Borkenkäfer und Trockenheit lassen Bäume sterben
Die Fichte ist Geschichte

Albersloh -

Die Nadeln sind braun und fallen ab. Die Fichten im Wald von Burkhard Schulze Dernebockholt sind tot. Wegen der langen Trockenheit hatte der Borkenkäfer ein leichtes Spiel. Mit ihren nur flachen Wurzeln haben die Bäume im trockenen Boden kein Wasser mehr erhalten.

Freitag, 16.08.2019, 12:00 Uhr aktualisiert: 16.08.2019, 13:12 Uhr
Die Fichten im Wald von Burkhard Schulze Dernebockholt sind abgestorben, woran auch der Borkenkäfer unter der Rinde kräftig mitgewirkt hat.
Die Fichten im Wald von Burkhard Schulze Dernebockholt sind abgestorben, woran auch der Borkenkäfer unter der Rinde kräftig mitgewirkt hat. Foto: Josef Thesing

Die Nadeln sind braun. Rund 70 Jahre lang waren sie grün, nachdem die Vorfahren von Burkhard Schulze Dernebockholt die heute stattlichen Bäume hier in der Hohen Ward gepflanzt hatten, weil nach dem Zweiten Weltkrieg Bauholz überall gefragt war und auch Reparaturzahlungen an die Alliierten mit Holz bezahlt wurden. Es hat geregnet in der vergangenen Nacht, doch nach zwei heißen und trockenen Sommern mit einem milden Winter dazwischen kommt das zu spät. Die Fichte ist Geschichte.

Borkenkäfer unter der Rinde

Der Landwirt und Waldbauer löst mit einem Spachtel ein Stück von der Borke eines Baumes ab. Das geht leicht, die Rinde ist nicht sonderlich dick. Und das ist eines der Probleme, die diesen und die benachbarten Bäume sterben ließen. Der kleine Borkenkäfer ist gut zu erkennen. Er hat seine Bahnen von innen in die Borke gebohrt. „Der Baum ist tot“, sagt Schulze Dernebockholt.

Zahlreiche der abgestorbenen Bäume wurden bereits gerodet.

Zahlreiche der abgestorbenen Bäume wurden bereits gerodet.

Borkenkäfer im Wald sind nichts Neues. „Den gab es immer“, sagt Schulze Dernebockholt. Bisher konnten sich die Bäume aber zumeist erfolgreich gegen ihn wehren. Wenn die kleinen Schädlinge ans Werk gehen wollte, bildeten die Fichten Harz und schlossen ihn ein. Damit war der Fall oftmals erledigt.

Die Bäume haben kein Wasser bekommen

Doch für diese Abwehr brauchen die Bäume Wasser, was es in den vergangenen beiden Jahren kaum gab. „Die Bäume schaffen das nicht mehr“, erklärt der Albersloher. „Ohne Wasser kein Harz.“ Die Fichte ist ein Flachwurzler, und das ist ein weiterer Aspekt des Problems. Auch wenn der Boden an diesem Morgen feucht ist: Nur wenig unterhalb der Oberfläche ist das Erdreich staubtrocken. Die Fichten, die hier stehen, haben lange kein Wasser mehr bekommen. Da hat der Borkenkäfer leichtes Spiel. Er liebt Hitze und Trockenheit.

Strenge Winter mit viel Feuchtigkeit setzen dem Käfer normalerweise zu, erklärt Schulze Dernebockholt. Der Bestand geht dann drastisch zurück. Aber der letzte Winter war mild und vergleichsweise trocken. Das hat die Katastrophe noch einmal verschärft. „Mit diesen Bedingungen hat niemand gerechnet“, blickt der Landwirt zurück. Der Borkenkäfer fand besonders in alten Beständen wie diesem nahezu paradiesische Zustände.

Überangebot führt zum Preisverfall

Die Fichten sollten über kurz oder ein bisschen länger geerntet werden. Weil sie nahezu kerzengerade wachsen, finden sie vor allem auf dem Bau Verwendung, beispielsweise als Dachsparren. Jetzt müssten alle auf einmal raus, doch das ist vom Arbeitsaufwand nicht zu bewältigen.

