So trifft die Corona-Krise Reisebüros
Tourismusbranche liegt im künstlichen Koma

Sendenhorst/Drensteinfurt -

Die Tourismusbranche ist durch die Corona-Pandemie ins künstliche Koma versetzt. Ein Ende ist nicht absehbar. Doch trotz des coronabedingten "Totalausfalls" zeigen sich einige Betreiber von Reisebüros vorsichtig optimistisch. 

Dienstag, 28.04.2020, 15:30 Uhr aktualisiert: 28.04.2020, 18:22 Uhr
Nichts geht mehr: Der Flugreiseverkehr ist fast vollständig zum Erliegen gekommen.
Nichts geht mehr: Der Flugreiseverkehr ist fast vollständig zum Erliegen gekommen. Foto: imago

Dass sie im Arbeitsalltag mit Blumengeschenken bedacht wird, ist für Stefanie Fels durchaus eine außergewöhnliche Situation. Mit dieser Darreichung wollte ein Kunde seine Dankbarkeit zum Ausdruck bringen. Dankbarkeit dafür, dass die Inhaberin des Drensteinfurter Reisebüros noch da ist und sich auch außerhalb der normalen Geschäftszeiten um die Belange der Reisenden kümmert.

„Als die Corona-Krise begann, hatten wir alle Hände voll damit zu tun, dass wir unsere Kunden zurück nach Deutschland bekommen“, sagt Fels. Sie erinnert sich an eine 29-köpfige Gruppe, die zum Zeitpunkt des Ausbruchs in Namibia unterwegs war. Bis zu 14 Stunden war sie täglich damit beschäftigt, alles Notwendige in die Wege zu leiten. „Gespräche mit dem Auswärtigen Amt, mit der Botschaft und den Veranstaltern – das war schon eine komplizierte Rückholaktion“, erinnert sich die Reisefachfrau, die nach wie vor jeden Tag in ihrer Agentur sitzt und sich einer Welle von Stornierungen und Umbuchungen gegenübersieht.

Auch zukünftig werden die Menschen wieder reisen wollen – wenn es soweit ist, sind wir bereit.

Denise Vogelsang

Tatsächlich aber gibt es auch solche Kunden, die in das Reisebüro kommen, um für das Folgejahr eine Reise zu buchen. „Darüber freuen wir uns in dieser Zeit sehr“, sagt Fels, die mit Spuckschutzwänden und Mundschutz Hygienemaßnahmen ergriffen hat, um mit ihrem Team die Kunden auch weiterhin persönlich empfangen zu können.

In Europa und weltweit werden Reisende nach wie vor vom Coronavirus ausgebremst. Grenzkontrollen, Verbote von Hotelübernachtungen zu touristischen Zwecken und globale Reisewarnungen: Die Tourismusbranche ist durch die Pandemie ins künstliche Koma versetzt. Eine Ende ist nicht absehbar.

Michael Gerhardt , der in Sendenhorst das gleichnamige Reisebüro mit seiner Frau Susanne betreibt, spricht von einem „Totalausfall“. Eine Katastrophe sei das mit nicht absehbaren Folgen für die Branche. Die Menschen sind verunsichert. Auch in seinem Büro wird derzeit vornehmlich storniert oder umgebucht. Viele Kunden würden ihre Reise auf das kommende Jahr verschieben – immerhin. Der Arbeitsaufwand sei enorm. „Während Gastronomie und Einzelhandel zumindest zaghafte erste Schritte in die Normalität machen, ist es für unsere Branche ungewiss, wie und wann es weitergeht.“

Thomas Bareiß, Tourismusbeauftragter der Bundesregierung, äußerte sich jüngst gegenüber der Deutschen Presse-Agentur verhalten optimistisch: „Große Fernreisen werden in diesem Jahr eher ausfallen. Es steht für viele Heimaturlaub auf dem Programm. Ich gehe davon aus, dass das möglich sein wird, hoffentlich auch schon im Sommer.“ Ähnlich äußerte sich auch auch Bundesaußenminister Heiko Maas, der eine normale Urlaubssaison für unwahrscheinlich hält: „Das wäre nicht verantwortbar.“

Branchenverbände wie der Deutsche Tourismusverband (DTV) versorgen die Reisebüros mit aktuellen Nachrichten. „Je nachdem, welche Entscheidungen in der Politik gefällt werden, ändert sich die Sachlage täglich. Die wissen ja im Grunde auch nicht, wie man mit dieser Situation umgeht“, sagt Gerhardt.

Zwar klagt auch Denise Vogelsang, Geschäftsführerin des Reisebüros „Top Travel“, über die derzeitige Situation. Sie sieht für ihren Berufsstand aber auch eine Chance: „Anders als im Internet können wir den Menschen in unseren Büros helfen. Wir kümmern uns. Womöglich kehren einige Internet­-Bucher wieder zurück zu uns“, hofft sie. „Auch zukünftig werden Menschen gerne reisen. In diesem Jahr vielleicht eher in angrenzende Länder. Wenn es soweit ist und die Menschen wieder reisen können, sind wirbereit.“

Bundesweite Demos

Mitarbeiter der Touristikbranche, insbesondere auch die der Reisebüros, werden am morgen Mittwoch deutschlandweit auf die Straße gehen, um für staatliche Rettungsmaßnahmen ihrer Arbeitsplätze und Existenzen zu kämpfen. In einem gemeinsamen Brief an den Präsidenten des Deutschen Bundestages und die Bundesminister für Wirtschaft, Arbeit, Äußeres und Finanzen fordern die Reisebüro-Organisationen ein Rettungsmodell, das über die allgemeinen Sicherungsmaßnahmen hinausgeht. Sie schreiben: „Durch die Kombination aus fehlendem Neugeschäft, rückwirkend wegbrechendem Altgeschäft, vergütungsfreier Mehrarbeit, ungeklärten Rechtsfragen und unsicheren Zukunftsaussichten trifft die Coronavirus-Krise den stationären Reisevertrieb deutlich existenzbedrohender als andere Branchen.“

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