Eine Zeitreise in die 1960-er Jahre: als Krankenbesuche kaum erlaubt waren
„Besuch beeinträchtigt Genesung“

Sendenhorst -

In Corona-Zeiten sind Besuche in Krankenhäusern nur eingeschränkt und in Zeiten des Lockdowns sogar zeitweise gar nicht möglich. Doch wie viel strenger waren die Besuchsregeln in früherer Zeit! Ein Blick ins Archiv des St.-Josef-Stiftes zeigt, dass lediglich an bestimmten Tagen Besuche nur in sehr engen Zeitfenstern erlaubt waren, und das galt auch für die Kinderstationen.

Mittwoch, 06.01.2021, 05:22 Uhr aktualisiert: 06.01.2021, 05:31 Uhr
Eine Karikatur von 1963 bringt das Dilemma auf den Punkt: Die kurzen Besuchszeiten führten dazu, dass alle Besucher auf einmal kamen und die Patienten regelrecht belagerten.
Eine Karikatur von 1963 bringt das Dilemma auf den Punkt: Die kurzen Besuchszeiten führten dazu, dass alle Besucher auf einmal kamen und die Patienten regelrecht belagerten. Foto: St.-Josef-Stift

In Corona-Zeiten sind Besuche in Krankenhäusern nur eingeschränkt und in Zeiten des Lockdowns sogar zeitweise gar nicht möglich. Das ist für die betroffenen Patienten nicht immer leicht zu akzeptieren. Doch wie viel strenger waren die Besuchsregeln in früherer Zeit! Lediglich an bestimmten Tagen waren Besuche nur in sehr engen Zeitfenstern erlaubt, und das galt auch für die Kinderstationen. Manche Kleinkinder erkannten nach wochen- und monatelangem Krankenhausaufenthalt ihre Eltern kaum wieder. Besuche – so die damalige Auffassung – störten die Abläufe im Krankenhaus und den Genesungsprozess. Pastor Fritz Hesselmann forschte im Archiv des St.-Josef-Stifts und wirft einen Blick zurück.

Am 12. November 1969 schrieb der Kreisarzt den Chefärzten der Krankenhäuser im Kreis Beckum: „Aus gegebener Veranlassung halte ich es für notwendig, die bisher geübte Besuchszeiten-Regelung in den einzelnen Krankenhäusern hinsichtlich ihrer negativen Auswirkungen auf den Funktionsablauf des jeweiligen Krankenhauses und auf das Ruhebedürfnis der Patienten einer sorgfältigen Prüfung zu unterziehen. Wie aus verschiedenen Gesprächen mit Chefärzten, Oberschwestern und Verwaltungsleitern klar erkennbar ist, hat die bisher recht unterschiedlich und großzügig geübte Regelung der Besuchszeiten zu einer außerordentlichen Belastung des Pflegepersonals, zu Störungen im Funktionsablauf und überdies zu einer empfindlichen Beeinträchtigung des Genesungsprozesses bei den Patienten geführt. Daher halte ich es aus meiner kreisärztlichen Sicht für empfehlenswert, künftig die Besuchszeiten in allen Krankenhäusern nur noch mittwochs, sonnabends und sonntags sowie an allen zusätzlichen Feiertagen von 15 bis 17 Uhr anzusetzen – ohne Rücksicht auf die unterschiedliche Klassenbelegung der Patienten.“

Im St.-Josef-Stift war man ein wenig großzügiger. Direktor Dr. Fritz Lohmann ordnete im Jahre 1957 die Besuchszeiten wie folgt: sonntags, montags, mittwochs und freitags von 14 bis 17 Uhr. Auf den Kinderstationen für die schulpflichtigen Kinder war die Besuchszeit auf den Sonntag von 14 bis 16 Uhr beschränkt. Die Besuchszeiten wurden gegen Ende der 1960er Jahre verändert. Ein von den Malern des Josef-Stifts angefertigtes Schild, das im Eingangsbereich angebracht war, zeigte die Besuchszeiten an: sonntags von 14 bis 16 Uhr für sämtliche Stationen; werktags (außer samstags) auf den Erwachsenenstationen von 14 bis 16 Uhr; auf den Schulstationen von 15 bis 16 Uhr und auf den Kleinkinderstationen von 14 bis 15.30 Uhr. Für Berufstätige gab es eine zusätzliche Besuchszeit montags, mittwochs und freitags von 18 bis 19 Uhr (mit Ausnahme der Kleinkinderstationen).

Die täglichen Besuchszeiten wurden Ende des Jahrzehnts auf 17 Uhr verlängert, doch aus welchen Gründen auch immer, wurde weiterhin am Samstag keinerlei Besuch zugelassen, obwohl Arbeitnehmer zunehmend in den Genuss des freien Samstags kamen. Damit die Besucher pünktlich um 17 Uhr das Haus verließen, ertönte in allen Krankenzimmern die Durchsage, höflich aber bestimmt gesprochen von Verwaltungsleiter Alfons Ofenbach, dass die Besucher nunmehr das Haus verlassen möchten.

Krankenhausärzte waren bis in die 1970-er tatsächlich überwiegend der Auffassung, dass Besuche der Genesung schadeten, da bei vielen Patienten über das Wochenende regelmäßig der Genesungsprozess zurückgeworfen werde. Das hatte wohl auch mit den Besuchen zu tun. Es gab damals häufig Krankenzimmer mit vier, sechs oder mehr Betten, oft eng gestellt. Es war schon so, wie es die Karikatur aus einer Broschüre zeigt, die von Krankenhäusern in den 1960-er Jahren herausgegeben wurde: Die Besuchszeit konzentrierte sich auf viereinhalb Stunden in der Woche. Alle Patienten im Zimmer empfingen daher gleichzeitig ihre Besuche, was natürlich für die Kranken – bei aller Freude – eine hohe Belastung mit sich brachte. Krankenbesuche im St.-Josef-Stift hielten sich bis in die frühen 1970er Jahre meist ohnehin in Grenzen. In jenen Jahren verfügten die meisten noch nicht über einen eigenen Wagen, die Straßen waren weniger gut ausgebaut, Bus und Bahn waren nicht unbedingt kundenfreundlich.

Doch auch für die Sendenhorster Patienten, die im Belegteil des Krankenhauses von ihren Hausärzten behandelt wurden, galten die strikten Besuchsregeln. Dazu ist ein interessanter Schriftwechsel erhalten: Einer der Sendenhorster Ärzte beschwerte sich damals in einem zweiseitigen, eng beschriebenen Brief beim Bischöflichen Generalvikar in Münster über die Unnachgiebigkeit, mit der einer Schlaganfallpatientin häufigere und längere Besuche ihrer Angehörigen verwehrt würden. Der Generalvikar war natürlich nicht zuständig und überwies den Vorgang an Direktor Lohmann. Dieser verstand in seinem Antwortschreiben an den Generalvikar glänzend zu argumentieren – so blieb es bei der strikten Besucherregelung. „Wir wundern uns heute über manche der damaligen Vorstellungen. Wir dürfen aber nicht ungerecht sein – auch damals wollte man den Kranken so gut wie nur möglich helfen“, findet Hesselmann versöhnliche Worte für die Regeln.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7752628?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F106%2F190%2F
Nachrichten-Ticker