Telgte
„Deutschland muss anfangen“

Sonntag, 17.04.2011, 07:04 Uhr

Westbevern - „Wo ist Meggi eigentlich?“, fragt ein Azubi. „Ich hab Meggi noch nicht gesehen, sie müsste eigentlich längst da sein“, bekommt er eine Antwort. Wer das Vergnügen hat, auch nur fünf Minuten am Empfang der Firma Münstermann das Geschehen dort verfolgen zu dürfen, der weiß, was flache Hierarchien sind. Wer länger bleibt, der weiß auch: Er funktioniert, der Umgang auf Augenhöhe.

„Meggi“, das ist Magdalena Münstermann, Chefin des gleichnamigen Maschinenbauers in Westbevern. Streng genommen, das sei an dieser Stelle der Korrektheit geschuldet, sind ihr Sohn und ihr Mann Geschäftsführer. Fünf Auszubildenden im Alter von 18 bis 23 Jahren hat Magdalena Münstermann an diesem Frühlingsmorgen „frei gegeben“, sie alle sind bereit, öffentlich über die Zukunft zu sprechen? Was ist ihnen wichtig? Wovor haben sie vielleicht Angst? Welche Themen beschäftigen sie? Wie finden sie das Land, die Bundesrepublik Deutschland, in dem sie leben?

„Aktuell beschäftigt mich die Sache mit den Atomkraftwerken. Was absolut gar nicht geht, sind kurzfristige Profite, mit denen unsere Zukunft aufs Spiel gesetzt wird“, hält sich Florian Höft (22) nicht mit Vorgeplänkel auf. Er wird Technischer Zeichner, seine Ausbildung umfasst das Lernen bei Münstermann und das Studieren an der Haver Academy in Oelde respektive Paderborn. „In Abklingbecken liegen Brennstäbe, die dort nur zwischengelagert werden, weil es günstiger ist. Gegen Flugzeugabstürze sind die nicht gesichert.“

„Muss das weitergehen mit der Atomkraft? Würden wir es geregelt kriegen, nur mit alternativen Energien versorgt zu werden?“, gibt Wilhelm Schmidt (21) wieder, welche Gedanken ihn beschäftigen. Und er versichert - genauso wie die vier anderen Auszubildenden auch - nicht erst seit Fukushima über diese Fragen nachzudenken. Wilhelm Schmidt gibt auch sofort die Antwort auf die von ihm gestellten zwei Fragen: „Ich denke, ja. Wir kommen ohne Atomkraft aus - weil Deutschland ein Maschinenbauland ist, weil wir viele kluge Köpfe haben, die Maschinen entwickeln können.“

Das Abschalten „hart auf hart“ der ältesten Meiler drei Tage nach dem Unglück in Japan hält Schmidt für eine falsche Entscheidung. „Kontrolliert und überlegt“ müssten Meiler vom Netz genommen werden. „ RWE klagt jetzt und streicht wahrscheinlich das Geld zur Entwicklung alternativer Energien“, spricht der 21-Jährige den Atomkompromiss an, den Angela Merkel und die Energiekonzerne Ende 2010 ausgehandelt hatten.

Michael Ahlers, der dieselbe Ausbildung durchläuft wie Florian Höft und Wilhelm Schmidt, sagt sarkastisch: „Die Erkenntnis des Jahres 2011 ist also, dass Atomkraft gefährlich ist. Das wussten wir also vorher nicht - ich finde das erschreckend.“ Der 23-Jährige argumentiert: „In 50, 60 Jahren gibt es kein Öl mehr. Wir brauchen nicht noch ein paar Kriege wegen Öl.“ Er verstehe einfach nicht, dass Deutschland nicht schon viel weiter in der Entwicklung und Verbreitung alternativer Energien sei. „Selbst jetzt, kurz vor dem Ende der fossilen Ressourcen, wird nicht alles getan, um alternative Energie voranzutreiben.“

Das Wort „Lobbyismus“ fällt, Florian Höft schmeißt es in den Konferenzsaal der Firma Münstermann, der übrigens „Berlin“ heißt.

Alle fünf Auszubildenden sind überzeugt, dass Deutschland Vorbild sein müsse und es nicht primär entscheidend sein dürfe, was andere Länder machen. „Einer muss anfangen“, sagt Jan Steinhoff (18). Auch er wird Metallbauer, Fachrichtung Konstruktionstechnik. Jan Steinhoff ist überzeugt, dass „die EU den Ländern Vorgaben in der Energiepolitik verpassen“ muss.

„Kriegen wir die Energiewende hin?“ Diese Frage stellt Markus Ahlers und beantwortet sie auch gleich: „Wenn nicht Deutschland, wer dann?“ Nein, auswandern, weil Europa dicht besiedelt ist und auf dem Kontinent viele Atommeiler stehen, will keiner. „Dafür ist es hier viel zu schön“, sagt Florian Höft. Der an diesem Morgen das zweite Thema, das die fünf Azubis auch beschäftigt, anspricht, wenn es sie auch nicht so stark bewegt wie die Energiepolitik. Es ist die Bildungspolitik.

Deutschland, sagt Höft, habe keine nennenswerten eigenen Ressourcen. „Unsere Ressource ist der Nachwuchs.“ Daher müssten die Besten Lehrer werden. Das Ansehen, das der Lehrerberuf habe, müsse steigen.

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