Im Winter fällt der Bauer kranke Bäume
Märchenwald ist auf dem Weg nach China

Albersloh -

VieIe Fichten im Wald sind krank. Sie müssen gefällt werden, damit Landwirt Burkhard Schulze Dernebockholt überhaupt noch einen Erlös erzielen kann. Das Holz wird nach China verschifft.

VieIe Fichten im Wald sind krank. Sie müssen gefällt werden, damit Landwirt Burkhard Schulze Dernebockholt überhaupt noch einen Erlös erzielen kann. Das Holz wird nach China verschifft.

Samstag, 18.01.2020, 08:18 Uhr aktualisiert: 19.01.2020, 15:04 Uhr
Der Morgennebel lichtet sich. Burkhard Schulze Dernebockholt (li.) und Christoph Dreyer zeigen die Stämme, die bereits auf Länge geschnitten wurden.
Der Morgennebel lichtet sich. Burkhard Schulze Dernebockholt (li.) und Christoph Dreyer zeigen die Stämme, die bereits auf Länge geschnitten wurden. Foto: Josef Thesing

Es ist ein wunderbarer Morgen an diesem Donnerstag. Die Sonne hat sich gerade auf den Weg in den Wald gemacht, wobei sich dieser an diesem schönen Platz hier gerade sehr lichtet. Das Wetter ist bestens für das, was hier passiert. „Bei Regen machen wir nichts, aber sonst sind wir bis Mitte März im Wald“, sagt Burkhard Schulze Dernebockholt. Damit ist schonmal die Frage beantwortet, was der Landwirt so alles im Winter macht. Eines ganz gewiss nicht: Füße hochlegen bis zur nächsten Saison.

Das Holz muss raus, und so ist die Kettensäge derzeit eines der wichtigsten Werkzeuge von Burkhard Schulze Dernebockholt und seinem freundlichen und gut gelaunten Mitarbeiter Christoph Dreyer , der selbst gut ausgebildeter und staatlich geprüfter Landwirt ist. „Wir sind in jedem Winter im Wald“, erklärt Schulze Dernebockholt.

Noch so ein Sommer, und wir sind irgendwann waldlos.

Burkhard Schulze Dernebockholt

Doch in diesem Januar ist es ein wenig anders, weil Eile geboten ist. Die Fichten müssen gefällt werden, bevor sie als Bauholz unbrauchbar geworden sind. Der Borkenkäfer, der fehlende Regen und die Hitze in den vergangenen beiden Jahren haben fast an jedem Baum Spuren hinterlassen, besonders aber in den Fichtenbeständen. „Der Wald ist echt ein Sorgenkind“, meint Schulze Dernebockholt, bevor er die Kettensäge anschmeißt. Und er fügt einen Satz an, der nicht nur den Waldbauern Sorgen bereiten sollte: „Noch so ein Sommer, und wir sind irgendwann waldlos.“ Es gebe keinen Fichtenbestand mehr, der noch gesund ist. Und auch andere Bäume seien längst im Mitleidenschaft gezogen. Auch deshalb, weil der bis vor einigen Jahren normale Grundwasserspiegel längst noch nicht wieder aufgefüllt sei.

Auf dem Weg nach China

Die Bäume, die der Albersloher und dessen Mitarbeiter fällen, werden im Container nach China verschifft. Jeder Stamm ist exakt 11,80 Meter lang, damit er in den zwölf Meter breiten Container passt. Das Maßband ist also ein weiteres Handwerkzeug, das ständig im Einsatz ist. Es dauert etwa fünf Minuten, bis der Baum fällt, der 75 Jahre alt geworden ist. Dann wird er von den beiden Männern abgeastet, wie der Fachterminus lautet, und auf Länge geschnitten. Mit schwerem Gerät wird er an den Rand                                   der Lichtung verfrachtet. Das war’s. „Wir machen das selbst, damit sich das unter dem Strich noch ein wenig lohnt“, sagt Schulze Dernebockholt. Er könnte auch einen Unternehmer mit einem Vollernter – Harvester genannt – in den Wald schicken. Das ginge wesentlich schneller, sei aber auch viel teurer und lohne sich bei den derzeitigen, vom Überangebot geprägten Holzpreisen nicht. „Wir sind ein eingespieltes Team.“

Mit schwerem Gerät wird der Stamm an den Rand der Lichtung geschafft.
Foto: Josef Thesing

schwerem Gerät wird der Stamm an den Rand der Lichtung geschafft.

Für die Fichte, die gerade gefallen ist, wurde es Zeit. Das Holz ist unter der spärlichen Restrinde schon ein wenig bläulich angelaufen. Der Baum hat begonnen, abzusterben. „Wenn es mehr wird, wollen auch die Chinesen das Holz nicht mehr“, erklärt Schulze Dernebockholt. Deshalb ist der Förster ein wichtiger Ratgeber.

Märchenwald wird zur Lichtung

Die Lichtung unweit des Hofes, die nur mit dem Geländewagen oder dem Traktor zu erreichen ist, war einmal ein wunderschöner Flecken Erde. „Für meine Kinder war das hier immer der Märchenwald, auch weil die Bäume so dicht standen“, erzählt der Landwirt. Jetzt sind noch die Baumstümpfe zu sehen, und an einigen Stellen kommen ohne fremde Hilfe kleine grüne Bäumlein aus dem Boden. „Wir machen auf dieser Fläche erstmal nichts, weil wir noch kein Konzept haben“, blickt Schulze Dernebockholt in die nahe Zukunft. Mit „Wir“ meint er nicht nur sich und seine Familie. „Wir müssen mal abwarten, was die Politik so zustande bringt.“ Wie ein möglicher künftiger Mischbestand aussehen aber auch bewirtschaftet werden könne, sei offen.

Der Wald war mal die Sparkasse der Bauern,

Burkhard Schulze Dernebockholt

Für seine Vorfahren, für ihn und auch für seine Kinder war der Wald einmal „die Sparkasse der Bauern“, sagt der Albersloher. „Die ist jetzt leider weg.“

Teile des Waldes, die der Landwirt bewirtschaftet, liegen im Wasserschutzgebiet. „Wir haben eine gute Kooperation mit den Stadtwerken Münster“, sind für Schulze Dernebockholt das Reden und gute Zusammenarbeit weit fruchtbarer als immer wieder neue, unter Druck erlassene Verordnungen. „Wir Landwirte sind nicht das Problem, sondern ein Teil der Lösung“, ist er überzeugt. Und das gelte nicht nur für Waldbauern. „Im Moment wird viel auf die Landwirte abgeladen“, meint er mit Blick auf die Diskussion über den Klimawandel. Die Bauern seien im Bild der Öffentlichkeit zu Bösewichten geworden. „Das alles sollte wissenschaftlich fundiert besprochen werden.“

Am Rande der Lichtung fällt der nächste Baum. Der Märchenwald ist auf dem Weg nach China.

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