Orthopädietechnik beschreitet neue Wege
Der Schuh wird bald digital

Sendenhorst -

Noch ist das ein wenig Zukunftsmusik, doch der Weg zum digitalen orthopädischen Schuh ist im St.-Josef-Stift eingeschlagen worden. Neue Techniken des Maßnehmens – 2D- und 3D-Körperscan – sowie die Fertigung im 3D-Druck werden die Menschen nicht ersetzen, aber die Arbeit verändern.

Mittwoch, 10.02.2021, 09:52 Uhr aktualisiert: 10.02.2021, 10:00 Uhr
Matthias Wesselmann, Vanessa Behrendt, Dominik Gutry, Christian Zott (v.l.) sowie Patrick Ungermann bilden die Arbeitsgruppe, die sich mit den neuen digitalen Möglichkeiten im Bereich der Orthopädietechnik und Orthopädie-Schuhtechnik befasst.
Matthias Wesselmann, Vanessa Behrendt, Dominik Gutry, Christian Zott (v.l.) sowie Patrick Ungermann bilden die Arbeitsgruppe, die sich mit den neuen digitalen Möglichkeiten im Bereich der Orthopädietechnik und Orthopädie-Schuhtechnik befasst. Foto: St.-Josef-Stift

Innovative Technik und neue digitale Möglichkeiten verändern zahlreiche Bereiche des Gesundheitswesens. Das gilt besonders auch für die Orthopädietechnik und die Orthopädie-Schuhtechnik, denn neue Techniken des Maßnehmens – 2D- und 3D-Körperscan – sowie der Fertigung – 3D-Druck – bieten vielversprechende Möglichkeiten für die Hilfsmittelversorgung. „Es gilt also, neue Wege zu beschreiten, sozusagen ein Aufbruch in eine neue Zeit“, heißt es im Bericht des St.-Josef-Stifts.

Expertenwissen im Haus ist unverzichtbar

Sicher sei aber auch: Das im Krankenhaus vorhandene Expertenwissen über die verschiedenen Krankheitsbilder und deren Behandlung mit den jeweils sinnvollsten Hilfsmitteln werde auch in Zukunft die Basis bilden für eine Patientenversorgung auf höchstem Niveau, so das Stift.

Mit der Erarbeitung eines Konzeptes zur schrittweisen Einführung der neuen digitalen Techniken befasst sich seit etwa zwei Jahren eine Arbeitsgruppe der orthopädischen Werkstatt, und sie habe sich dabei auch in Betrieben der Industrie und in anderen Werkstätten umgesehen. Es sei keine einfache Aufgabe, in diesem dynamischen technischen Umfeld für Patienten und Mitarbeiter des Stifts den am besten geeigneten Weg zu finden.

Wir wollen den digitalen Wandel mit Augenmaß umsetzen.

Christian Zott, Leiter der orthopädischen Werkstatt

Nach intensiver Recherche und in Abstimmung mit der Geschäftsführung sei so eine Zielplanung in Form eines mehrjährigen Stufenplans entstanden. Das Ziel: „Wir wollen den digitalen Wandel mit Augenmaß umsetzen“, formuliert es Christian Zott , Leiter der orthopädischen Werkstatt.

Ein Leisten aus Holz

Ein Leisten aus Holz Foto: Josef Thesing

Der Start erfolgt im ersten Schritt mit dem 2D-Scan für Schuheinlagen. Der digitale Fußabdruck, der auf einer Glasplatte gemessen wird, ersetzt den bisherigen Blauabdruck. Der Vorteil: Jede nach diesem Vorbild gefertigte Schuheinlage könne in den kommenden Jahren identisch reproduzierbar hergestellt werden.

Ergänzt wird diese Technik durch ein Fußinnendruckmesssystem. Eine Einlegesohle mit Messelektroden misst im Schuh die Druckspitzen und übermittelt die Messwerte per Bluetooth. „Diese Technik bedeutet gerade für Patienten mit rheumatischen Fußdeformitäten oder diabetischem Fußsyndrom einen erheblichen medizinischen Fortschritt, um Spitzendrücke bei einer Einlagen- oder orthopädischen Maßschuhversorgung zu mildern sowie Wunden und Entzündungen zu vermeiden“, so Zott.