Der Borkenkäfer zerstört die Rinde.

Der Borkenkäfer zerstört die Rinde.

Das ist für die Waldbauern aber nicht das einzige Problem. In guten Zeiten gab es 92 Euro für den Festmeter. Weil aber nicht nur die abgestorbenen Fichten in der Hohen Ward gefällt werden müssen, sondern überall im Land, gibt es ein Überangebot, was zum Preisverfall führt. „Derzeit bekommen wir 43 Euro für den Festmeter. Wenn wir das Holz überhaupt auf dem deutschen Markt platziert bekommen.“

Ein Lichtblick war zuletzt der Export. „China boomt. Die Chinesen brauchen viel Bauholz“, sagt Schulze Dernebockholt. „Das war die letzte Rettung für uns.“ Und so hat er auf seinem Hof in der Bauerschaft Rummler einige 40-Fuß-Schiffscontainer passgenau beladen lassen.

Bauholz für China

Doch der Aufwand ist gewaltig, und hinein kommen nur Stämme mit exakt vorgebener Länge von maximal 11,87 Metern und einem festgelegten Minimal-Durchmesser. Der Rest bleibt liegen und wandert irgendwann in die Spanplattenherstellung – wenn denn irgendein Unternehmen die Zeit findet, das Holz abzuholen. „Uns fehlen Lagerflächen“, erklärt der Landwirt.

Für den Borkenkäfer bedeuten die am oder im Wald gelagerten Stämme Nahrung und Unterschlupf in Hülle und Fülle. Eine Einnahmequelle ist dieses Holz nicht. „Dafür gibt es aktuell nichts mehr“, berichtet Schulze Dernebockholt. Eigentlich müsste das sogenannte Zopfholz wegen der Käfer geschreddert werden. Doch dafür fehlen die Kapazitäten und das Geld.

Diese Bäume sind abgestorben.

Diese Bäume sind abgestorben.

Im Wald von Burkhard Schulze Dernebockholt gibt es zehn Hektar Fichten. „Vor 70 Jahren hat niemand an den Klimawandel gedacht. Auch vor 40 Jahren noch nicht“, meint der Landwirt. Für die Zukunft ist er gezwungen, auf andere Bäume zu setzen, die tiefer im Boden wurzeln und eine dickere Borke haben.

Die Esche leidet auch unter der Trockenheit und ist die nächste, die den Wald verlassen wird.

Burkhard Schulze Dernebockholt

Erste Versuche wurden bereits vor vielen Jahren mit einigen wenigen Douglasien gestartet, die ebenfalls gerade in den Himmel wachsen. Sie sind, in der Nähe der abgestorbenen Fichten stehend, nicht vom Borkenkäfer befallen. Auch Küsten- oder Weißtannen sowie Lärchen sollen gesetzt werden. „Lärchen wachsen aber nicht so gerade“, weiß Schulze Dernebockholt. Und die Esche sei längst das nächste Sorgenkind geworden. „Die leidet auch unter der Trockenheit und ist die nächste, die den Wald verlassen wird.“ Die Äste werden trocken, die Wurzeln auch. „Dann fällt der Baum einfach um.“

Alle Baumarten vertreten

Auf seinen insgesamt 100 Hektar Wald sind alle heimischen Baumarten vertreten. „Schon die Vorfahren haben daran gedacht, keine reinen Monokulturen anzulegen, sondern eine gute Mischung anzupflanzen“, erzählt der Albersloher.

Derzeit ist der kranke Wald auch politisch ein großes Thema, auch wegen der Kohlendioxid-Debatte. Und so hoffen die Waldbauern auf Unterstützung vom Staat. „Wir brauchen unbürokratische Hilfe. Die private Waldwirtschaft kann das nicht allein schaffen“, fordert der Landwirt.

Dabei blickt er auf einen wegen der Käfer abgedeckten Stapel auf einer gerodeten Fläche. „Wir können das alles doch nicht einfach im Wald verrotten lassen.“ Das schade dem Wald insgesamt. Und der sei, nutzt Schulze Dernebockholt eine alte Weisheit, „uns nur von unseren Enkeln geliehen“.

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