitzeugin Liesel Binzer berichtet
Mit fünf Jahren in die Hölle

Sendenhorst -

Im Haus Siekmann und in der Realschule hat Liesel Binzer im Rahmen der „Woche der Brüderlichkeit“ aus ihrem Leben erzählt, das mit der Deportation des damals fünfjährigen jüdischen Mädchens und ihrer Eltern in das KZ Theresienstadt eine furchtbare Wendung nahm.

Donnerstag, 15.03.2018, 06:03 Uhr

Feinfühlig begleitete Matthias M. Ester vom „Geschichtskontor Münster“ Liesel Binzer bei dem Zeitzeugengespräch am Dienstagabend im Haus Siekmann.
Feinfühlig begleitete Matthias M. Ester vom „Geschichtskontor Münster“ Liesel Binzer bei dem Zeitzeugengespräch am Dienstagabend im Haus Siekmann. Foto: Dierk Hartleb

„Woher haben Sie die Kraft genommen, um ihr Leben in den Griff zu bekommen?“, fragte ein sichtlich mitgenommener Jürgen Krass die Frau auf dem Podium. Eine Stunde lang hatte Liesel Binzer am Dienstagabend im Haus Siekmann auf Einladung des Arbeitskreises „Woche der Brüderlichkeit in Sendenhorst“ im Gespräch mit dem Historiker Matthias M. Ester aus ihrem Leben erzählt, das mit der Deportation des damals fünfjährigen jüdischen Mädchens und ihrer Eltern in das KZ Theresienstadt eine furchtbare Wendung nahm.

Von Moderator Ester feinfühlig begleitet, berichtete Liesel Binzer, Jahrgang 1936, wie das fröhliche Mädchen aus Münster mit ihren Eltern in das Haus der Marks-Haindorf-Stiftung am Kanonengraben auf Grund der staatlich verfügten Entmietung umziehen musste, wo sie mit über 90 anderen jüdischen Familien und Alleinstehenden zusammengepfercht hausten.

Aber das war nur die Vorstufe zur Hölle. Diese erlebte die Familie Michel im KZ Theresienstadt. Für sie sei es schrecklich gewesen, von der Mutter getrennt zu werden, die ins Frauenhaus kam und körperlich schwere Arbeit verrichten musste. Der Vater, der als Teilnehmer des Ersten Weltkriegs beide Beine verloren hatte, war im Männerlager – und Liesel in einem Kinderheim.

Ohne Pathos erzählte sie, wie sie an ihrem sechsten Geburtstag auf der Krankenstation in den Genuss eines Kuchens kam, den einige Spielkameraden für sie gebacken und mit einer Kerze geschmückt hatten. „Es gab doch noch Hoffnung“, erinnerte sich die Zeitzeugin.

Nach der Befreiung am 8. Mai durch die Rote Armee zog die Familie – wie durch ein Wunder hatte auch der Vater und die Mutter überlebt, allerdings nach längerem Aufenthalt – zurück ins Münsterland. Weil Münster weitgehend zerstört war, ging es nach Freckenhorst in das Haus der Großeltern mütterlicherseits. Dort verlebte Liesel Binzer ihre Jugend, ging in Warendorf auf das katholische Mariengymnasium, wo sie allerdings vom Religionsunterricht befreit war. Einige Bekehrungsversuche habe es dennoch gegeben, meinte Liesel Binzer, die später nach Frankfurt umgesiedelt ist, wo sie geheiratet hat.

Mit ihren Eltern habe sie nie über die Erlebnisse im KZ Theresienstadt gesprochen, erklärte Liesel Binzer in der anschließenden Diskussion. „Ich wollte es ihnen ersparen, über das Schlimme zu sprechen“, begründete sie ihr Schweigen. „Heute bedauere ich es, sie nicht gefragt zu haben“, führte die Zeitzeugin aus. Auch mit ihren Kindern habe sie nicht über das Erlebte gesprochen. Ihre älteste Tochter leide bis heute unter dem selbst auferlegten Schweigeverdikt.

Sie selbst wäre gerne nach Israel ausgewandert, bekannte Liesel Binzer, habe es aber ihren Eltern nicht zumuten wollen. Erst vor zehn Jahren hatte sich Liesel Binzer entschlossen, über das Erlebte zu sprechen. Inzwischen war sie mehrfach in Begleitung ihrer Kinder in Theresienstadt.

Ein Bild der mit Fotos und Dokumenten begleiteten Lebensschilderung zeigte die Familie Binzer mit den drei Kindern, ihren Partnern sowie sieben Enkelkindern. „Hitler hat doch nicht gewonnen“, kommentierte Ester die Fotografie. Ihren erstaunlichen Selbstbehauptungswillen erklärte Liesel Binzer so: „Ich wollte nie wieder Opfer werden.“ Deshalb habe sie sich einen eigenen Beruf gesucht.

Am Mittwoch war die Zeitzeugin zu Gast in der Realschule St. Martin.

Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/5590760?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F106%2F190%2F
Sturm und Käfer: Förster bilanzieren 2018
Wo einst Fichten wuchsen, steht jetzt nichts mehr: Förster Jan-Dirk Hubbert in seinem Steinfurter Revier.
Nachrichten-Ticker