Ex-Banker Wolfgang Prange arbeitet ehrenamtlich als Schuldnerbegleiter
Den Haushalt wieder gerade rücken

Sendenhorst/Ahlen -

Er ist neu bei der Caritas – und doch ein „alter Hase“. Das versteht Wolfgang Prange genau so, wie es gemeint ist: als Kompliment. Gerade erst, mit fast 63, hat der Ex-Banker noch einmal eine Herausforderung gesucht und gefunden. Einmal in der Woche betreibt er Schuldnerbegleitung, hilft Menschen in finanzieller Not und im besten Falle auch aus dieser Not heraus.

Montag, 21.12.2020, 05:39 Uhr
Einmal in der Woche sitzt Wolfgang Prange bei der Caritas am Schreibtisch. Wer Probleme mit Schulden hat, die eigenen Finanzen wieder ins Lot bringen möchte, kann sich vertrauensvoll an ihn wenden.
Einmal in der Woche sitzt Wolfgang Prange bei der Caritas am Schreibtisch. Wer Probleme mit Schulden hat, die eigenen Finanzen wieder ins Lot bringen möchte, kann sich vertrauensvoll an ihn wenden. Foto: Caritas

Er ist neu bei der Caritas – und doch ein „alter Hase“. Das versteht Wolfgang Prange genau so, wie es gemeint ist: als Kompliment. Gerade erst, mit fast 63, hat der Ex-Banker noch einmal eine Herausforderung gesucht und gefunden.

Seit einigen Monaten offiziell im Ruhestand, verstärkt er das Team des Sozialverbandes an einer bisher unbesetzten Stelle und bereichert das Hilfsangebot um eine wichtige Funktion: Einmal in der Woche betreibt er Schuldnerbegleitung, hilft Menschen in finanzieller Not und im besten Falle auch aus dieser Not heraus. Das macht er ehrenamtlich – und diesen Begriff nimmt er sehr ernst.

Schon vor Monaten, an der Schwelle zum Ruhestand, war sich Wolfgang Prange sicher: „Nach dem Frühstück allein aufs Mittag- und Abendessen zu warten, das reicht mir nicht.“ Zeit seines Berufslebens war Geld sein Thema – bis 1981 bei einer Bank in Duisburg, danach bei einer berufsständischen Rentenversorgung in Düsseldorf. Seine Klientel: „Leute, die gutes Geld verdient haben; und ich habe sie bei der Anlage und in den letzten Jahrzehnten hinsichtlich der Rente beraten, war dabei selbst auf der Sonnenseite des Lebens.“ Die Augen für die bittere Kehrseite öffnete ihm rund um das Ende seines Berufslebens dann der Fernseh-Schuldnerberater Peter Zwegat . Pranges spontaner Entschluss: „Das wäre was für dich.“

Parallel zum privaten Ortswechsel von Moers nach Sendenhorst rief er zunächst beim Kreis Warendorf an – ohne Erfolg. Der zweite Anruf bei der Caritas in Sendenhorst lief besser: Dort verwies man ihn zum Hauptquartier in Ahlen. Und dort reagierte Fachbereichsleiter Hermann Wetterkamp auf die spontane Bewerbung ebenso spontan: „Sie können sofort bei uns anfangen.“

Seither ist Wolfgang Prange bei der Caritas mit im Boot. Und inzwischen sehr gefragt: als Schuldnerbeglei-ter – und offiziell nicht als Berater, eine Funktion, die rechtlich bei der Diakonie angesiedelt ist. Dennoch ist die Zusammenarbeit auf gutem Weg – im Miteinander für Menschen in Not. Pranges Mission: „Klienten den Haushalt wieder gerade rücken, damit sie finanziell endlich wieder Land sehen.“

Dafür hat er sozusagen noch einmal die Seiten gewechselt – von der Sonnen- auf die Schattenseite. Seine Herausforderung: Menschen aus einer Krise zu helfen, aus der sie allein nicht mehr herausfinden. Häufiges Beispiel: „Da haben Leute drei Kleinkredite an der Backe – für Auto, Möbel und Urlaub. Und weil sie die nicht mehr bedienen können, wenden sie sich an einen Kredithai und nehmen den vierten Kredit auf. Eine Spirale ohne Ende.“ Dann, so Prange, „braucht es Lotsen wie mich“. Will heißen: offenes Gespräch mit einer Bank des Vertrauens, Zusammenführung der laufenden Kredite auf einen, Streckung von Laufzeiten, Vereinbarung tragfähiger Raten, die noch Luft zum Leben lassen. Und vor allem: „Weg vor allem mit dem oft viel zu hohen und viel zu teuren Dispo-Kredit.“

Wolfgang Pranges wichtigste Erfahrung nach nur kurzer Zeit klingt zunächst negativ: „Ich war und bin immer noch erschüttert, wie groß Not und wie schwer das Leben mit dieser Not sein kann.“ Beispielsweise dann, wenn ein Klient, der von Grundsicherung leben muss, zu ihm kommt und schlicht hilflos ist. „Der hat einen neuen Bescheid im Briefkasten und soll den verstehen. Ein Stück Papier, das selbst für mich als Finanzprofi ziemlich kompliziert ist.“ Auch kann so ein Bescheid falsch sein. Und nicht selten seien zwei Behörden statt einer beteiligt: „Wenn die dann nicht direkt zusammen arbeiten, wird es noch komplizierter. Und auf der Strecke bleibt als schwächstes Glied immer der Klient.“

Der neue ehrenamtliche Job hat Wolfgang Prange die Augen geöffnet für eine Form der Verantwortungslosigkeit, die ihm von Berufs wegen so nicht bewusst war. „Da gibt es Menschen etwa bei Telefongesellschaften, die anderen Menschen Verträge verkaufen, mit denen sie deren Not absehbar nur weiter vergrößern.“ Für den Unruheständler Prange eine späte Genugtuung: „Ich wollte helfen, jetzt kann ich helfen.“

Dabei ist auch er selbst auf Mithilfe angewiesen: „Wer immer zu mir kommt, darf und sollte mir vertrauen. Und alles auf den Tisch legen, was zu seiner Not geführt hat, ohne falsche Scham. Und dann packen wir es an. Gemeinsam.“

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