Partnerschaft und Sachsen: Interview mit Kirchbergs Bürgermeisterin Dorothee Obst
„Ich glaube, uns geht es gut“

Sendenhorst/Kirchberg -

Seit 28 Jahren gibt es die Deutsche Einheit. Genau so lange unterhalten die Städte Sendenhorst und Kirchberg in Sachsen eine Partnerschaft. Im WN-Interview spricht Kirchbergs Bürgermeisterin Dorothee Obst über das Erreichte und über die Folgen rechtsradikaler Tendenzen im Freistaat Sachsen.

Mittwoch, 03.10.2018, 08:00 Uhr
Veröffentlicht: Mittwoch, 03.10.2018, 08:00 Uhr
Dorothee Obst ist Bürgermeisterin der Partnerstadt Kirchberg.
Dorothee Obst ist Bürgermeisterin der Partnerstadt Kirchberg. Foto: Stadt Kirchberg

Seit 28 Jahren sind Kirchberg in Sachsen und Sendenhorst Partnerstädte. Kirchberg nennt sich „die Stadt der sieben Hügel“ ist landschaftlich schön gelegen, hat rund 9000 Einwohner und liegt im Süden des Landkreises Zwickau am Westrand des Erzgebirges. Im Stadtrat sind die CDU, die Freie Wählervereinigung, die Linke und ein fraktionsloses Mitglied vertreten. Bürgermeisterin ist Dorothee Obst , die der Freien Wählervereinigung angehört. Zum „Tag der Deutschen Einheit“ hat sie Fragen von WN-Redakteur Josef Thesing zur Partnerschaft, zur wirtschaftlichen Lage in Kirchberg und zur politischen Situation in Sachsen beantwortet.

Seit 28 Jahren sind Sendenhorst und Kirchberg Partnerstädte. Welchen Stellenwert hat die Partnerschaft für Sie heute?

Dorothee Obst: Mit Sendenhorst verbindet mich nicht nur die Partnerschaftsurkunde, sondern auch eine persönliche Freundschaft mit Bürgermeister Berthold Streffing und seiner Frau Renate. Meine Familie und ich waren schon sehr oft privat zu Gast im wunderschönen Sendenhorst. Beeindruckend ist zudem, wie viele verschiedenen Beziehungen es zum Beispiel zwischen den Feuerwehren, Kirchen, Vereinen aber auch zwischen Privatpersonen gibt. Es ist schön zu sehen, dass es eine lebendige Partnerschaft ist.

Was sind derzeit die größten Aufgaben für Verwaltung und Politik in Kirchberg?

Dorothee Obst: Wir haben uns als Stadt Kirchberg der Herausforderung gestellt, familiengerechte und inklusive Kommune zu sein. Deshalb haben wir uns einem Auditierungsprozess unterzogen. Hier arbeiten wir aktiv unter einer breiten Bürgerbeteiligung an Maßnahmen, diese Ziele zu erreichen und stetig auszubauen. Dazu gehört auch die Integration unserer ausländischen Mitmenschen. Als Unterbringungsstandort von 150 Asylbewerbern nehmen wir auch unsere gesellschaftliche Verantwortung wahr. Aktuell bewegt uns der Straßenbau sehr. Wir kämpfen mit vielen Umleitungen und Sperrungen, die die Geduld unserer Einwohner auf eine harte Probe stellen. Im Mai nächsten Jahres stehen Kommunalwahlen an. Ein neuer Stadtrat wird gewählt. Hier ist es wichtig, dass Menschen Verantwortung übernehmen und bereit sind, die Stadtgesellschaft weiterzuentwickeln.

Was sehen Sie als wichtige Meilensteine in der Entwicklung von Kirchberg?

Dorothee Obst: Wichtig sind eine stabile Haushaltslage, der kontinuierliche Abbau der Schulden und eine leistungsfähige Verwaltung. Durch die Ausweisung von neuen Wohnstandorten ziehen junge Familien nach Kirchberg. Aber auch die weitere Sanierung unserer wunderschönen Altstadt ist eine wichtige Aufgabe. Wir möchten das Engagement unserer Einwohner weiter stärken, damit unsere Vereine, die einen wichtigen Beitrag zum kulturellen Leben in der Stadt beitragen, bestehen bleiben. Wichtig ist ebenfalls die Unterstützung unserer Gewerbetreibenden. Hier müssen wir infrastrukturelle Rahmenbedingungen – zum Beispiel Straßen und schnelles Internet – schaffen, und die unternehmerischen Ziele begleiten.

Wie geht es den Menschen in Kirchberg heute, fast drei Jahrzehnte nach der Deutschen Einheit?

Dorothee Obst: Ich glaube, uns geht es gut. Natürlich fühlen sich manche Menschen „abgehängt“, und hier muss man hinterfragen, warum, und Hilfestellung geben. Aber wir sehen, wie schön unsere Stadt ist. Man kann gut und gerne in Kirchberg leben. Menschen können ihre Träume verwirklichen und ihre Ideen umsetzen.

Der Freistaat Sachsen wird in diesen Monaten in vielen Teilen Deutschlands als besonders rechtslastig und ausländerfeindlich wahrgenommen. Wie empfinden Sie das in Kirchberg?

Dorothee Obst: Ich bin sehr traurig, dass man oft die Geschehnisse sehr einseitig darstellt. Was zur Zeit passiert, kann man nicht gut heißen. Aber es sind sicher auch viele Fehler gemacht worden. Wichtig ist, dass man zur bürgernahen Politik zurückkommt und den Menschen zuhört und sie mitnimmt. Natürlich ist das Thema „Asyl“ sehr schwierig. Es fehlt objektive Aufklärung und Transparenz. Menschen haben Angst vor Unbekanntem. Eine konsequente und schnelle Aufarbeitung der Vorfälle ist unerlässlich. Das erwarten die Menschen von der Politik. Mir als Bürgermeisterin ist bewusst, dass es jede Stadt treffen kann, und so versuche ich immer, mit den Menschen im Gespräch zu bleiben. Die Ängste der Bürger müssen ernst genommen werden.

Glauben Sie, dass die Vorgänge in Chemnitz dem Image aller Städte in Sachsen auch in Bezug auf die weitere wirtschaftliche und touristische Entwicklung schaden?

Dorothee Obst: Sicher spielt die Stabilität und auch die politische Führung eines Bundeslandes eine Rolle bei der Überlegung einer Neuansiedlung von Gewerbe. Unter touristischen Gesichtspunkten sehe ich die Entwicklung sehr kritisch, denn dort ist schon jetzt zu spüren, dass diese Entwicklung uns schadet. Deshalb ist es wichtiger denn je, nun zur Sachpolitik zurückzukehren. Es geht uns als Freistaat Sachsen sehr gut. Die Steuereinnahmen sprudeln. Nun gilt es, diese gerecht zu verteilen, damit die Bevölkerung wieder Vertrauen hat.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6094859?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F106%2F190%2F
Italien-Rückkehrer in Deutschland mit Coronavirus infiziert
Eine elektronenmikroskopische Aufnahme zeigt das Coronavirus (SARS-CoV-2, orange), das aus der Oberfläche von im Labor kultivierten Zellen (grau) austritt.
Nachrichten-Ticker