Die Werse trat oft über ihre Ufer und zeigt sich bis heute wandelbar
„Smiet men inne Wärs!“

Albersloh -

Er hat viele Gesichter der Werse gesehen. Als Kind ist Willi Berheide in ihr geschwommen, auf ihr Schlittschuh gelaufen und Bötchen gefahren. Später musste er die Begradigung nebst Vertiefung des Flussbettes mit ansehen und freut sich heute darüber, dass die Werse zumindest in Teilen renaturiert wird.

Mittwoch, 07.10.2020, 05:14 Uhr
Als Kind spielten Willi Berheide und seine „Seeräuberbande“ an der Werse – heute blickt er auf die abwechslungsreiche Geschichte des Flusses zurück.
Als Kind spielten Willi Berheide und seine „Seeräuberbande“ an der Werse – heute blickt er auf die abwechslungsreiche Geschichte des Flusses zurück. Foto: Christiane Husmann

Er hat viele Gesichter der Werse gesehen. Als Kind ist Willi Berheide in ihr geschwommen, auf ihr Schlittschuh gelaufen und Bötchen gefahren. Später musste er die Begradigung nebst Vertiefung des Flussbettes mit ansehen und freut sich heute darüber, dass die Werse zumindest in Teilen renaturiert wird.

„Es ist schön, dass man den Schaden, den man durch die damalige radikale Veränderung der Werse gemacht hat, heute wieder beheben will“, sagt Willi Berheide mit Blick auf die Renaturierung des Flusses, der hinter seinem Haus fließt. Für ihn und seine damaligen Spielkameraden war die Werse mit ihrer wilden Flora und Fauna ein riesiger Abenteuerspielplatz. „Wir hatten eine Seeräuberflotte. Mit einem Senklot haben wir die Tiefen der Kolke gemessen, die damals durch Erosion im Flussbett entstehen konnten“, erinnert sich der Albersloher an die noch ungezähmte Werse, die in Mäandern durch die Landschaft lief.

„Natürlich gab es auch regelmäßig Hochwasser, bei dem die Werse weit über ihre Ufer trat“, so Ber­heide, der sich auch heute noch über das Wehklagen von Oma Hagedorn amüsieren kann: „Ihre Holzschuhe waren in der Nacht weggeschwommen.“ Auch hat er noch ganz genau vor Augen, wie es eines Tages in der Bäckerei Handke/Homeyer ausgesehen habe: „Da schwammen die Brötchen und andere Waren im Laden herum.“ In den damals kalten Wintern seien die überschwemmten Wiesen oft mit Eis überzogen gewesen, auf dem man ganz prima habe Schlittschuh laufen können. „1947 war die Werse fast ganz zugefroren – man konnte mit den Schlittschuhen bis zum Wehr nach Drensteinfurt laufen“, habe ihm Heinz Bartmann erzählt, der auch noch wisse, dass der Fluss all zu gerne als bequeme Entsorgungsmöglichkeit genutzt worden sei: „So wie weitere Straßen verfügte auch die Siegenstroth, die seichte Straße, heute Sendenhorster Straße, bis in die 60-er Jahre über keine Kanalisation.“ Abwässer seien ungeklärt in die Werse geleitet worden. „Was nicht im Jauchekump oder im Plumpsklo landete, lief in die Werse.“ Und auch sonst sei der Fluss gerne als Endlager für Hausschrott und anderen Müll in Anspruch genommen worden. „Smiet men inne Wärs, wurde gerne als Rat erteilt, wenn sich jemand unliebsamer Sachen entledigen wollte.“ Trotzdem sei das fließende Wasser auch von den Waschfrauen genutzt worden. „Am Steg machten sie sich daran, die dreckigen Wäscheberge zu säubern.“ Das soll eine unterhaltsame Angelegenheit gewesen sein, bei der mancher Dorftratsch auf den Weg gebracht werden konnte.

So wie weitere Straßen verfügte auch die Siegenstroth, die seichte Straße, heute Sendenhorster Straße, bis in die 60-er Jahre über keine Kanalisation.

Willi Berheide

Müll hin, Abwasser her, in der Werse wurde auch gerne gebadet. „Die Kolke waren sehr tief und galten als beliebte Bademöglichkeiten, denn außer dem Steiner See und dem Baggerloch in der Alst gab es keine Badeorte.“ Das Schwimmen in der Werse habe aber auch einige Gefahren mit sich gebracht: „Es sind viele Menschen ertrunken.“

Doch zurück zum Hochwasser, das insbesondere für die Landwirte ein Problem darstellte: „Die Heuernte wurde häufiger weggespült, die Saat auf den Feldern ausgewaschen und auf den zu Staunässe neigenden Böden drohten dem Vieh Krankheiten – unter anderem Leberegel bei Kühen“, weiß der Albersloher. Dem Problem Hochwasser begegnete man beginnend im Jahr 1967 mit der durchgreifenden Begradigung der Werse. „Die 67 Kilometer lange Werse ist aufgrund ihres Einzugsgebietes von 762,47 Quadratkilometern und ihrer zahlreichen Zuflüsse eines der wichtigsten landschaftsprägenden und kulturhistorisch bedeutsamsten Fließgewässer des Kreises Warendorf“, hat Willi Berheide recherchiert. Auch, dass 1978 die Werse offiziell als am stärksten belastetes Gewässer im Münsterland galt. „Es kam häufig zu großem Fischsterben“, blickt er zurück. Erst der Bau verbesserter Kläranlagen in den 1980-er Jahren habe zur Verbesserung der Wasserqualität geführt.

Inzwischen wird mit Blick auf die Wasserwerte der Werse wieder Entwarnung gegeben. Die Renaturierung mag dabei sicherlich ihren Anteil haben. Und da, wo Willi Berheide als Seeräuber damals die Werse unsicher machte, genießen Familien inzwischen einen idyllischen Strand, der vom 125 Kilometer langen Werseradweg aus längst nicht mehr nur von Alberslohern gerne genutzt wird.

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