Prozession, Versteigerung und offene Kirche
Orgelpfeifen mit langer Geschichte

Albersloh -

Das ganze Dorf war am Fronleichnamstag auf den Beinen. Höhepunkt war die Versteigerung der alten Orgelpfeifen.

Samstag, 22.06.2019, 16:00 Uhr aktualisiert: 24.06.2019, 16:26 Uhr
Durchaus unterhaltsam verlief die Versteigerung der geschichtsträchtigen Orgelpfeifen. Wolfgang Franke (re.) verstand es, sie gewinnbringend anzupreisen.
Durchaus unterhaltsam verlief die Versteigerung der geschichtsträchtigen Orgelpfeifen. Wolfgang Franke (re.) verstand es, sie gewinnbringend anzupreisen. Foto: Christiane Husmann

„Alle mal zuhören, hier habt ihr die einmalige Gelegenheit, an Albersloher Kirchengeschichte zu kommen“, lockte Wolfgang Franke zur Orgelpfeifenversteigerung im Schatten der Ludgeruskirche. Mit der nötigen Überzeugungskraft und zivilen Preisen brachte er manche Pfeife unters Volk und somit eine stolze Summe auf das Konto, mit dem die Umbaumaßnahmen der Kirche mitfinanziert werden sollen.

Auch die Jüngsten testeten die Orgelpfeifen.

Auch die Jüngsten testeten die Orgelpfeifen. Foto: Christiane Husmann

Bereits am Vormittag hatte sich die Gemeinde im Ludgerushaus versammelt, um von dort aus die Fronleichnamsprozession zu starten. Durch mit Fahnen geschmückte Straßen wurde die Monstranz zu den verschiedenen Altären getragen, die zum Teil von den künftigen Kommunionkindern mit Blumenbildern geschmückt worden waren. Mit musikalischer Begleitung des Kolping-Blasorchesters erreichte die Prozession, deren Weg diesmal auch am Wersestrand entlangführte, wieder das Ludgerushaus.

Diese Orgelpfeifen hier überstanden immerhin die Weimarer Republik, den Zweiten Weltkrieg und die Nachkriegszeit.

Wolfgang Franke

Bevor dort die durchaus unterhaltsame Pfeifenversteigerung starten sollte, nutzten viele die Gelegenheit, die offene Kirche in Augenschein zu nehmen. Die Baustelle ermöglichte ganz neue Einblicke. Und an einigen Stellen konnte man sich mit etwas Fantasie ein ungefähres Bild davon machen, wie sie nach der aufwändigen Renovierung aussehen könnte.

Alfons Book bekam vom Kirchenvorstand ein Ständchen.

Alfons Book bekam vom Kirchenvorstand ein Ständchen. Foto: Christiane Husmann

Weil die Umgestaltung der Kirche viel kostet, sind der Kirchenvorstand und weitere Mitgestalter bereits seit Längerem kreativ dabei, sich um die Mitfinanzierung zu kümmern. „Warum nicht die alten Orgelpfeifen verkaufen?“, fragte man sich. Schließlich seien die ja geschichtsträchtig: „Die Orgel wurde damals nach dem Ersten Weltkrieg gebaut“, erzählt Wolfgang Franke. Ihre Vorgängerin sei zu Kanonenfutter verarbeitet worden. „Diese Orgelpfeifen hier überstanden immerhin die Weimarer Republik, den Zweiten Weltkrieg und die Nachkriegszeit“, sagt das Kirchenvorstandsmitglied.

Orgelpfeifen wurden zu Zinnsoldaten

Erst mit dem Umbau der Kirche im Jahr 1962 zog die heute gespielte Orgel ein und ersetzte die alte. „Mir hat man erzählt, dass die Orgelpfeifen nicht mehr vollständig sind – aus einem Teil soll der ehemalige Pfarrer Egon Dirks mit den Messdienern Zinnsoldaten gegossen haben“, berichtet der Albersloher.

Die Prozession zog auch über die Wersebrücke.

Die Prozession zog auch über die Wersebrücke. Foto: Christiane Husmann

So ist auch geklärt, aus welchem Material die Orgelpfeifen sind. „Das wird der Renner in der Adventszeit“, pries dann auch der dekorationsaffine Franke an. „Ob im Wohnzimmer oder als echter Hingucker im Garten“, so eine Orgelpfeife sei ein schmuckes Unikat. Ganz geschäftstüchtig bot der Versteigerer die Ware an: „Hans-Josef, 45 Euro, dann brauchst du nächsten Sonntag auch nichts in den Klingelbeutel zu tun.“ Während Hans-Josef noch zögerte, hatten sich im Vorfeld gleich mehrere Interessenten gemeldet, die gerne in den Besitz einer Orgelpfeife kommen wollten. Unter ihnen auch Gemeindemitglied Theo Rüschoff, dessen Mutter Antonia damals die Orgel gespielt hatte.

Verkauf brachte 1500 Euro ein

Die Versteigerung lief gut, so dass Elke Oestermann beim anschließenden Zusammenzählen der Geldeinnahmen auf die stolze Summe von rund 1500 Euro kam. Und sicherlich gingen noch weitere Spenden im gemütlichen „Ludgerus-Café“ ein – dort wurde nicht nur der Ludgerus-Tropfen angeboten.

Der langgediente Küster Alfons Book hat den versteigerten Orgelpfeifen noch keinen Ton entlockt, auch wenn er nun 75 Jahre auf dieser Welt ist. Mit einem Ständchen feierte nicht nur das Kolping-Blasorchesterseinen langjährigen Dirigenten, sondern auch der Kirchenchor ließ es sich nicht nehmen, seinem Leiter musikalisch zu gratulieren. So war die Gemeinde den ganzen Feiertag auf den Beinen – und mancher Glückspilz nachher um eine Orgelpfeife reicher.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6711204?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F106%2F190%2F
Nachrichten-Ticker