Das Ausmessen nimmt bisher viel Zeit in Anspruch.

Das Ausmessen nimmt bisher viel Zeit in Anspruch. Foto: St.-Josef-Stift

Im zweiten Schritt wird der mobile 3D-Körperscan eingeführt. Diese Technik könnte irgendwann einmal das bislang erforderliche Anfertigen von Gipsmodellen ersetzen. Auf Grundlage der im Scan-Verfahren erhaltenen digitalen Körpermodelle können Hilfsmittel wie Orthesen und Prothesen am PC modelliert werden. Die Herstellung der dann auch jederzeit reproduzierbaren Hilfsmittel erfolgt auf dieser Basis im 3D-Druck-Verfahren, zunächst wohl bei einem Kooperationspartner. Wichtig sei: Dieser zweite Schritt trage die Überschrift „Erlernen der digitalen Modellierung“.

Denn bevor an Serienfertigung auch nur gedacht werden könne, müssten die neuen Techniken auch auf qualitativ hohem Niveau beherrscht werden.

Ein weiteres Beispiel aus der Schuhtechnik: Der Fuß wird dreidimensional eingescannt und liefert so die Vorlage für einen individuellen Schuhleisten, der beim Kooperationspartner mittels 3D-Druck „ausgedruckt“ wird. Über diesem Leisten wird dann in der Orthopädie-Schuhtechnik im St.-Josef-Stift der orthopädische Schuh hergestellt. Zum Vergleich: In Handarbeit benötigt ein Orthopädieschuhmacher etwa drei bis vier Stunden allein für die Herstellung eines Leistens aus Holz.

Immer noch ist Handarbeit gefragt.

Immer noch ist Handarbeit gefragt. Foto: St.-Josef-Stift

Im dritten Schritt ist die Investition in einen statischen 3D-Scanner vorgesehen. Beispiel Kompressionsstrumpfversorgung: Das manuelle Ausmessen von 26 Messpunkten am Bein dauert heute etwa 20 Minuten. Sie sind erforderlich für die Auswahl des passenden Strumpfes. Der Scanner misst kontaktlos in 50 Sekunden und schlägt anschließend einen entsprechenden Kompressionsstrumpf vor. Dieser Schritt werde bereits Mitte 2021 umgesetzt sein, berichten die Beteiligten.

Serienfertigung reproduzierbarer Hilfsmittel

Es ist noch Zukunftsmusik, aber denkbar ist, und das wäre dann Schritt vier, dass nach einer gewissen Lernphase und je nach Fortschritt der 3D-Drucktechniken auch die Serienfertigung reproduzierbarer Hilfsmittel extern oder direkt im St.-Josef-Stift erfolgen könnte.

Obwohl die digitalen Möglichkeiten das Potenzial hätten, einzelne Arbeitsschritte zu erleichtern, werde aber auch künftig ganz sicher jede Hand in der orthopädischen Werkstatt gebraucht. „Wir haben heute bereits eine sehr hohe Nachfrage nach Hilfsmitteln. Bei tendenziell sinkenden Verweildauern wachsen unsere Patientenzahlen im St.-Josef-Stift und im Reha-Zentrum“, so der stellvertretende Geschäftsführer Ralf Heese.

Darüber hinaus versorgt die orthopädische Werkstatt auch ambulante Patienten aus Sendenhorst und Umgebung. „Wir dürfen also auch in Zukunft von einem hohen Versorgungsbedarf ausgehen und müssen diesen möglicherweise in noch kürzerer Zeit bedienen können. Dabei sollen uns die neuen Techniken mittelfristig unterstützen.“

Wir dürfen also auch in Zukunft von einem hohen Versorgungsbedarf ausgehen und müssen diesen möglicherweise in noch kürzerer Zeit bedienen können.

Ralf Heese, stellvertretender Geschäftsführer

Schließlich werde es auch für Auszubildende und junge Mitarbeiter jetzt und in Zukunft von enormer Bedeutung sein, dass sie in der orthopädischen Werkstatt des Krankenhauses auch die Orthopädietechnik und die Orthopädie-Schuhtechnik der Zukunft erlernen und umsetzen können.

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