Als der Mais nach Telgte kam
Tidde, Dieckhoff und Poppenborg sprechen über Veränderungen in der Landwirtschaft

Telgte -

Die kleine Revolution auf dem Acker vollzog sich vor 55 Jahren unspektakulär. Nach sechs Monaten, die er als Landwirtschaftsschüler in Betrieben in den USA verbracht hatte, kehrte Heinz Dieckhoff 1956 mit einer Fülle an Ideen in die Heimat zurück. Besonders angetan hatte es ihm der Mais.

Dienstag, 25.12.2012, 11:12 Uhr

Antonius Tidde, Heinz Dieckhoff und Helmut Poppenborg (v.l.) haben die Veränderungen in der Landwirtschaft in den vergangenen Jahrzehnten hautnah miterlebt. .
Antonius Tidde, Heinz Dieckhoff und Helmut Poppenborg (v.l.) haben die Veränderungen in der Landwirtschaft in den vergangenen Jahrzehnten hautnah miterlebt. . Foto: Große Hüttmann

Die kleine Revolution auf dem Acker vollzog sich vor 55 Jahren unspektakulär. Nach sechs Monaten, die er als Landwirtschaftsschüler in Betrieben in den USA verbracht hatte, kehrte Heinz Dieckhoff 1956 mit einer Fülle an Ideen in die Heimat zurück. Besonders angetan hatte es ihm der Mais . Zu einer seiner ersten Maßnahmen auf eigener Scholle zählte daher der Anbau dieser Pflanze.

„Ich habe mit einigen Reihen hinter dem Krankenhaus angefangen“, erzählt der heute 77-Jährige. Die erste Ernte war schlecht, und etliche Berufskollegen belächelten die Versuche. Doch der Jung-Landwirt ließ sich davon nicht entmutigen. Bereits im nächsten Jahr baute er zehn Morgen Mais an und überzeugte – in Zusammenarbeit mit einem Ostbeverner Berufskollegen – einen Lohnunternehmer davon, sich die erste Erntemaschine zu kaufen.

In den nächsten Jahren und Jahrzehnten verdrängte der Mais vor allem die Kartoffel von vielen Äckern in Telgte . Ein plastisches Beispiel für die Veränderungen in der Landwirtschaft.

Schwere körperliche Arbeit auf den Höfen war noch vor fünf oder sechs Jahrzehnten an der Tagesordnung. Aber was für Antonius Tidde noch viel gravierender ist: „Die Arbeit, die früher von vier Kräften erledigt wurde, die macht nun einer. Und das in der Hälfte der Zeit. Den Maschinen sei Dank.“

Außerdem seien aufgrund von Züchtungen sowie neuer Methoden bei der Bodenbearbeitung die Erträge stark gestiegen. Diese Faktoren sowie eine immer weiter fortschreitende Spezialisierung hätten dazu geführt, dass sich der Umsatz pro Hof verändert habe. Er betrage heute teilweise das 30- oder 40-fache dessen, was noch vor vier Jahrzehnten Standard gewesen sei.

Helmut Poppenborg bringt in diesem Zusammenhang die Veredlung ins Spiel, also die Umwandlung von pflanzlichen in höherwertige Tierprodukte. „Die hat die Blütezeit der Genossenschaften gebracht“, sagt er und nennt Zahlen. 1978 habe der Umsatz der Raiffeisen in Telgte noch bei 8,8 Millionen Mark gelegen. Mittlerweile – auch bedingt durch Fusionen – marschiere er stramm auf die 90 Millionen Euro-Marke zu.

Dass die Entwicklungen auch immense Gefahren bergen, wissen alle drei Fachleute nur zu gut. „Gut und schlecht liegen immer enger zusammen“, sagt Helmut Poppenborg. Wirtschaftliche Fehlentscheidungen oder Preisschwankungen bei den Produkten würden angesichts der stark gewachsenen Stückzahlen erhebliche Auswirkungen auf die betriebswirtschaftlichen Kennzahlen haben. „Wenn man bei 100 Schweinen Verluste macht, dann kann man das verschmerzen. Bei einigen Tausend kann das aber schnell kritisch werden“, sagt Tidde.

Ein weiterer Trend: Die Betriebe werden immer weniger und dafür immer größer. Das habe beispielsweise in der Bauerschaft Vechtrup dazu geführt, dass von einst mehr als 30 Höfen derzeit nur noch jeder vierte im Vollerwerb bewirtschaftet werde – und ein Ende sei noch nicht absehbar.

War damit früher alles besser? Heinz Dieckhoff überlegt nicht lange. „Veränderungen in der Landwirtschaft hat es immer gegeben und wird es immer geben.“ Und Antonius Tidde ergänzt: „Wir müssen uns den geänderten Rahmenbedingungen stellen und die Herausforderungen annehmen.“

Doch eines wollen Helmut Poppenborg, Antonius Tidde und Heinz Dieckhoff nicht zulassen:  „Die bäuerlichen Familienstrukturen im Münsterland dürfen nicht für eine industrielle Produktion geopfert werden“, sagen sie übereinstimmend.

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