Telgte
„Das Leben in der ehemaligen DDR war anders“

Samstag, 16.07.2011, 12:07 Uhr

Telgte - Wie lebten Jugendliche zwischen Stasi-Terror, Lebensmittelmarken und Jeans aus dem Konsummarkt? Dieser spannenden Frage gingen Schüler der Erprobungsstufe des Maria-Sibylla-Merian-Gymnasiums im Rahmen des Geschichtsunterricht nach. Referendar Tom Hefter , der die Reihe über die deutsch-deutsche Vergangenheit initiiert hatte, erklärte: „Eine gute Schülerin fragte mich, ob Telgte denn in der DDR oder in Westdeutschland gelegen habe. Da wurde mir klar, wie wenig die jungen Menschen über unsere jüngste Geschichte und die undemokratische Vergangenheit wissen.“

Die Idee war, eine Unterrichtsreihe zu gestalten, in der die Schüler nicht trocken Daten und Termine über die beiden deutschen Staaten büffeln, sondern sich mit Zeitzeugen auseinandersetzen und für die Schule ein Stück Geschichte sicht- und vermittelbar zu machen. Die beiden Zeitzeugen fanden sich in Schulleiter Harald Voß , dessen Familie noch vor dem Mauerbau aus der DDR geflohen war, und Heike Uwis, die ihre Jugend in der ehemaligen DDR verbrachte, dort studierte und den Mauerfall fast verpasst hätte. Ihre Tochter Franziska, die die gymnasiale Oberstufe besucht, sowie deren Mitschüler Hendrik Wiegert hatten für die beiden Zeitzeugen ein Interview vorbereitet, in dessen Verlauf sie aus ihrer Jugend und über das alltägliche Leben in der Deutschen Demokratischen Republik berichteten.

Harald Voß, dessen Mutter als politisch verfolgt galt, mahnte, die DDR nicht zu romantisieren. „Wir waren in unserer Freiheit erheblich eingeschränkt. Und insgesamt ging es kaum jemandem wirklich gut. Wenn in Leipzig Messe war, dann gab es auf dem Land weder Würstchen noch Bier noch Brause. Die Versorgungsengpässe waren einfach da.“

Heike Uwis, deren Erfahrungsberichte die des Schulleiters hervorragend ergänzten, schlug in dieselbe Kerbe. „Alle reden immer davon, dass das Gesundheitssystem so toll gewesen sei, mit den Polikliniken und dem kostenfreien Zugang zu ärztlicher Behandlung. Dabei gab es viel zu wenig Ärzte und erst recht keine flächendeckende gesundheitliche Versorgung.“

Immer wieder fragten die Schüler vor allem nach dem persönlichen Empfinden ihrer Interviewpartner und förderten so ein Bild vom ganz normalen Leben in der DDR zutage. Heike Uwis berichtete ausführlich aus ihrer Schulzeit. „Natürlich haben wir die Westmode imitiert, haben einfach versucht, uns die Sachen nachzunähen. Es war schließlich nicht so, dass wir komplett von der Außenwelt abgeschnitten waren. Bei uns gab es Westfernsehen und regelmäßige Besuche von Verwandten, die uns neue technische Geräte und ähnliche Dinge organisierten. In der DDR lief vieles über Tauschhandel.“ Voß, der mit seiner und einer weiteren Familie in einem 40-qm-Zimmer einer Flüchtlingsunterkunft wohnen musste, berichtete von der schwierigen Zeit nach der Republikflucht.

Das Interview der beiden Schüler wurde gerahmt durch eine Plakatausstellung, die derzeit auf den Fluren des Gymnasiums zu sehen ist. Verena Preuss, die diese Ausstellung gewann, stellte sie der Schule zur Verfügung. „Sowohl der Auftritt von Heike Uwis als auch die großzügige Gabe von Frau Preuss sind tolle Beispiele für Elternbeteiligung am schulischen Alltag“, freute sich Tom Hefter.

Am 20. September, gleichsam als Höhepunkt der Ausstellung, kommt der Vorsitzende der Stiftung Aufarbeitung, Rainer Eppelmann, nach Telgte. Der Theologe Eppelmann, der in der letzten Regierung der DDR 1990 unter Lothar de Maizière Minister für Abrüstung war, wird einen Vortrag im Bürgerhaus halten.

„Er wird somit einen tollen Abschluss zur Arbeit der Schüler liefern“, zeigte Hefter sich begeistert über den Besuch nach den Ferien.

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